Die Ohnmacht der Notenbanker

Im Falle einer Rezession bleibt den Notenbanken wenig Spielraum. Ex-Mitarbeiterinnen der SNB haben jetzt einen radikalen Lösungsvorschlag.

Die Schweizerische Nationalbank um Präsident Thomas Jordan gibt die Richtung vor. Ihre Geldpolitik wird allerdings kontrovers beurteilt. Foto: Keystone

Die Schweizerische Nationalbank um Präsident Thomas Jordan gibt die Richtung vor. Ihre Geldpolitik wird allerdings kontrovers beurteilt. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Bargeld sollte an Wert verlieren: Diesen radikalen Vorschlag machen in einer Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) die beiden Ökonominnen Katrin Assenmacher und Signe Krogstrup. In einem aktuellen Onlinebeitrag wirbt der IWF weiter dafür. Assenmacher und Krogstrup waren früher bei der SNB als Forscherinnen tätig. Der Grund für den Vorstoss ist der Umstand, dass viele Notenbanken im Falle eines weiteren Wirtschaftsabschwungs oder sogar einer Rezession ihren Leitzins kaum mehr weiter in den negativen Bereich senken können. Negative Zinsen bedeuten, dass man für hinterlegtes Geld noch draufzahlen muss, statt dass man etwas erhält.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat mit ihrem Leitzins von –0,75 Prozent bereits einen internationalen Rekord-Tiefstwert erreicht. Der Zusammenhang zum Bargeld: Nur wenn es sich für niemanden mehr lohnt, darauf auszuweichen, kann das Zinsniveau deutlich stärker als jetzt in den negativen Bereich gedrückt werden. Sonst weichen Kontoinhaber, Unternehmen und auch Banken diesen Abgaben auf ihren Einlagen aus, indem sie eben Cash horten. Bis jetzt lohnt sich das für die mit Negativzinsen Belasteten vor allem deshalb nicht, weil sie die Bargeldhaltung angesichts von Sicherheits- und Lagerkosten teurer zu stehen käme.

Das Thema noch tieferer Leitzinsen hat aktuell eine besonders grosse Brisanz. Die Leitzinsen der Notenbanken sind das wichtigste Instrument gegen einen Einbruch der Wirtschaft. Damit können sie das generelle Zinsniveau normalerweise zum Sinken bringen. So wird Kapital für Investitionen günstiger und die Leute geben Geld eher aus, als dass sie es auf die hohe Kante legen. Zudem gibt das auch Vermögenswerten wie Aktien, Anleihen und Immobilien Schub und vergünstigt die Währung. All das befeuert den Wirtschaftsmotor aufs Neue.

Halb so starkes Wirtschaftswachstum

Angesichts der Negativzinsen sind die Notenbanken jetzt aber weitgehend machtlos. Für die nächste Zukunft erwartet zwar noch kein Prognostiker eine Rezession oder Ähnliches. Zu beobachten ist erst eine Abkühlung im Vergleich zu hohen Wachstumsraten bis zum Sommer 2018, was im laufenden Jahr etwa gemäss den Ökonomen des Bundes mit 1,5 Prozent zu einem fast halb so starken Wirtschaftswachstum wie im Vorjahr führen soll, als es sich noch auf 2,6 Prozent belief. Von allen Seiten werden aber Risiken betont, die die Weltwirtschaft härter als erwartet treffen können und damit auch die Schweiz: Dazu gehören der Handelskrieg, die labile Wirtschaftslage in Europa und ein deutlicher Konjunkturdämpfer in China. Eine Anhebung der Leitzinsen dürfte deshalb ohnehin für längere Zeit ausgeschlossen bleiben, sind an den Kapitalmärkten viele überzeugt.

Wie der einstige Finanzminister und Ökonom Larry Summers aus historischen Daten errechnet hat, sind bei einer Rezession Leitzinssenkungen zwischen 3 und 6 Prozentpunkten nötig, um einer Wirtschaft wieder den nötigen Schwung zu verleihen. Für die Schweiz würde das bedeuten, dass die Negativzinsen auf bis –4 Prozent gesenkt werden müssten. Selbst in den USA – deren Notenbank ihren Leitzins seit Ende 2015 immerhin neunmal auf aktuell 2,25 bis 2,5 Prozent angehoben hat, wären dann Negativzinsen nötig.

Es gibt eine Untergrenze, ab der Negativzinsen die Konjunktur nicht mehr beeinflussen – nur ihre schädlichen Effekte verbleiben.

Eine Studie, die Summers zusammen mit weiteren Ökonomen diesen Januar am Beispiel von Schweden veröffentlicht hat, zeigt auf, wie schnell Negativzinsen an Grenzen stossen. Nur die ersten zwei Zinssenkungen in den negativen Bereich durch die Schwedische Reichsbank (auf –0,1 und dann auf –0,25 Prozent) haben dazu geführt, dass auch die Zinsen der Banken etwa für Hypotheken und Kredite ebenfalls gesunken sind. Bei weiteren zwei Zinssenkungen (auf –0,35 und auf –0,5 Prozent) blieb dieser Effekt aus. Im Gegenteil: Die Hypothekarzinsen sind sogar noch angestiegen. Das Gleiche war in der Schweiz zu beobachten. Ein wichtiger Grund dafür ist der gestiegene Druck auf die Margen der Banken. Während diese die Negativzinsen auf ihren Einlagen bei der Notenbank bezahlen müssen, belasten sie die gewöhnlichen Kontokunden – im Unterschied zu Grosskunden – bisher in der Regel nicht damit. Die meisten leiden nur indirekt durch ausfallende Erträge auf ihren Spar- und Pensionskassenguthaben. Weil das aber ihre Zinsmargen belastet, schlagen Banken die Kosten von Negativzinsen auf die Hypothekarzinsen, weshalb diese dann zunehmen.

Wie Summers und seine Kollegen aus ihrer Beobachtung schliessen, gibt es daher eine Untergrenze, ab der Negativzinsen die Konjunktur nicht mehr beeinflussen – und nur ihre schädlichen Effekte verbleiben. Bei Negativzinsen von –4 Prozent könnten die Banken kaum anders, als diese Kosten auch ihren gewöhnlichen Kunden zu überweisen. Eine breite Flucht ins Bargeld wäre zu erwarten. Die Ausgaben für das Horten und die Absicherung würden sich dann lohnen.

Bargeld lässt sich nicht abschaffen!

Eine Reihe von Ökonomen hat deshalb bereits gefordert, das Bargeld gleich ganz abzuschaffen. Die beiden Ökonominnen Assenmacher und Krogstrup halten dies in ihren Arbeiten für den IWF nicht für realistisch. Zu gross sind die Rolle und die Beliebtheit von Cash in vielen Ländern noch immer – das gilt besonders für die Schweiz. Deshalb ihr Vorschlag, der vorsieht, dass das Bargeld im gleichen Mass an Wert verlieren soll, wie die Einlagen auf den Konten belastet werden. In diesem Fall wäre es den (elektronisch verwendbaren) Einlagen gleichgestellt und es gäbe keine Möglichkeit mehr, den Negativzinsen auszuweichen, wie tief im negativen Bereich sie auch immer sind.

Konkret sollen Banken, wenn sie bei der Notenbank Bargeld aus ihren Einlagen abheben wollen, über die Zeit mehr davon erhalten , da der Wert von Cash im Verhältnis zu den Reserven im gleichen Ausmass abnehmen soll, wie die Reserven mit Negativzinsen belastet werden. Dasselbe soll auch umgekehrt bei Einzahlungen gelten. Das heisst, der Tauschkurs Reserven gegen Cash soll sich an den vorherrschenden Negativzinsen der Notenbank orientieren. Die Ökonominnen setzen schliesslich darauf, dass die Banken diesen Tauschkurs für Bargeld an ihre eigenen Kunden weitergeben. Auch wenn sie betonen, dass ein solches System relativ einfach eingeführt werden kann, sind damit Unmengen von Problemen verbunden, darunter etwa jenes, dass Preise und Löhne nicht mehr im nun laufend entwerteten Cash, sondern im Geldwert der Einlagen ausgewiesen werden müssten und sich die Leute auch daran orientieren sollten.

Die Nationalbank will zu diesem radikalen Vorschlag ihrer einstigen Mitarbeiterinnen nicht Stellung nehmen. Dass ein solches System in der Schweiz oder sonst wo umgesetzt werden könnte, ist angesichts seiner Komplexität und Radikalität aber so gut wie ausgeschlossen. Angesprochen auf künftige Reaktionsmöglichkeiten in einer Krise verweist man bei der SNB darauf, dass die bisherigen Massnahmen sich bereits als wirksam erwiesen haben und bei Bedarf noch ausgeweitet werden könnten: Das bezieht sich auf erneute Devisenkäufe durch neu geschaffene Franken und auf eine weitere Senkung der Leitzinsen in den negativen Bereich.

Die Forschung von Assenmacher und Krogstrup macht aber klar, dass Letzteres nicht mehr möglich ist. Damit blieben im Notfall weitere Devisenkäufe. Doch angesichts einer wachsenden Kritik am Umfang der Nationalbank-Bilanz dürfte auch das kein einfaches Unterfangen sein. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.02.2019, 16:32 Uhr

Artikel zum Thema

Die Politik der Nationalbank zerstört die Altersvorsorge

Kommentar Die Negativzinsen fressen das Anlagevermögen auf. Es ist Zeit für aussergewöhnliche Massnahmen. Mehr...

Herr Jordan, erklären Sie sich!

Leitartikel Die Nationalbank steht wegen ihrer Geldpolitik in der Kritik. Das ist weniger ein Problem ihrer Strategie als ihrer Kommunikation.  Mehr...

Warnung vor dem «Schweizer Roulette» der Nationalbank

Zwei deutsche Ökonomen raten von Geldanlagen in der Schweiz ab. Die Politik der SNB könne das Land in die Pleite treiben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Zahlgewohnheiten ändern sich

Für viele Menschen ist Bargeld heute noch das Nonplusultra. Kreditkarten gelten oft als teuer und eher unpraktisch. Doch die Zeiten ändern sich. Und vor allem die Karten selbst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nationalfeiertag: Ein Teilnehmer des St. Patrick's Festival posiert mit einer Polizistin in Dublin, Irland. (17. März 2019)
(Bild: Charles McQuillan/Getty Images) Mehr...