«Die Regierung ist während
einer Wirtschaftskrise paralysiert»

Roberto Lavagna, Ex-Wirtschaftsminister Argentiniens, über die Rettung eines überschuldeten Staates.

«Mit einem Programm, das von aussen kommt, kann man keinen Erfolg haben»: Roberto Lavagna, der ehemalige Wirtschaftsminister Argentiniens.

«Mit einem Programm, das von aussen kommt, kann man keinen Erfolg haben»: Roberto Lavagna, der ehemalige Wirtschaftsminister Argentiniens. Bild: Keystone

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Griechenland ist knapp an der Staatspleite vorbeigeschrammt. Argentinien dagegen hat 2001 eine Staatspleite durchgemacht. Wie hat sich das abgespielt?
In Argentinien war es ja nicht nur so, dass der Staat kein Geld mehr hatte. In den Provinzen waren 14 verschiedene Währungen im Umlauf, die Banken waren während 24 Tagen geschlossen, das Wirtschaftsleben war komplett paralysiert, eine der vorherigen Regierungen hat die Währung abgeschwächt, die Preise der Produkte waren gestiegen, die Inflation betrug allein im April 2002 10,4 Prozent. Das Land befand sich das vierte Jahr in Folge in einer Rezession, die Wirtschaftsleistung war parallel dazu um 20 Prozent gesunken. Das alles traf ich an, als ich Wirtschaftsminister wurde. Die Situation war chaotisch.

Und was taten Sie?
Als mich Präsident Eduardo Duhalde im Frühjahr 2002 anrief, war ich gerade in Genf. Er musste den vakanten Posten des Wirtschaftsministers raschestmöglich wieder besetzen. Er flehte: «Kommen Sie noch diese Nacht nach Argentinien zurück!» – «So schnell kann ich nicht kommen», antwortete ich. Die Anfrage überraschte mich. Ich kannte den Präsidenten dem Namen nach, aber nicht persönlich und sagte offen: «Ich habe nicht einmal für Sie gestimmt.»

Was Duhalde nicht gefallen hat.
Er sagte nur: «Das spielt keine Rolle.»

In Wirtschaftskrisen herrschen oft chaotische Zustände. Auch in Regierungen?
Ich habe von einer Szene gehört, in der der französische Präsident Nicolas Sarkozy während der Griechenlandkrise gesagt haben soll: «Hört auf, auf den griechischen Präsidenten Papandreou einzuschlagen, er reagiert nicht einmal mehr.» Schauen Sie: In einer Krise sollte die Regierung Entscheidungen treffen. Das ist die Theorie. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Regierung ist während einer Wirtschaftskrise paralysiert.

Und doch muss sie handeln.
Meine Situation war eine besondere. Als ich kam, war ich als Botschafter in Brüssel tätig, ich war also bislang nicht involviert und versuchte, erste Massnahmen zu ergreifen.

Welche?
Wir mussten das Finanzsystem wieder in Gang bringen. Ich befahl den Bankdirektoren an einer Sitzung am Samstagmorgen: «Am Montag öffnet ihr wieder!» Die Reaktion war: «Wir können nicht. Das Volk ist zu unberechenbar!» Darauf folgte eine ewig lange Diskussion. Wir entschieden: «Meine Herren, entweder öffnen Sie oder Ihre Banken werden verstaatlicht!» Danach liessen wir die Direktoren alleine weiterdiskutieren. Ihre Antwort war: «Wir verlangen eine unlimitierte Abzinsung.» Wir sagten: «Nein, wir sind schon auf dem Weg zu einer Hyperinflation, mit einer Abzinsung kommt sie garantiert.» Die Diskussion ging weiter, aber die Drohung mit der Verstaatlichung half. Am Montag öffneten die Banken wieder. Seitdem waren die argentinischen Banken keinen Tag mehr geschlossen.

Was taten Sie weiter?
Ich bat den Präsidenten, den staatlichen Preiskontrolleur, der in die Wirtschaft eingreifen konnte, zu entlassen. Preiskontrollen waren nicht der Weg, die Wirtschaft zu normalisieren. Der Kontrolleur trat dann von alleine zurück. Die dritte Massnahme war: Wir gaben Hausbesitzern eine Fristverlängerung auf Hypotheken, weil sie diese nicht mehr bezahlen konnten. Die Banken hätten sonst die Häuser versteigert, das soziale Chaos war absehbar. Zudem passten wir Privatkredite den Löhnen der Schuldner an. Niemand musste mehr als 30 Prozent seines Lohnes für seine Schulden bezahlen. Wir mussten die Leute beruhigen, ihnen die Angst nehmen, zum Beispiel vor dem Verlust ihres Hauses.

Ihnen ist es in der Krise gelungen, Wirtschafts- und Sozialpolitik zu verknüpfen.
Absolut. Als Politiker nimmt man die Ängste der Leute und die Proteste auf den Strassen sehr wohl wahr. Sozialpolitische Massnahmen sind uns nur gelungen, weil wir auf die Intervention des Internationalen Währungsfonds (IWF) verzichtet haben. Argentinien hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei IWF-Programme hinter sich. Unter Präsident Fernando de la Rúa wurden die Löhne und Pensionen der Leute um 13 Prozent gekürzt, Staatsangestellte entlassen, Firmen privatisiert und die Steuern erhöht. Zwei Millionen Familien wurden mit Nothilfegeld unterstützt. Dieses Programm war ein totaler Fehlschlag.

Warum?
Ein Land in einer Wirtschaftskrise braucht eine Beruhigung der Gesellschaft und Wachstumseffekte. Löhne kürzen und Steuern erhöhen, bewirkt genau das Gegenteil: Den Leuten fehlt das Geld, der Konsum bricht ein, die Produktivität steigt nicht. Genau das gleiche Programm wie in Argentinien führt der IWF jetzt in Griechenland durch. Dort kürzen sie die Löhne aber sogar um 20 Prozent.

Sie entschieden sich gegen die Hilfe des Währungsfonds, aber dafür, einen Teil der Staatsschulden nicht zurückzuzahlen.
Wer seine Schulden nicht zahlt, hat natürlich nichts zu feiern. Aber nochmals: Zwei IWF-Programme waren bereits gescheitert, und die Regierung Duhalde war schwächer als die vorherigen. Die mächtigen Gouverneure setzten die Regierung unter grossen Druck. Natürlich gefiel dem damaligen IWF-Direktor, dem Deutschen Horst Köhler, mit dem ich mich zu einem Gespräch traf, unsere Haltung nicht. Aber in einem eigenen Programm sah ich die beste Lösung. Der Präsident hat meine Entscheidungen voll unterstützt.

Sie ziehen immer wieder Parallelen zu Griechenland. Aber das Land ist in einer anderen Situation als Argentinien im Jahr 2000.
Die ökonomische Situation ist vergleichbar: Die Wirtschaftsleistung sinkt seit Jahren, der griechische Staat macht Defizite, verzeichnet rückläufige Investitionen, eine hohe Arbeitslosigkeit und eine hohe Schuldenlast. Nun zu den Unterschieden: Obwohl sich die soziale Situation in Griechenland verschlechtert hat, ist das Pro-Kopf-Einkommen doppelt so hoch wie in Argentinien, was mehr Spielraum gibt. Dann gehört Griechenland einer mächtigen politischen und wirtschaftlichen Union an. Argentinien war isoliert. Die einzige Institution, die Hilfe anbot, war der IWF. Argentinien konnte ein eigenes Programm entwickeln, während Griechenland seit über zwei Jahren Empfehlungen von EU und IWF folgt.

Wären Sie Wirtschaftsminister Griechenlands, was würden Sie tun?
Da muss man vorsichtig sein. Es ist nicht gut, Ratschläge zu geben oder gar Lektionen zu erteilen.

Aber Sie kennen die Probleme.
Ich glaube, man kann mit einem Programm, das von aussen kommt, keinen Erfolg haben. Wächst die griechische Wirtschaft nicht innert zweier Jahre, braucht der Staat wieder Hilfe. Darüber wird heute schon nachgedacht.

Soll Griechenland aus der Währungsunion austreten?
Das will ich nicht sagen. Aber der Staat muss entschuldet werden, was ja jetzt auch passiert ist. Mit Lohn- und Ausgabenkürzungen wird sich Griechenland nicht erholen. Es muss im Gegenteil investiert werden: zum Beispiel in die Bildung. In Dinge, die den Staat in zwei, drei Jahren kompetitiv machen.

Wie wettbewerbsfähig ist Argentinien heute?
Die Behauptung, Argentinien habe sich wirtschaftlich nur wegen hoher Getreidepreise erholt, ist falsch. Natürlich profitiert das Land von hohen Exportpreisen. Was mir Sorgen macht, sind die hohen Inflationsraten und die geringen Investitionen. Die Inflation zerstört das wirtschaftliche Wachstum. Kommt hinzu, dass die Regierungen nach der Krise populistisch wurden. Das hat Geld gekostet, das man besser gespart hätte. Die Mittel werden knapp. Aber eine Wirtschaftskrise wie im Jahr 2001 ist aus heutiger Sicht ausgeschlossen.

Erstellt: 18.03.2012, 16:58 Uhr

Roberto Lavagna

Der Retter Argentiniens
Der dreifache Vater wurde 1942 in Buenos Aires geboren und ist mit einer Belgierin verheiratet. Als Ökonom machte er Karriere beim Staat. Ab 2000 vertrat er Argentinien als Botschafter auf Wirtschaftskonferenzen und bei der EU in Brüssel. Im April 2002 bot Präsident Eduardo Duhalde dem Peronisten den Posten des Wirtschaftsministers an. Lavagna führte Argentinien aus der Staatspleite heraus. Nach Differenzen mit Duhaldes Nachfolger, Néstor Kirchner, trat Lavagna 2005 zurück. 2007 kandidierte er für das Amt des Staatspräsidenten, kam aber nur auf Rang drei. Seither arbeitet er als Ökonom für einen politischen Thinktank in Buenos Aires und schreibt Bücher. (phr)

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