«Die Rückgänge sind schmerzlich»

Daniela Bär von Schweiz Tourismus trauert den russischen Gästen nach. Sie rechnet mit bis zu 30 Prozent weniger Hotellogiernächten im Winter.

Die Rubelkrise betrifft alle: Finalistinnen der Miss-Russia-Wahl 2008 posieren im Rahmen des White Turf in St. Moritz.

Die Rubelkrise betrifft alle: Finalistinnen der Miss-Russia-Wahl 2008 posieren im Rahmen des White Turf in St. Moritz. Bild: Arno Balzarini/Keystone

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Frau Bär, der Rubel verliert an Wert, das Leben für die Russinnen und Russen wird teurer. Was bedeutet die Rubel-Schwäche für den Schweizer Tourismus?
Leider nichts Gutes. Die Rückgänge, die wir leider feststellen müssen, sind signifikant und schmerzlich. Die durch russische Gäste registrierten Hotellogiernächte gingen dieses Jahr markant zurück. Von Januar bis Oktober 2014 beträgt der Rückgang 7,4 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode. Nach Rücksprache mit Veranstaltern rechnen wir für die kommende Wintersaison sogar mit Rückgängen von zehn bis 30 Prozent bei den Hotellogiernächten. Aufgrund volatiler Effekte wie Währung, Ölpreis oder politische Situation ist eine genauere Prognose kaum möglich. Hochgerechnet auf die Wertschöpfung ergibt dies eine spürbare Umsatzeinbusse zwischen 7,5 bis 22,5 Millionen Schweizer Franken für den Schweizer Tourismus.

Ist das laufende Wintergeschäft am meisten betroffen?
Ja. Knapp 60 Prozent aller Hotel­logiernächte fallen im Winter an, der Rest im Sommer. Im vergangenen Winter waren – in absteigender Reihenfolge – Genf, Zürich, Zermatt und St. Moritz jene Destinationen mit den meisten Hotelübernachtungen durch russische Gäste. Hier erwarten wir auch die erheblichsten Rückgänge. Das Gleiche gilt wohl für die Top-Destinationen im Sommer. Dabei handelt es sich um die Destinationen Zürich, Genf, Montreux und Lausanne.

Hotellerie und Restaurants spüren diesen Rückgang direkt. Welche anderen Dienstleistungsunternehmen sind ebenfalls betroffen?
Russische Gäste schätzen ein qualitativ hochstehendes, prestigeträchtiges Angebot in den Bereichen Wellness-, Gesundheits- und Schönheitsbehandlungen, Kultur, Gastronomie sowie Shopping. Beim Shopping haben Uhren, Schmuck und Mode-Accessoires die Nase vorne.

Wie definieren Sie den russischen Reisemarkt? Handelt es sich dabei vor allem um sehr vermögende Personen, die in die Schweiz kommen?
Die momentane Krise als Folge der Rubelkrise, aber auch wegen der Sanktionspolitik des Westens nach den Ereignissen in der Ukraine, betrifft praktisch das ganze Spektrum der russischen Gäste.

Es handelt sich also nicht nur um die Superreichen, die nicht mehr kommen?
Vor dem Währungszerfall des Rubels konnte die touristische Schweiz von der stark wachsenden Mittelschicht profitieren, die sich Schweiz-Ferien leisten wollte, dies aber zu preiswerteren Konditionen als heute. Davon profitierten neue Destinationen und auch Unterkünfte im Mittelklasse­bereich. Diesen Effekt sah man auch bei den Flugbuchungen. Hier haben zuletzt die Ticketverkäufe in der Economy-Klasse stärker zugenommen als im Business-Segment. Die jüngsten Entwicklungen führten aber gerade bei der neuen Mittelklasse wegen der schwachen lokalen Währung zu einem spürbaren Rückgang.

Dieser Entwicklung könnten allerdings Vermögende auch wegen guten Bankverbindungen im Ausland wohl ein Schnippchen schlagen?
Dies trifft leider nicht zu. Gäste aus der vermögenden Oberschicht bleiben ebenfalls vermehrt aus: Viele von ihnen sind Staatsangestellte oder Funktionäre, denen die Regierung empfiehlt, von Reisen in den Westen abzusehen. Hinzu kommt die Aufforderung der russischen Regierung an die Reiseveranstalter, statt Reisen in den Westen eher solche innerhalb des eigenen Landes oder Richtung Asien anzubieten.

Handelt es sich bei den Russen primär um Gruppenreisende?
Nein. Wir schätzen im Gegenteil den Anteil von Individualreisenden auf etwa 70 Prozent.

Erwägen Sie spezielle, der Rubelkrise entsprechende Sonderangebote für die russische Klientel?
Dem ist nicht so, da nach unserer Einschätzung ein zusätzliches Marketing angesichts dieser Situation kaum etwas ausrichten kann.

Stellen Sie sich also darauf ein, dass die Russen auf längere Zeit nicht mehr in die Schweiz kommen werden?
Schweiz Tourismus und ihre Partner glauben nach wie vor an das grosse touristische Potenzial im russischen Markt. So fahren wir mit der umfassenden Marktbearbeitung fort, um das laufende Wintergeschäft nach Kräften unterstützen zu können. Vor allem aber auch, um eine starke Präsenz der touristischen Schweiz im russischen Markt aufrechterhalten zu können, um als Wunsch-Reisedestination wieder ganz vorne mit dabei zu sein, sobald sich die Gesamtsituation etwas entschärft hat.

Wie sieht diese Arbeit denn ganz konkret aus?
Unsere fünf Mitarbeitenden in Moskau haben hervorragende Kontakte zur Reise- und Medienbranche. Besonders hier gilt es, dem bestehenden Netzwerk die Treue zu halten.

Welche Investitionen hat Schweiz Tourismus in der Vergangenheit in den russischen Markt getätigt?
Schweiz Tourismus investiert zusammen mit den touristischen Schweizer Partnern pro Jahr rund 1,4 Millionen Franken in diesen Markt.

Wie wichtig sind demnach die russischen Gäste für den Schweizer Tourismus?
In puncto Hotellogiernächten waren die Russen im letzten Winter die siebtwichtigsten Gäste nach China und vor den Niederlanden.

Russland war einmal, wo liegt die Zukunft für das Reiseland Schweiz?
Wir investieren überproportional zum betreffenden Hotellogiernächte-Volumen in Märkten mit grossem Wachstumspotenzial – also etwa in China oder den Golfstaaten. Diese Investitionen zeigen erfreuliche Resultate. Die Hotellogiernächte von Januar bis Oktober der chinesischen Gäste haben um 13,3 Prozent zugenommen. Bei den Golfstaaten registrieren wir ein Plus von 23,1 Prozent.

Ist damit die Lücke, die die Russen hinterlassen, ausgefüllt?
Bei China, den Golfstaaten, Südostasien, Korea oder Indien gehen wir von positiven Entwicklungen aus, die zumindest teilweise und auf dem Papier die Rückgänge aus Russland kompensieren können. Hier profitiert aber nicht jede Destination in der Schweiz gleichermassen vom Wachstum der genannten Herkunftsmärkte. Wir erwarten auch aus den USA und Kanada ein prominentes Wachstum.

Der Schnee lässt auf sich warten. Wie entwickelt sich die Wintersaison?
Der Winter hat eben erst begonnen, es ist zu früh für Prognosen. Rückmeldungen aus den verschiedenen Regionen deuten aber darauf hin, dass die voraussichtlichen Buchungen über Weihnachten und Neujahr vielerorts ganz leicht über dem Vorjahresniveau liegen werden. Dazu tragen bestimmt die ideal liegenden Feiertage bei, die mit wenigen Freitagen zu zwei ganzen Wochen Ferien verhelfen.

Erstellt: 22.12.2014, 09:59 Uhr

«In puncto Hotellogiernächten waren die Russen im letzten Winter die siebtwichtigsten Gäste», sagt Daniela Bär, die Kommunikationsverantwortliche von Schweiz Tourismus. (Bild: Keystone )

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