«Die Schweizerische Nationalbank hat gut gehandelt»

Der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und Ex-Notenbankchef Mexikos sagt, wo die grössten Risiken im Finanzsystem lauern, und verteidigt die Geldpolitik der Schweiz.

«Der Handelskrieg ist bereits eskaliert, und es besteht die Gefahr, dass er weiter eskaliert»: Agustin Carstens im April in Washington. (Reuters/James Lawler Duggan)

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Ob es in anderen Städten der Schweiz auch so heiss sei wie hier in Basel. Das wollte Agustin Carstens, Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vom Autor gleich zu Beginn eines Gesprächs über den neuen ökonomischen Jahresbericht seiner Institution wissen. Das klimatisierte Büro in einem der oberen Stockwerke des BIZ-Turms konnte am Mittwochmittag, als das Gespräch stattfand, die 35-Grad-Hitze draussen nur ungenügend neutralisieren.

Die seit 1930 bestehende BIZ ist eine Organisation der Notenbanken der Welt. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit versammeln sich an ihrem Hauptsitz in Basel regelmässig die weltweiten Geldschöpfer, wie Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank, Jerome Powell vom amerikanischen Fed oder Thomas Jordan von der Schweizerischen Nationalbank. Auch dieses Wochenende kam es wieder zu einem solchen Treffen.

Der auch in der Weltwirtschaft aufgeheizten Stimmung und der Rolle der Notenbanken, ist denn auch ein grosser Teil des Jahresberichts gewidmet. Eine besondere Bedeutung hat die Zoll-Auseinandersetzung zwischen den USA und China: «Der Handelskrieg ist bereits eskaliert und es besteht die Gefahr, dass er weiter eskaliert. Davon sind schon grosse Regionen der Welt betroffen», sagt der Mexikaner Carstens, der von 2010 bis 2017 Notenbankchef seines Landes war, zuvor Finanzminister und einst auch stellvertretender Chef des Internationalen Währungsfonds. Die grosse internationale Bedeutung des Handelskriegs ergibt sich laut Carstens daraus, dass seit rund 15 bis 20 Jahren der Welthandel sehr komplex geworden und unerwartete Handels- und Produktionslinks zwischen Ländern entstanden seien - die globalen Wertschöpfungsketten.

Vom Handels- zum Währungskrieg

Dass der Handelskrieg sich auch zu einem Währungskrieg ausweite kann, hält der BIZ-Chef für möglich: «Wenn ein Land die Zölle auf Importe erhöht, um seine inländische Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, passt sich der Wechselkurs an und neutralisiert einen Teil der Zollerhöhung» erklärt Carstens und ergänzt: «Es wäre unangemessen diese Entwicklung als aktive Massnahme im Handelskrieg zu interpretieren, aber eine solche Interpretation erhöht die Gefahr eines Währungskriegs». Mit dieser eher allgemein gehaltenen Erklärung bezieht er sich auf die Kritik von US-Präsident Trump an Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank, als nach dessen jüngsten Aussagen zu einer fortgesetzt expansiven Geldpolitik der Euro gegenüber dem Dollar an Wert verlor: «Ich bin mit Mario Draghi einverstanden, dass dies nicht eine gezielte Politik der EZB war, sondern eine gewöhnliche Reaktion in einem Regime flexibler Wechselkurse» sagt Carstens.

Eine Spezialität der BIZ ist der Fokus auf die Stabilität der Finanz- und Kapitalmärkte. Und diese sieht Carstens durch den Handelskrieg ebenfalls gefährdet: «Die globale Wertschöpfungsketten wurden durch moderne Technologien, aber auch durch sophistizierte finanzielle Arrangements möglich. Jeder einzelne Teil einer Wertschöpfungskette ist auf eine Finanzierung angewiesen», erklärt er.

Schnell gewachsene Verschuldung

Wenn daher der Handelskrieg weitergehe und die Lebensfähigkeit einiger Firmen gefährde, könne sich das auf deren Zahlungsfähigkeit auswirken. Gerade wegen der Politik der Notenbanken in den letzten Jahren seien hier die Risiken gross: «Viele Firmen haben sich auf dem Hintergrund der sehr grosszügigen Geldpolitik in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften in den letzten Jahren stark verschuldet. Deshalb kann sich das auf das globale Finanzsystem auswirken».

Die schnell gewachsene Verschuldung vor allem der Unternehmen nimmt auch im BIZ-Jahresbericht grossen Raum ein. Sie ist heute grösser als vor der Finanzkrise - das betrifft vor allem Firmen in den USA und in Asien. Besonders beunruhigend ist dabei der Umstand, dass vor allem Firmen über Anleihen oder Bankkredite Geld aufgenommen haben, deren Bonität bereits tief ist oder die schon zuvor hoch verschuldet waren. Solche Kredite werden als «leveraged loans» bezeichnet. Laut BIZ zählten im Jahr 2018 mehr als die Hälfte aller neu vergebenen Kredite zu dieser Kategorie und seit dem Jahr 2000 sei die Qualität dieser Darlehen am sinken. Wächst die Unsicherheit über diese Schuldner, kann es rasch zu Notverkäufen der entsprechenden Anleihen und Abschreibern auf den Krediten kommen.

Dadurch droht eine weitere Schwächung der Banken und Investitionen würden weiter zurückgehen. Beides droht die wirtschaftlichen Bedingungen zu verschlechtern. Eine generell gesunkene Profitabilität der Banken erachtet die BIZ bereits jetzt als Problem. Ein wesentlicher Grund dafür ist das tiefe Zinsniveau und die flache Zinskurve - das heisst, dass die Langfristzinssätze sich nur noch unwesentlich von Kurzfristsätzen unterscheiden. «Je länger die Zinssätze aussergewöhnlich tief bleiben», so Agustin Carstens, «desto mehr werden die Risikoprämien bei den Zinsen künstlich tief gehalten. Das geht nicht ewig so weiter. Die Zuständigen müssen daher sehr gut aufpassen, dass sie nicht die Grundlage für eine Blase legen oder grosse Probleme für die Finanzstabilität schaffen».

Nutzen bisher grösser als die Kosten

Für den BIZ-Chef ist auch das Wachstum der Schulden angesichts der weltweit tiefen Zinsen keine Überraschung: «Die expansive Geldpolitik hat Risiken und unerwünschte Nebeneffekte geschaffen», sagt er. Dazu zähle neben der Gefährdung der Finanzstablität, die sinkende Profitabilität der Banken und dass die Erträge von Langfristsparern wie Versicherungsgesellschaften und Pensionskassen gesunken sind.

Die Notenbanker nimmt er aber dennoch in Schutz: «Sie sind sich dem bewusst», sagt Carstens. Ausserdem ist er «überzeugt, dass die Vorteile der Geldpolitik bisher höher waren als die Kosten dieser negativen Begleiterscheinungen». Doch der BIZ-Chef mahnt, dass dies kaum Bestand haben könne: «Die Geldpolitik ist nicht ausreichend für eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft. Sehr tiefe Zinsen werden irgendwann nicht mehr zu einer Zunahme der Investitionen führen», sagt er.

Obwohl die Notenbanken wegen der Begleiterscheinungen ihrer Geldpolitik in vielen Ländern unter Druck geraten sind und US-Präsident Donald Trump recht unverhohlen vom Fed eine Zinspolitik nach seinem Gusto fordert, hält Agustin Carstens die Unabhängigkeit der Notenbanker für ungefährdet: «Ich bin überzeugt, dass in den meisten Ländern der Welt die Bevölkerung es noch immer lieber Experten überlässt, sich um die Gewährleistung der Geldwertstabilität zu kümmern, statt jenen, die primär kurzfristige politische Interessen verfolgen.». Doch diese Experten müssten ein präzises Mandat haben. «Aber auch bei dieser Unabhängigkeit gibt es immer wieder Spannungen, die man nicht unterschätzen sollte», ergänzt der BIZ-Chef.

Intervention der SNB sei gerechtfertigt

Voll des Lobes ist Carstens auch für die oft kritisierte Geldpolitik in der Schweiz: «Die Schweizerische Nationalbank hat gut gehandelt», sagt er. «Die Herausforderung in der Schweiz ist entstanden, weil das Land eine sehr solide Wirtschaft hat. Angesichts der Unsicherheiten und der sehr expansiven Geldpolitik in anderen Ländern sind deshalb grosse Summen an Kapital in die Schweiz geflossen.» Die Schweizer Wirtschaft könne dieses Kapital nicht so schnell absorbieren, erklärt der BIZ-Chef. «Kein anderes Land hätte das gekonnt» sagt er. Es gebe daher eine starke Rechtfertigung dafür, dass die SNB interveniert und Reserven angehäuft hat.

Die BIZ und im Gespräch auch ihr Chef fordern einen besseren Mix der wirtschaftspolitischen Massnahmen, um für ein nachhaltiges Wachstum zu sorgen. Dabei spricht er die Fiskalpolitik an - also die Ausgaben der Staaten und die Steuern - sowie strukturelle Reformen. «Es gibt Länder, die mit Blick auf die öffentlichen Finanzen noch Spielraum haben». Auf die Frage, welche er dabei im Sinn hat, nennt er Deutschland, weitere europäische Länder und China. Zentral sei allerdings der Fokus der Staatsausgaben: Vor allem Investitionen in die Infrastruktur, in die Forschung und in die Bildung müssten im Vordergrund stehen. «Sie haben einen besonders starken Effekt auf ein nachhaltiges Wachstum», sagt der BIZ-Chef.

Als Organisation der Notenbanken kommt die BIZ schliesslich auch nicht darum herum, sich mit den Plänen von Facebook zu befassen, mit dem Libra eine neue Weltwährung zu schaffen. Wie beurteilt das Agustin Carstens? «Die grossen Tech-Firmen haben dank ihrer verfügbaren Daten und Netzwerk-Effekten einen enormen Vorteil gegenüber anderen Institutionen der Finanzindustrie», sagt er. Das rufe nach einer integraleren Regulierung - nicht nur aus Sicht der Finanzstabilität, sondern auch aus Sicht eines funktionierenden Wettbewerbs und aus einer Datenschutzsicht. Ausserdem hält der BIZ-Chef noch eine Reihe von Fragen für ungeklärt: «Es ist zum Beispiel nicht klar, mit welchen Anteilen an stabilen Währungen der Libra gedeckt sein wird. Und es bleibt generell die Frage, was denn der Vorteil gegenüber den bestehenden Währungen sein soll.»

Erstellt: 30.06.2019, 12:47 Uhr

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