Hintergrund

Die Schweizer Industrie ist erstaunlich krisenresistent

Die prosperierende Pharma- und Uhrenindustrie kompensiert, was in der Maschinen- und Metallindustrie in den letzten Jahren an Stellen verloren ging.

Die Uhrenindustrie hat sich zur Jobmaschine entwickelt: Die Herstellung einer Uhr im Kanton Bern.

Die Uhrenindustrie hat sich zur Jobmaschine entwickelt: Die Herstellung einer Uhr im Kanton Bern. Bild: Sandro Campardo/Keystone

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Schindler baut in China und Indien vier Fabriken, in der Schweiz keine. In Asien entstanden in den letzten vier Jahren 4000 neue Stellen, in der Schweiz nur 300. In wenigen Jahren werde nicht mehr Europa, sondern Asien Schindlers Schwerpunkt sein, sagte Schindler-Präsident Alfred Schindler der «Neuen Luzerner Zeitung».

Oerlikons Division Getriebe baut in Indien die dritte Fabrik, ihr Chef residiert seit Anfang Jahr in Delhi. Andere Divisionen von Oerlikon werden von Deutschland und Liechtenstein aus geführt. In der Schweiz hat die dezentral aufgestellte Oerlikon fast nur noch die Konzernzentrale im Steuersparkanton Schwyz.

Lonza strafft die Produktion in Visp um 400 Stellen, Sulzer spart in der Konzernverwaltung 300 Stellen ein, ABB streicht im Schiffgeschäft 145 Jobs, der Metallverarbeiter Boa 150 Stellen, die Bosch-Tochter Scintilla 300 Stellen.

Nach solchen Ankündigungen von Verlagerungen und Jobabbau im ablaufenden Jahr kann leicht der Ein- druck entstehen, der Industriestandort Schweiz leide an Auszehrung. Einzelne Industriezweige wie Maschinenbau und Metallverarbeitung gehören tatsächlich zu den Verlierern. Als Ganzes hält sich die Exportindustrie jedoch erstaunlich gut – trotz Finanzkrise, Eurokrise und anhaltender Globalisierung.

Wie unterschiedlich sich Industriezweige entwickeln, zeigt die Beschäftigungsstatistik des Bundes seit 2006. Der Aufschwung hielt bis 2008. Dann kam die Finanzkrise, und die Beschäftigung von Vollzeit- und Teilzeitmitarbeitenden in der Schweizer Industrie ging fast überall zurück – selbst der Uhren- und EDV-Bereich tauchte vorübergehend (siehe Grafik). Im Fahrzeugbau geht die Beschäftigung erst seit 2011 zurück.

Aderlass bei der Maschinenindustrie

Klare Verliererin ist die Maschinenindustrie, sie zählte im Herbst 2008 95'500 Beschäftigte, Mitte 2013 waren es 12'500 weniger, die Zahl dürfte bis Ende Jahr deutlich höher liegen. Federn gelassen hat auch die Metallindustrie – vor allem wegen des starken Frankens – mit 98'900 Beschäftigten, 9400 weniger als vor fünf Jahren. In der Herstellung elektrischer Ausrüstungen arbeiten noch 35'700, im Herbst 2008 waren es 5100 mehr. Insgesamt verlor die aus Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie bestehende MEM-Branche als grösster Schweizer Industriesektor in fünf Jahren 27'000 Jobs. Zählt man den Fahrzeugbau dazu, der 1900 weniger beschäftigt als im Frühling 2011, ist der Aderlass noch grösser.

«Wir haben bald 30'000 Arbeitsplätze weniger als im Topjahr 2008 vor der Finanzkrise», sagt Hans Hess, Präsident von Swissmem, dem Dachverband der MEM-Industrie. «Ich sehe aber längerfristig keine dramatische Verschlechterung, die Gefahr einer schleichenden Deindustrialisierung ist gering.»

Arbeitsteilung geht weiter

Ein Hauptgrund ist, dass die Globalisierung der Industrie laut Hess «weit fortgeschritten» ist. Die Verlagerungswelle rollt seit den Neunzigerjahren. In Südamerika und mehr noch in Asien haben Schweizer Industriefirmen schon so viele Fabriken gebaut, dass das Aufbautempo bald eher abnehmen dürfte. «Die Arbeitsteilung akzentuiert sich indes weiter», glaubt Hess, der als Vizepräsident von Economiesuisse die Interessen der MEM-Industrie im Dachverband der Wirtschaft wahrnimmt. «Die Verschiebung einfacher manueller Arbeiten und Prozesse ohne grosse Wertschöpfung ins Ausland wird sich eher noch verstärken.» Die Tendenz sei: «Was sich hier nicht rechnet, wird im Ausland gemacht oder dort beschafft.»

Vieles hängt davon ab, wie gut ein Unternehmen seine Hausaufgaben gemacht hat. Beispiel Siemens: Der Konzern streicht weltweit 15'000 Jobs. In der Schweiz sind die Massnahmen – schlankere Verwaltung, Verschiebung von Montagearbeiten in Billigländer, die in der Division Gebäudetechnik 220 Jobs kosteten – fast umgesetzt. Sulzer ist mit der im Oktober angekündigten Verschlankung der Verwaltung eher ein Nachzügler, Lonza mit der Produktionsstraffung im Wallis desgleichen.

Andere wie Georg Fischer haben ihre Belegschaft in der Schweiz nach der Finanzkrise angepasst. Weiterer Abbau ist nicht geplant. Der Bestand sei jetzt stabil, sagte ein Sprecher dem TA, da in der Schweiz vorab hochwertige Produkte und Teile gefertigt werden. «Höher qualifizierte Arbeitsplätze halten sich gut, ihre Zahl steigt weiter an», sagt dazu Swissmem-Präsident Hess. «Anspruchsvolle Schlüsselkomponenten produzieren viele Firmen, aus Angst vor Kopisten, weiterhin in der Schweiz.»

Eine Umfrage bei gut einem Dutzend bedeutender Industriekonzerne zeigt ein ermutigendes Bild – die meisten der befragten Unternehmen beschäftigen in der Schweiz mehr Personal als 2006 mitten im Aufschwung –, oder die Belegschaft ist zumindest stabil. Schindler hat in der Schweiz etwa 500 Leute mehr als damals, bei ABB Schweiz stieg die Zahl der Mitarbeitenden seit Ende 2006 um 1800 auf rund 7000 – nicht zuletzt dank dem Renner Hochleistungs-Chips. Der Eisenbahnbauer Stadler Rail beschäftigte 2006 in der Schweiz 1600, heute sind es 3000.

Wachstum der Pharmabranche

Siemens zählte Mitte Jahr in der Schweiz 6168 Vollzeitstellen, rund 1100 weniger als 2006. In dieser Zeit erhielten indes fast 1200 Mitarbeitende über drei grosse Ausgliederungen neue Arbeitgeber – diese Jobs sind also nicht verloren. Unter dem Strich heisst das, dass Siemens in der Zeit in der Schweiz nicht nur ausgegliedert und abgebaut hat, sondern auch neue Jobs schuf. Alstom war vor der Finanzkrise Schweizer Meister im Jobaufbau, baute bis Frühling letzten Jahres in der Schweiz auf 6250 Leute ab, heute liegt die Mitarbeiterzahl bereits wieder bei 6500.

Erfreulich für den Werkplatz Schweiz ist das stetige Wachstum in der Pharmaindustrie mit 40'900 Voll- und Teilzeitbeschäftigten Mitte Jahr, 9200 mehr als Anfang 2006. Zählt man die Chemie- und Biotechbranche dazu, kommt man laut dem Branchenverband Scienceindustries gar auf knapp 70'000 Mitarbeitende in der Schweiz.

Roche hat aktuell über 11'500 Mitarbeitende in der Schweiz, 2600 mehr als 2006. Bei Novartis wuchs die Schweizer Belegschaft um etwa 3000 Vollzeitstellen auf knapp 14'470 an. Mit ein Grund: Novartis hat einen 2011 angekündigten Abbau von 1080 Stellen teilweise zurückgenommen. Eine Fabrik im Waadtland mit 320 Leuten wurde nicht geschlossen, sondern modernisiert. In Basel fiel die Zahl der Entlassungen auf 250. Beide Pharmakonzerne rechnen auch im kommenden Jahr mit eher steigenden Mitarbeiterzahlen.

Jobmaschine Uhren

Eine Erfolgsstory ist auch die Schweizer Uhrenindustrie: Hier stieg die Zahl der Beschäftigten seit 2006 gar um 11'400 bis Ende 2012 auf 55'800 an. Allein die Branchenleaderin Swatch Group steigerte die Schweizer Jobzahl seit 2006 um rund 5000 Stellen. Swatch zählt derzeit 15'800 Vollzeitstellen. Der Uhren- und Luxuskonzern Richemont stockte in diesem Jahr um über 700 Stellen auf über 8200 Stellen auf.

Der markante Zuwachs in den hoch lukrativen Branchen Pharma und Uhren gleicht die Schwächen in der Maschinen- und Elektroindustrie punkto Beschäftigung zu einem grossen Teil aus.

Die Jobverluste in der Schweiz gehen, wie die TA-Umfrage andeutet, nicht auf das Konto grosser Industriefirmen. Abgebaut haben dürften kleine und mittlere Firmen der MEM-Industrie, die vom Wachstum in Asien nur träumen können – und denen der massive Einbruch im Euroraum und der starke Franken massiv geschadet haben. Die Hoffnungen auf neue Jobs in der zyklischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie ruhen zum einen auf Europa. «Wie sich die Beschäftigung erholt, hängt stark davon ab, ob und wie weit sich die Konjunktur in der EU aufhellt», sagt Swissmem-Präsident Hess. Europa nehme 60 Prozent der Schweizer Exporte ab, Deutschland als grösster Abnehmer mache allein 26,5 Prozent aus und sei daher «matchentscheidend».

Zum anderen nährt das Freihandelsabkommen mit China Hoffnungen auf einen weiteren Schub: Durch die Zollreduktion können Schweizer Produkte günstiger in die Volksrepublik exportiert werden. Die «Schweiz am Sonntag» zitiert Berater, die bereits von Firmen Kenntnis haben, die ihre Produktion in die Schweiz zurückverlagern wollen. Laut Rudolf Miesch, Chefökonom von Economiesuisse, wird neben der Uhren- und Pharmaindustrie die Maschinenindustrie davon profitieren können.

Erstellt: 29.12.2013, 17:46 Uhr

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(Bild: TA-Grafik)

Mit diesem Beitrag verabschiedet sich Andreas Flütsch (afl) vom «Tages-Anzeiger». Er hatte während sieben Jahren für das Wirtschaftsressort vor allem ­Themen aus der Industrie im Fokus. Mit ­profundem Wissen und hartnäckiger ­Recherche brachte er das Geschehen auf dem Werkplatz Schweiz ins Blatt. Daneben verfolgte Andreas Flütsch auch die Entwicklung der schweizerischen Landwirtschaft. Dem studierten Juristen und lizenzierten Börsenhändler war jedoch auch die Welt der Banken und des ­Finanzplatzes nicht fremd. Mit seinen Beiträgen trug er wesentlich zu unserer Berichterstattung über den Steuerstreit der Schweiz mit umliegenden Ländern und mit den USA bei. Andreas Flütsch begibt sich in die Frühpensionierung. Wir wünschen ihm für seinen neuen ­Lebensabschnitt alles Gute. (TA)

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