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Die Reform hat bereits begonnen

Zum Abschluss unserer Serie «Ökonomie in der Krise» legt der St. Galler Professor Gebhard Kirchgässner seine Sichtweise der Kritik an den Wirtschaftswissenschaften dar.

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Überraschend war nicht der Ausbruch der Finanzkrise, wohl aber das Ausmass ihrer Konsequenzen. Viele Ökonomen haben zwar nicht die Selbstheilungskräfte des Marktes, wohl aber die damit verbundenen gesellschaftlichen Kosten unterschätzt. So prognostizierte etwa die OECD noch im Juni 2008 allen ihren Ländern ausser Island positive Wachstumsraten für die Jahre 2008 und 2009. Tatsächlich sollten diese zwei Jahre als Zeit der schwersten Rezession seit den 1930er-Jahren in die Geschichte eingehen.

Die Krise rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Einige, wie Nobelpreisträger Robert Lucas, gaben zwar zu, dass etwa bei der Behandlung der Hypotheken in den Vereinigten Staaten Fehler passiert seien. Aber sie sahen darin kein Versagen der Theorie: Dass Menschen Fehler machen, könne man nicht der Theorie ankreiden. Andere, wie Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, machten die moderne makroökonomische Theorie verantwortlich. Sie forderten eine Rückkehr zu den keynesianischen Ideen der Nachkriegszeit. In Deutschland schliesslich gab es eine erhebliche Gruppe von Ökonomen, die forderten, man solle sich vom Irrweg der angelsächsisch dominierten, mathematisch-empirischen Ausrichtung abkoppeln und zur deutschen Ordnungsökonomik eines Walter Eucken zurückkehren.

Für eine historisch informierte Wirtschaftswissenschaft

Fehler wurden gemacht, daran besteht kein Zweifel. Dies gilt zum Beispiel für die Finanzmarkttheorie: Ihre Modelle sollten ursprünglich helfen, das Risiko verbriefter Hypotheken gleichzeitig einzuschätzen und einzugrenzen. Doch die Modelle vernachlässigten das systemische Risiko im Hypothekenmarkt: Als dieser in Schwierigkeiten geriet, stellten sich vermeintlich sichere Wertschriften entgegen allen Erwartungen als Ramschpapiere heraus.

In der makroökonomischen Theorie ging man bis vor der Krise davon aus, dass wir in einer Zeit der «Grossen Mässigung» leben. Die Schwankungen im Wirtschaftsablauf waren seit den Achtzigerjahren geringer geworden, die Inflation blieb tief. Man glaubte, dass dies auch in Zukunft so sein würde. Als blinder Fleck der Modelle stellte sich die Verbindung der realen Wirtschaft zum Finanzsektor heraus: Weil dieser in den Modellen nicht abgebildet war, konnten sie auch die Ausweitung der Finanz- zur allgemeinen Wirtschaftskrise nicht erfassen.

Auf die Fehler wurde jedoch auch reagiert. So nimmt sich die makroökonomische Theorie heute stärker der Finanzmärkte an. Die Annahme der grossen Mässigung dürfte kaum mehr vertreten werden; vielmehr wird die Frage, wie Krisen entstehen und welche Bedeutung sie für den Wirtschaftsablauf haben, wieder vermehrt diskutiert. Weitgehende Einigkeit besteht auch darüber, dass der Wirtschaftsgeschichte wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken ist. Es gibt eine junge Generation von Wirtschaftshistorikern, die sich auch in der ökonomischen Theorie auskennen und damit Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie miteinander verbinden können.

Adam Smiths Vermächtnis

Es braucht Ergänzungen, aber keinen vollständigen Neubeginn. Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens hat sich bewährt: Wir unterstellen Individuen, dass sie Intentionen haben, dass sie eine – wenn auch beschränkte und gelegentlich falsche – Vorstellung ihrer Handlungsmöglichkeiten haben und dass sie jene Handlungsalternative wählen, von der sie sich am meisten erwarten. Viele ihrer Handlungen werden sie routinemässig vollziehen. Doch sie sind lernfähig und werden ihr Verhalten ändern, wenn unerwünschte Konsequenzen auftreten.

Individuelle Handlungen beziehen sich auf andere Individuen, die ebenfalls handeln. Gesellschaftliches Handeln ist somit keine einfache Addition: Vielmehr sind die nicht intendierten Konsequenzen individuellen Handelns das eigentliche Untersuchungsgebiet einer Sozialwissenschaft und damit auch der Wirtschaftswissenschaft. An der Brauchbarkeit dieses Erklärungsansatzes, der zu seinen Vätern Adam Smith genauso wie Max Weber zählen darf, hat die Krise nichts geändert.

Auch an der Sinnhaftigkeit des Einsatzes mathematisch-statistischer Methoden hat die Finanz- und Wirtschaftskrise nichts geändert. Mathematik ist eine formale Sprache, die es erlaubt, die Gültigkeitsbedingungen von Aussagen exakt aufzuzeigen. Es ist zwar richtig, dass es in der theoretischen Ökonomie viele Arbeiten gibt, bei denen die wirtschaftspolitische Relevanz hinter dem aufwendigen – und teilweise auch sehr eleganten – mathematischen Apparat verschwindet. Doch die Mathematik ist unverzichtbar, sobald man theoretische Aussagen an der Wirklichkeit überprüfen will. Hinderlich mag das höchstens demjenigen sein, der sowieso zu wissen glaubt, wie die Welt funktioniert.

Die Volkswirtschaftslehre soll erklären, wie der Wirtschaftsablauf vor sich geht. Dabei geht es insbesondere auch um die Auswirkungen wirtschaftspolitischer Massnahmen. So haben neuere Untersuchungen ergeben, dass die Massnahmen der «aktiven Arbeitsmarktpolitik» – Lohnzuschüsse, Qualifizierungs- und Beschäftigungsmassnahmen – grösstenteils wirkungslos sind. Anhand der Schweizer Kantone konnte gezeigt werden, dass Schuldenbremsen ein effektives Mittel für eine nachhaltige Finanzpolitik sind. Will sich die Wirtschaftswissenschaft weiter als Realwissenschaft verstehen, so wird sie um den Einsatz mathematisch-statistischer Verfahren nicht herumkommen.

Bleiben wir realistisch

Die Deregulierung und Privatisierung, die wir seit den Siebzigerjahren erleben, hat sich als sehr viel problematischer erwiesen, als die meisten Ökonomen glaubten. Ein Weiter-wie-Bisher kann demnach kaum die Lösung der derzeitigen Vertrauenskrise sein. Genauso wenig ist jedoch ein völliger Neuanfang erforderlich.

Dies gilt selbstverständlich auch für die Rolle des Staates: Die Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass eine aktive Fiskalpolitik, die mit Defiziten arbeitet, in bestimmten Situationen erforderlich ist. Aber die andauernde Schuldenkrise hat auch die negativen Auswirkungen übermässiger Schulden deutlich gemacht. Der Staat kann kaum alles leisten, was jene, welche die Rückkehr zu traditionellen keynesianischen Konzepten fordern, von ihm erwarten. Wir sollten die Möglichkeiten des Staates kritisch einschätzen: sie weder unter- noch überschätzen.

Erstellt: 18.04.2012, 16:31 Uhr

Zum Autor

Gebhard Kirchgässner ist Direktor des Schweizerischen Instituts für Aussenwirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung (Siaw) an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsgebiete sind die neue politische Ökonomie sowie die angewandte Ökonometrie.

Serie «Ökonomie in der Krise»

Die Ökonomie steht in der Kritik: Zu marktgläubig, zu dogmatisch, zu imperialistisch sei die Disziplin. Nach der Wirtschaftskrise wird ein Neubeginn erwartet. Wie stehen Fachvertreter zu diesen Vorwürfen? Tagesanzeiger.ch/Newsnet lässt Schweizer Ökonomen in einer Serie zu Wort kommen.

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