Die Nullzinsen sind keine Nullzinsen

Und wenn sie es wären, wäre das auch nicht so schlimm. Historische Erkenntnisse zur Geldillusion und der vermeintlichen finanziellen Repression durch die Staaten und Notenbanken.

Sie schwankten in der Vergangenheit stark: Realzinsen seit 1974.


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Was bringt es heute noch, Geld auf dem Sparkonto zu lagern? Nicht viel, würde man meinen, wenn man die aktuellen Zinssätze der Banken anschaut. 0,050 Prozent pro Jahr bietet beispielsweise die Zürcher Kantonalbank. Ab einer halben Million Franken sind es sogar 0,000 Prozent. Richtig, null Komma null null null Prozent: Das Sparbuch wirft also rein gar nichts mehr ab, die Bank wird zum reinen Aufbewahrungsort für das Geld.

Oder lohnt sich das Sparen doch? Oft vergessen geht, dass für Anleger eigentlich nicht die nominalen, sondern die realen Zinsen ausschlaggebend sind – also die Zinsen nach Berücksichtigung der jährlichen Inflation. Diese liegen derzeit über null, wie die obige Grafik zeigt. Dies, weil die Teuerung negativ ist. Die Konsumentenpreise fielen etwa im Februar um 0,8 Prozent. Das heisst, dass beispielsweise 10-jährige eidgenössische Anleihen real nicht 0,1 Prozent pro Jahr abwerfen, so wie es die nominale Rendite suggeriert, sondern eigentlich 0,9 Prozent.

Immer wieder Phasen niedriger Realzinsen

Auch das ist im Verständnis der meisten Sparer zwar nicht wahnsinnig viel. Allerdings ist die Zahl geschichtlich kein Tiefstwert. In den letzten vierzig Jahren gab es immer wieder Phasen, in denen die realen Zinsen zeitweise unter null fielen. So zum Beispiel Ende der 1970er-Jahre und Ende der 1980er-Jahre. Generell lässt sich feststellen: Hohe Realzinsen von 2 Prozent und mehr, so wie sie von den 1990er- bis Mitte der 2000er-Jahre herrschten, sind historisch eher die Ausnahme.

Aktuell betont besonders die Nationalbank, dass Anleger nicht nur auf die nominalen, sondern auf die realen Zinsen achten sollten. Das ist kein Zufall: Die Notenbank steht wegen der Negativzinsen, die sie dieses Jahr eingeführt hat, unter Beschuss. Speziell die Pensionskassen fürchten um ihre Renditen. Wie die SNB allerdings hervorhebt, sind negative Realzinsen gar nicht so selten. In einem Referat platzierte Direktoriumsmitglied Fritz Zurbrügg jüngst die folgende Grafik. Sie zeigt, dass die realen 12-Monats-Zinsen auch Mitte der 2000er-Jahre länger unter null lagen.

Dass Wirtschaftssubjekte leicht den Effekt der jährlichen Teuerung übersehen, ist für die Forschung nichts Neues. Ökonomen nennen das Phänomen auch «Geldwertillusion». Diese Täuschung bewirkt etwa, dass Arbeitnehmer auch in Krisenzeiten vielfach keine Lohnkürzungen in Kauf nehmen wollen – obwohl die Inflation dann meist negativ ist. Diese Tatsache gilt unter anderem als Grund dafür, dass die Arbeitslosigkeit im Abschwung unnötig stark ansteigt.

Vermeintliche Repression, vermeintlicher Schaden

Dagegen operiert die Finanzindustrie mit einem eigenen Kampfbegriff. Sie spricht in letzter Zeit wieder vermehrt von «finanzieller Repression» – meist, um Kritik an der lockeren Geldpolitik zu üben. Ein Beispiel ist die Swiss Re: Die Rückversicherung beklagt in einer jüngst erschienenen Studie die hohen Kosten, welche die Quantitative-Easing-Politik der Notenbanken aus den USA und aus Europa für Anleger verursachen. Auch Raiffeisen hat dem Thema diese Woche eine Studie gewidmet.

Problematisch an diesen Untersuchungen ist, dass vielfach alles in einen Topf geworfen wird: die Anleihenkäufe durch die Notenbanken (die zu niedrigeren Anlagerenditen führen), die verschärften Regulierungen (die Banken zum Kauf zusätzlicher Wertpapiere zwingen und so ebenfalls die Renditen schmälern), die Verschuldung der Staaten (die vielfach als eigentlicher Grund für die lockere Geldpolitik gesehen wird). So unterschiedlich der Nutzen dieser verschiedenen Dinge ist, so pauschal operiert die Swiss Re: Sie lässt alles einfach in einen Index einfliessen. Dieser taugt für Propaganda, sagt konkret aber sehr wenig aus.

Wie hätte sich die Wirtschaft ohne die Tiefzinspolitik entwickelt? Was für langfristige Folgen hätte eine restriktive Geldpolitik für die Anlagerenditen gehabt? Inwiefern sind andere Faktoren – wie beispielsweise der technologische Fortschritt oder die Globalisierung, und nicht nur die Politik der Notenbanken und Staaten – für den Rückgang der Inflationsraten und der Anlagerenditen verantwortlich? Solche Fragen bleiben typischerweise unbeantwortet, wenn professionelle Investoren über die sogenannte finanzielle Repression lästern.

Die Unterscheidung zwischen Real- und Nominalzinsen ist nur die offensichtlichste Differenzierung, die dabei unter den Tisch fällt. Vielfach verschweigt die Finanzindustrie auch, dass Anleger gerade in den erfolgreichsten Wirtschaftsepochen «unterdrückt» wurden. Auf diese Tatsache weisen immerhin die Raiffeisen-Forscher hin: Wie sie schreiben, herrschten vom Zweiten Weltkrieg bis in die 70er-Jahre durchschnittlich leicht negative Realzinsen. Die damalige Ära gilt heute als Zeit des Wirtschaftswunders. Das Wachstum war hoch, die Staaten bauten ihre Schulden ab.

Erstellt: 01.04.2015, 20:19 Uhr

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