Die Notenbanker sind zurück im Krisenmodus

Noch tiefere Zinsen drohen. Und Donald Trump schränkt den Spielraum von SNB-Präsident Thomas Jordan ein.

«Die Risiken für die Weltwirtschaft sind ausgeprägter als an der letzten Lagebeurteilung», sagt SNB-Präsident Thomas Jordan. Foto: Keystone

«Die Risiken für die Weltwirtschaft sind ausgeprägter als an der letzten Lagebeurteilung», sagt SNB-Präsident Thomas Jordan. Foto: Keystone

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In den vergangenen zwei Wochen wurde klar: Weltweit ist die Normalisierung der Geldpolitik nicht nur abgesagt, sie bewegt sich wieder zurück Richtung Krisenmodus. Was droht, sind nicht nur länger anhaltende tiefe und negative Zinsen, sondern deren weiterer Rückgang.

Diese Erwartung lässt sich allein an gängigen Indikatoren für das langfristige Zinsniveau ablesen, den Renditen zehnjähriger Staatsanleihen: Allein in den USA ist die Rendite der entsprechenden «Treasuries» innert eines Monats von bereits extrem tiefen 2,4 Prozent auf einen Wert von nur noch knapp über 2 Prozent gefallen.

Die zehnjährige Anleihe des deutschen Staates (Bund) fiel in diesem Zeitraum von -0,06 auf rund -0,3 Prozent und jene der Schweizer Eidgenossenschaft von -0,34 auf -0,48 Prozent. Freude an dieser Entwicklung haben bisher noch die Aktienanleger, weil die Erwartung weiter geöffneter Geldschleusen die Kurse zu neuen Rekorden treibt. Bereits seit der Finanzkrise ist die Geldpolitik die wichtigste Stütze der Börsen.

Alle anderen aber haben Grund zur Sorge. Die Erwartungen spiegeln die Aussagen und Beschlüsse der Notenbanker in den letzten Wochen, die sich überall immer stärker vor einer deutlichen Abschwächung der Wirtschaft fürchten – und ganz besonders vor einem ausufernden Handelskrieg – und deshalb den Geldhahn eher weiter zu öffnen bereit sind, als ihn zu langsam zu schliessen. Das Paradoxe dabei ist allerdings, dass die US-Regierung unter Donald Trump, die diese Sorgen und Reaktionen vor allem auslöst, die Antwort der Notenbanken als feindlichen Akt betrachtet, als weitere Massnahme in einem Währungskrieg.

Donald Trump spricht von einem Währungskrieg. Foto: Reuters

Den radikalsten Wechsel hat die US-Notenbank Fed vollzogen. Sie galt noch vor kurzem als Vorreiterin und Hoffnungsträgerin der Normalisierung. In insgesamt neun Zinsschritten hat sie seit dem Dezember 2015 ihren Leitzins auf ein Zielband von 2,25 bis 2,5 Prozent angehoben, während dieser bei anderen Notenbanken weiter bei null oder im negativen Bereich verharrt.

Schubumkehr beim Fed

Und weil selbst der erreichte US-Zinssatz im historischen Vergleich noch immer sehr tief liegt, war noch bis vor kurzem zu erwarten, dass die Zinsen in den USA weiter steigen. Doch schon Ende 2018 hat der Wind gedreht. Erst hiess es, die Erhöhungen würden vorerst ausgesetzt, seit dem Auftritt von Fed Chef Jerome Powell am Mittwoch wissen wir, dass das Fed eine komplette Kehrtwende vollzogen hat. Jetzt ist künftig sogar mit Zinssenkungen zu rechnen. Das erwarten auch Bankanalysten, und so lässt es sich aus Kapitalmarktdaten lesen.

Obwohl der amerikanische Präsident Donald Trump eine solche Kehrtwende von Powell immer verlangt hat – ihm aber nichts vorschreiben kann –, zeigte er sich weiter unzufrieden mit der Notenbank. Es wurde auch bekannt, dass Trump im Februar prüfen liess, wie er den von ihm inthronisierten Chef des Fed wieder absetzen kann. Selbst am Mittwoch soll sich der Präsident gemäss einem Bloomberg-Bericht überzeugt gezeigt haben, dass dies in seiner Macht steht. Powell selbst dementierte das.

Im Vordergrund stehen politische Unsicherheiten sowie handelspolitische Spannungen.Thomas Jordan, SNB-Präsident

Rund eine Woche vor dem Fed hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihre Zinsziele zwar wie erwartet unverändert belassen und wie immer betont, dass sie notfalls bereit wäre, den mit -0,75 bereits rekordtiefen Leitzins weiter ins Negative zu senken und trotz einer gigantischen Bilanz auch wieder Devisen zu kaufen, um den Franken bei Bedarf zu schwächen. Diesmal hat diese Botschaft aber deutlich mehr Gewicht. Auffällig deutlich machte SNB-Präsident Thomas Jordan klar, dass die Risiken für die Weltwirtschaft nicht nur «abwärtsgerichtet» sind, sondern auch noch «ausgeprägter als an der letzten Lagebeurteilung». Im Vordergrund würden dabei «politische Unsicherheiten sowie die handelspolitischen Spannungen» stehen. An den Devisenmärkten wird der Franken bereits laufend teurer, was sich im immer billigeren Euro zeigt. Am Freitagnachmittag wurde der Euro für nur noch 1.11 Franken gehandelt. Ende April vor einem Jahr kostete er noch knapp 1.20 Franken.

Verfahrene Situation für die Nationalbank

Bankanalysten schlossen nach den Verlautbarungen, dass die SNB noch lange nicht vom geldpolitischen Gaspedal abrücken wird – sondern eher noch stärker draufdrückt. Vor Ende 2020 sei nicht mit einem Zinsschritt zu rechnen, schrieb etwa die UBS. Die Ökonomen der Bank schliessen selbst eine weitere Zinssenkung nicht aus, rechnen aber eher damit, dass die SNB bei einer erneuten Aufwertung zur Abwehr noch mehr Devisen kauft – auch wenn ihre Bilanz bereits mit einer Summe von 843 Milliarden Franken aus allen Nähten platzt.

Bei der Credit Suisse hat man Tage später ebenfalls darüber spekuliert, was denn die SNB noch tun könnte. In einem Bericht der Bank wird festgehalten, die Politik der Notenbank sei eigentlich angesichts des starken Frankens gar nicht so expansiv, denn dessen anhaltende Überbewertung habe in etwa den gleichen Effekt wie um 1 bis 2 Prozent höhere Leitzinsen. Weiter ist laut Credit Suisse der geschätzte «natürliche Zins», der für eine ausgeglichene Wirtschaft langfristig nötig wäre, in der Schweiz ohnehin negativ.

Die Schlussfolgerung daraus: Bewahrheiten sich die Befürchtungen zur Weltwirtschaft, muss die SNB die Zinsen weiter ins Negative senken oder Devisen kaufen. Obwohl die Ökonomen der Credit Suisse betonen, wie eng die Möglichkeiten der Notenbank geworden sind, schliesst sie aus dem Umstand, dass jüngst die Nachfrage nach Bargeld in der Schweiz gemessen an den 1000er-Noten zurückgegangen ist, dass die SNB bei den Zinsen wohl doch etwas Spielraum in den negativen Bereich hat, bevor ein grosser Run in Cash einsetzen würde.

Auch Draghi will noch mehr Gas geben

Dass auch Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), bereit ist, die Geldschleusen weiter zu öffnen, wurde am Mittwoch deutlich. Eigentlich hat er an einer Konferenz seines Instituts im portugiesischen Sintra nur über die 20-jährige Geschichte des Euro referiert. Aber am Rand dennoch wenig konkret erklärt, dass seine Notenbank angesichts der vorhandenen Risiken keine Tabus dabei kenne, unkonventionelle Massnahmen wie Negativzinsen, Käufe von Staatsanleihen und langfristige Billigkredite an Banken zur Geldversorgung einzusetzen. Die Bemerkungen von Draghi führten unmittelbar zu einem Taucher des Euro gegenüber der US-Währung auf unter 1,12 Dollar pro Euro.

EZB-Präsident Mario Draghi sagte, dass seine Notenbank angesichts der vorhandenen Risiken keine Tabus kennt. Foto: Keystone

Darauf reagiert prompt US-Präsident Donald Trump in mehreren Beiträgen per Twitter. Für ihn ist das Vorgehen der Europäer «unfair». Denn das mache es für die Europäer «einfacher, mit den USA im Wettbewerb zu stehen. Damit sind sie seit Jahren davongekommen – zusammen mit China und anderen.» Das kommt einer Drohung gleich, denn von Trump ist bisher bekannt, dass er auf solche Einschätzungen Taten folgen lässt.

Das politische Risiko für die Schweiz

Mit jenen «anderen» hat Trump auch die Schweiz gemeint. Zwar steht das Land im jüngsten Bericht der USA über potenzielle Währungsmanipulatoren neu nicht mehr unter Beobachtung. Aber nur, weil die Schweiz nicht mehr die von den USA aufgestellten Kriterien dafür erfüllt. Eines davon sind Interventionen der Notenbank auf den Devisenmärkten. Würde deshalb die Nationalbank solche Interventionen zur Verhinderung einer weiteren Franken-Überbewertung wieder aufnehmen, geriete sie in den USA auch wieder unter Verdacht.

Die Politik der Schweizerischen Nationalbank hat zwar nicht zum Ziel, den Franken zum Nachteil anderer zu schwächen; sie will einzig dessen Überbewertung verhindern. Doch diese Feinheit dürfte aus Sicht der Amerikaner immer wenig Gewicht haben. So lange im Handelskrieg die Währungspolitik stärker in den Fokus des US-Präsidenten gerät, dürfte das Vorgehen nicht nur der EZB, sondern auch der SNB in den USA mit Argwohn beobachtet werden.

Je mehr zudem ein Abwertungsewettbewerb an den Devisenmärkten erwartet wird, desto mehr rückt die Rolle des Schweizer Franken als sicherer Hafen wieder ins Zentrum. Die Möglichkeiten der SNB, darauf zu reagieren, werden zunehmend nicht nur durch bereits tiefe Negativzinsen und die aufgeblähte Bilanz eingeschränkt, sondern auch durch einen US-Präsidenten, der jede Handlung gegen eine Aufwertung als feindlichen Akt taxieren könnte.

Erstellt: 21.06.2019, 19:10 Uhr

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