«Die Risiken sind überall sehr stark ausgeprägt»

Die Konjunkturprognose des Bundes ist nicht berauschend, aber auch nicht dramatisch. Wie dessen Chefökonom im Interview erläutert, sind die weltwirtschaftlichen Gefahren allerdings ausserordentlich hoch.

Hohe Risiken drohen aus Europa, den USA und selbst von den stark wachsenden Schwellenländern, sagt Aymo Brunetti, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Hohe Risiken drohen aus Europa, den USA und selbst von den stark wachsenden Schwellenländern, sagt Aymo Brunetti, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Bild: Keystone

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Das Seco zählt eher zu den pessimistischeren Prognostikern für die Schweizer Konjunktur.
Aymo Brunetti: In den letzten paar Jahren lagen wir im Durchschnitt mit unserer Prognose wohl etwa in der Mitte von dem, was andere prognostiziert haben. Aber alle Prognoseinstitute wurden in der weltweiten Krise 2008/2009 und danach davon überrascht, wie gut sich die Schweizer Wirtschaft behaupten konnte und wie stark sich die Schweizer Binnenwirtschaft entwickelt hat.

Laut Ihrer heutigen Prognose sehen Sie die Binnenwirtschaft auch weiterhin als Haupttreiberin für die Schweizer Konjunktur. Welche Rolle spielt dabei die Angst vor einer Immobilienblase in der Schweiz zum Beispiel für die Bauwirtschaft?
Inwiefern sich eine Immobilienblase bildet, ist umstritten. Doch selbst wenn das so wäre, würden wir die Auswirkungen wohl eher mittelfristig spüren, für den Prognosehorizont bis zum Jahr 2012 spielt das noch kaum eine entscheidende Rolle.

Die Bauwirtschaft bleibt also noch wichtige Stütze der Schweizer Konjunktur?
Die Bauinvestitionen wachsen nach unserer Prognose zwar nur noch 1 Prozent im nächsten und gar nicht mehr im übernächsten Jahr. Doch angesichts des starken Wachstums der letzten Jahre und der Tatsache, dass überall gebaut wird, ist es schon bemerkenswert, wenn die Investitionen hier nicht zurückgehen.

Sie schreiben auch, der Finanzsektor werde sich künftig weniger dynamisch entwickeln.
In den Jahren vor der Krise hat dieser Sektor zeitweise rund 50 Prozent zu den Ausschlägen der Konjunktur nach oben und nach unten beigetragen, wobei der Trend eindeutig positiv war. Unmittelbar vor der Krise hat der Sektor sehr stark zum Wachstum beigetragen. Diese überragende Bedeutung für die Konjunktur sehen wir in naher Zukunft eher nicht mehr.

Ihre Wachstumsprognosen zeigen, dass die Schweizer Wirtschaft auf absehbare Zeit zu gering ausgelastet bleibt.
Ja. Die erwarteten Wachstumsraten für das Bruttoinlandprodukt von 1,5 Prozent für das nächste und von 1,9 Prozent für das übernächste Jahr zeigen auch kein schnelles Schliessen dieser Lücke an. Das wirkt andererseits auch dämpfend auf die Inflationsentwicklung.

Als Risiko für Ihre Prognose haben Sie die Entwicklung in der europäischen Währungsunion bezeichnet. Sie zeigen sich aber auch zuversichtlich, dass die Politik die Lage stabilisieren kann.
Die Lage in der Währungsunion ist sehr schwierig. Die Summen, die die Verantwortlichen der Eurozone für die Stabilisierung der Lage aufzuwerfen bereit sind, zeigen aber, dass sie wirklich entschlossen sind, die Lage nicht aus dem Ruder laufen lassen. Wir gehen in unserer Prognose davon aus, dass solche Massnahmen eine schwere Krise zumindest im Prognosezeitraum bis 2012 verhindern. Das bedeutet nicht, dass wir sie ausschliessen. Diese Gefahr stellt eine der grössten Risiken für unsere Prognose dar.

Das heisst aber auch, dass Sie eine langfristig tragbare Lösung für die Probleme der Eurozone noch nicht erkennen können.
Genau.

Welche Gefahr droht der Schweiz?
Sie wäre bei einer erneuten Verschärfung der Krise durch eine weitere Aufwertung des Frankens bedroht, gleichzeitig aber auch durch einen möglichen Konjunktureinbruch auf unseren wichtigsten Absatzmärkten. Die Exporte würden stark darunter leiden. Deshalb würde eine solche Entwicklung auch unsere Konjunkturlage in Mitleidenschaft ziehen.

Auch für die nach wie vor grösste Wirtschaftsmacht der Welt, die USA, sind Sie äusserst vorsichtig. Sie rechnen nur mit einem Wachstum von 2,2 Prozent im nächsten Jahr. Angesichts der geplanten Steuerermässigungen erwarten andere Beobachter ein weit höheres Wachstum von bis zu 4 Prozent.
Von einem so hohen Wachstum gehen wir nicht aus. Bisher hat es sich in dieser Krise bewährt, gegenüber der Entwicklung in den USA vorsichtig zu sein. In den letzten Monaten haben viele Institute ihre optimistischen Prognosen für die US-Wirtschaft für 2011 deutlich zurückgenommen und sich unserer vorsichtigeren Erwartung angenähert.

Wie interpretieren Sie den jüngsten Anstieg der Zinsen, das heisst der Renditen auf US-Staatsanleihen?
Die Bedeutung ist unklar, auch wie das weitergeht. Fakt ist aber: Die Verschuldung des Landes ist sehr hoch. Zudem betreibt die Notenbank eine ultraexpansive Geldpolitik. Die Herausforderungen für die Politik sind daher sehr hoch. Denn es herrscht nach wie vor eine sehr hohe Arbeitslosigkeit von rund 10 Prozent. Den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, um diese stimulierenden Massnahmen zu beenden, ist daher sehr schwierig.

Um das Bild der momentan überall hohen Risiken abzurunden: Solche sehen Sie auch in den aufstrebenden Ländern wie China, die dem Wachstum der Weltwirtschaft momentan am meisten Schub verleihen.
Diese Länder sind die Destinationen eines Teils der Liquiditätsschwemme, die die entwickelten Länder geschaffen haben. Sie und das starke inländische Wachstum bergen die Gefahr einer Überhitzung mit der Folge von Blasen in sich. Sollten solche platzen, würde auch das Wachstum der Schwellenländer stark darunter leiden. Dann würde der Weltwirtschaft auch diese Stütze noch entzogen. Tatsächlich sind die Risiken überall momentan sehr stark ausgeprägt.

Erstellt: 14.12.2010, 14:26 Uhr

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