«Die Schweiz hält sich bemerkenswert gut»

Der Ökonom Aymo Brunetti über die Wirtschaftslage, den Franken-Mindestkurs und die Chancen der Eurozone.

Seit Februar ordentlicher Professor an der Universität Bern: Aymo Brunetti.

Seit Februar ordentlicher Professor an der Universität Bern: Aymo Brunetti. Bild: Keystone

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Er ist Bern treu geblieben – und pendelt noch immer vom Baselbiet in die Bundesstadt. Knapp 13 Jahre war Aymo Brunetti (49) in der Bundesverwaltung tätig, die meiste Zeit als Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Er war quasi der Chefökonom des Bundes. Seit Februar ist Brunetti ordentlicher Professor an der Universität Bern, wo er zudem ein Zentrum für regionale Wirtschaftsentwicklung aufbaut.

Herr Brunetti, können Sie heute anders über Wirtschaftspolitik sprechen als während der Zeit beim Seco?
Aymo Brunetti: Ich bin ungehinderter, ja. Früher hatte ich immer eine Art Filter eingebaut. Zum Beispiel habe ich beim Bund öffentlich kein Wort zur Geldpolitik gesagt, weil das Sache der vom Bund unabhängigen Nationalbank ist. Und bei gewissen Themen musste ich bestimmte Bundesratspositionen im Hinterkopf haben. Manchmal merke ich, dass der Filter immer noch sehr präsent ist …

Ganz ungefiltert: Wie beurteilen Sie die Lage der Schweizer Wirtschaft?
Nach wie vor hält sich die Schweiz bemerkenswert gut. Es hilft uns, dass unser wichtigster Handelspartner Deutschland innerhalb der EU nach wie vor relativ stark ist. Ein Grund ist sicher, dass wir keine Ungleichgewichte hatten wie etwa eine Immobilienblase oder zerrüttete Staatsfinanzen. Aber auch, dass wir eine Zuwanderung hatten, welche die Wirtschaft gestützt hat, oder dass sich wichtige Exportbranchen wie Pharma und Uhren als krisenresistent erwiesen haben. Wenn Europa nicht im Chaos versinkt – ein gewichtiges «Wenn» –, sehe ich keinen Grund, warum es in der Schweiz in absehbarer Zukunft eine Rezession geben sollte.

Nun scheint die Lage in Europa aber doch ziemlich ernst zu sein …
Ja, die Probleme dort haben eine Dimension angenommen, die wir so noch nicht kennen.

Was bedeutet diese Konstellation für Schweizer Arbeitnehmer im Hinblick auf den Lohnherbst 2012?
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass in solchen Verhandlungen ein Umfeld mit tiefer Arbeitslosigkeit und hoher Beschäftigung die Arbeitnehmer eher begünstigt und umgekehrt. Entscheidend ist aber für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, dass die Lohnstückkosten nicht übermässig steigen, also die Löhne sich in etwa im Gleichschritt mit der Produktivität entwickeln.

Und das war in der Schweiz der Fall?
Ja, die Lohnstückkosten blieben ziemlich konstant, allerdings nur in Franken. In Euro sind sie drastisch gestiegen. Das hat aber nichts mit aggressiven Lohnerhöhungen zu tun.

Trotzdem müssen die Firmen handeln.
Natürlich. Sei es, dass die Margen gesenkt werden, sei es, dass gewisse Bereiche ins Ausland verlagert werden. Aber die wichtigste Massnahme ist immer noch der Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro, den die Schweizerische Nationalbank (SNB) festgelegt hat, weil dies den Firmen Planungssicherheit gibt.

Wie lange lässt sich dieser Mindestkurs aufrechterhalten?
Rein technisch unendlich lange. Die Nationalbank kann vereinfacht gesagt so viel Franken drucken, wie sie will. Sicher muss sie sich aber Gedanken machen darüber, wann man aussteigen will und wie man das bewerkstelligt. Aber mindestens so sicher sollte sie diese Gedanken nicht öffentlich diskutieren. Je uneingeschränkter die SNB für das Wechselkursziel einsteht, und je stärker sie auch in der Öffentlichkeit unterstützt wird, desto weniger muss interveniert werden.

Nun waren es in den vergangenen Monaten doch jeweils zwischen 40 und 60 Milliarden Franken, welche die SNB aufwerfen musste. Wann ist der Moment, in dem die Währungshüter sich Sorgen machen müssen um die Devisenbestände in den Büchern?
Ich sagte bewusst, technisch sei die Sache kein Problem. Politisch gibt es natürlich sehr wohl Diskussionen. Es gibt aber keine definierte Grösse der Bilanz, ab welcher es problematisch wird. Solange die SNB den Kurs halten kann, gibt es keine Aufwertungskosten. Im Prinzip könnte man sogar argumentieren, dass die hohen Reserven an Fremdwährungen sich positiv für die wahrgenommene Glaubwürdigkeit der Nationalbankstrategie auswirken könnten.

Warum?
Je grösser die Bestände sind, desto teurer wird es, die Grenze aufzugeben. Wenn die SNB morgen aufhört, den Kurs von 1.20 Franken zu verteidigen, geht es wohl rasch in Richtung Parität zum Euro. Dann wären die Devisenbestände in Franken gerechnet plötzlich viel weniger wert. Diese Argumentation sollte aber nicht davon ablenken, dass Gewinne oder Verluste der SNB ein Nebenschauplatz sind; sie ist keine Geschäftsbank. Wenn es das zentrale Ziel der Preisstabilität erfordert, dann wird und muss sie auch bereit sein, Verluste zu akzeptieren.

Im Zusammenhang mit dem starken Franken ist immer wieder von der Desindustrialisierung der Schweiz die Rede.
Mich macht das nicht nervös. Die Industrie ist in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern immer noch sehr stark. Die Desindustrialisierung hat vielleicht bei der Beschäftigung stattgefunden, aber kaum bei der Produktion.

Was heisst das?
Die Produktivität ist im Industriesektor deutlich stärker angestiegen als im Rest der Wirtschaft, was ja ihre Wettbewerbsfähigkeit nur unterstreicht. Zudem gibt es auch wichtige statistische Unschärfen: Nehmen Sie den Fall eines Maschinenbauunternehmens, das seine Buchhaltung auslagert. Diese Stellen, die einst dem Industriesektor zugeordnet waren, erscheinen fortan im Dienstleistungssektor, obwohl sich an der Tätigkeit nichts geändert hat. Ich sehe zudem kein Argument, warum ein bestimmter Prozentsatz an Industrie in einem Land besonders wichtig sein soll.

Sie erwähnten die Zuwanderung als positiven Faktor für die Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre. Wie lässt sich das belegen?
Dass die Schweiz eine so stabile Wirtschaftsentwicklung hatte, hängt stark mit der Zuwanderung zusammen. Sonst lässt sich nicht erklären, dass es 2009 im Binnensektor gar nicht zu einer Rezession gekommen ist. Die Konsum- und Bauausgaben sind bei uns weiter gewachsen, das war praktisch in keinem Land in Europa der Fall. Allerdings heisst das nicht notwendigerweise, dass auch das Pro-Kopf-Wachstum höher ist, denn es sind auch mehr Köpfe da. Gestützt auf die bisher vorhandene, eher anekdotische Evidenz lässt sich aber sagen, dass die Einwanderer relativ hoch qualifiziert sind und vor allem in sehr produktiven Sektoren arbeiten, in denen es früher bei anziehender Konjunktur zu einem Fachkräftemangel gekommen wäre; damit tragen sie positiv zum Pro-Kopf-Einkommen bei.

Stichwort Acht-Millionen-Schweiz: Muss uns das Angst machen?
Rein ökonomisch und auch von der Landesgrösse her muss einem das keine Sorge bereiten. Es gibt ja Städte, die flächenmässig sehr viel kleiner sind und mehr Einwohner haben.Aber es ist weniger eine ökonomische als eine politische Frage, was akzeptabel ist.

Müsste man die Zuwanderung auf einen bestimmten Kreis beschränken?
Es gibt Leute, die wollen zurück zu einem Regime, in dem der Staat Kontingente zuteilt. Das wäre ein wirtschaftspolitisches Eigentor erster Güte! Denn in einem solchen System würden die Kontingente nicht wie heute vor allem in die produktivsten Sektoren mit dem grössten Bedarf fliessen. Im früheren Kontingentssystem war es letztlich so, dass die Einwanderung vor allem in jenen Bereichen stattgefunden hat, die politisch am besten organisiert waren – und das waren nicht die produktivsten Sektoren. Die Rückkehr zu einem Kontingentssystem wäre eine Rückkehr zu dieser erwiesenermassen ineffizienten Planwirtschaft. Heute haben wir ein System, das relativ gut auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Landes ausgerichtet ist.

Zur Eurokrise: Werden wir den Austritt eines Landes aus dem Euro sehen?
Ob es passieren wird, weiss ich nicht, aber ich habe eine klare Meinung dazu: Ich glaube, es wird von vielen völlig unterschätzt, was das bedeuten würde. Man hat sich fast schon an die Vorstellung gewöhnt, dass Griechenland früher oder später aus dem Euro austreten wird. Meines Erachtens ist das aber ein völlig unkalkulierbares Grossrisiko. Für Griechenland sowieso.Für das Land hiesse das Hyperinflation und Chaos.

Und für den Euroraum?
Da gäbe es erst einmal unmittelbar sehr hohe Kosten, weil die EU-Staatendirekt oder über die EZB schon hohe Zahlungen an Griechenland geleistet haben. Würde man die Drachme einführen, wären das mehrere Hundert Milliarden Euro, die man abschreiben müsste. Viel gefährlicher ist aber der drohende Ansteckungseffekt. Angenommen, Sie sind Portugiese und sehen, dass Griechenland aus dem Euro austritt und die griechischen Sparer bei der erzwungenen Umwandlung ihrer harten Euro in weiche Drachmen massiv verlieren. Das Erste, was Sie tun: Sie holen Ihr Geld von der Bank. Wenndas viele tun, bricht das dortige Bankensystem zusammen. Was tun dann die Spanier? Und dann die Italiener? Oder gar die Franzosen? Die Einführung des Euro galt bisher immer als unwiderruflich. Es wäre ein Tabubruch, wenn das rückgängig gemacht würde. Ganz abgesehen von den praktischen Problemen bei der Einführung einer neuen Währung. Ich bin überzeugt, dass bei einem Auseinanderbrechen des Euroraums eine Bankenkrise droht, welche die Bankenkrise im Jahr 2008 harmlos erscheinen lassen könnte.

Es gibt Leute, die sagen, Italien könnte einen Austritt verkraften, weil es grösser ist und im Gegensatz zu Griechenland über eine Industrie verfügt.
Diese Leute vergleichen zwei Gleichgewichte. Wenn Sie mich fragen, ob es heute besser wäre, wenn Griechenland die Drachme hätte oder Italien die Lira, würde ich sagen: Sicher wäre es das. Aber das Problem ist, dass ein Land erst den Übergang in das neue Gleichgewicht schaffen muss.

Der einzige Ausweg, den die Politik skizziert hat, weist in Richtung Fiskal- und Bankenunion. In vielen Ländern stösst dies auf Widerstand.
Generell bin ich der Meinung, dass der einzige Weg für die Eurozone zu den – wirtschaftlich – Vereinigten Staaten von Europa führt. Ob man das eine gute Idee findet oder nicht – es ist die logische Konsequenz einer Währungsunion mit so ungleichen Mitgliedern. Die Finanzpolitik muss deshalb wohl stark vergemeinschaftet werden, ähnlich wie in der Schweiz. Damit verbunden ist auch eine Vereinheitlichung der Bankenregulierung, also der logische Schritt in Richtung Bankenunion. Doch der Weg dorthin ist politisch sehr schwierig, weil die Länder Kompetenzen nach oben abgeben müssen. Die grosse Gefahr ist, dass man auf halbem Weg stehen bleibt und es nur zu einer Vergemeinschaftung der Staatsschulden und zum Teil sogar der Bankschulden kommt.

Aber läuft es nicht zwangsläufig auf eine Vergemeinschaftung hinaus?
Es kommt sehr darauf an, in welcher Form. Wichtig ist, dass eine Fiskalunion – also eine gemeinsame Steuererhebung – erreicht wird, bevor es zur Schaffung von Eurobonds kommt; und diese Bonds dürften auch nicht die Schulden der itgliedsstaaten finanzieren, sondern nur gemeinsame Ausgaben. Würde man stattdessen heute die Finanzierung der Staatsausgaben der Krisenländer mit gemeinsamen Eurobonds sichern, reduzierte sich der Druck zur Konsolidierung der Staatsfinanzen für diese Länder. Mit der alleinigen Schaffung solcher Eurobonds hätten wir vielleicht zwei Jahre Ruhe, aber danach wäre das Problem noch viel schlimmer. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.08.2012, 18:46 Uhr

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