«Die Spannungen zwischen Trump und China werden eskalieren»

Star-Ökonom Roubini sagt im Interview, wie der Handelskrieg den weissen Arbeitern schadet, die der US-Präsident vorgibt zu schützen.

«Tatsächlich hat Trump als Plutokrat regiert, also zugunsten der Reichen»: Der US-Präsident empfängt Xi Jinping in Washington.

«Tatsächlich hat Trump als Plutokrat regiert, also zugunsten der Reichen»: Der US-Präsident empfängt Xi Jinping in Washington. Bild: Andy Wong/Keystone

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Der Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini sieht Gefahren für die Weltwirtschaft. Sie laufe nicht mehr auf allen Triebwerken, sagt er im Gespräch mit FuW. Nur die USA und China zeigten Stärke. Das Extremrisiko eines Handelskriegs drohe schon bald das Wachstum zu belasten, und die US-Notenbank könnte gezwungen sein, die Zinsen wegen einer stetig steigenden Inflation schneller zu erhöhen. Das Interview fand am Rande des Amundi World Investment Forum in Paris statt.

Professor Roubini, wie sieht es mit der Weltwirtschaft aus?
Verglichen mit dem Stand vor einigen Monaten läuft das Wachstum jetzt global weniger im Gleichschritt. Die USA und China sind noch relativ gut dran, dagegen schwächelt das Wachstum in der Eurozone, in Japan und in Grossbritannien. Zudem wird die Konjunktur in den USA von einem unnötigen Stimulus gezogen, und auch China stimuliert seine Wirtschaft exzessiv.

Sie sind also pessimistisch?
Ich sehe kein Aufwärtsszenario für die Weltwirtschaft. Wir werden zwar auf absehbare Zeit nicht in einer globalen Rezession enden, aber wir bleiben in diesem weniger synchronisierten globalen Aufschwung mit einer stärkeren Zersplitterung stecken. Während es manchen Ländern gutgeht, zeigen etwa die Schwellenmärkte grössere Anfälligkeit. Die Extremrisiken, wie die Gefahr eines Handelskriegs, nehmen zu.

Wo sehen Sie die grössten Gefahren?
Ich befürchte, dass ein Deal für das Nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta tot ist. Ich fürchte, dass Trump auf Autos einen Zoll von 20 Prozent einführt. Ich fürchte, dass die Spannungen zwischen den USA und China nicht nur beim Handel, sondern auch in Bezug auf den Technologietransfer und ausländische Direktinvestitionen eskalieren werden. Das ist eine Belastung für die Weltwirtschaft in einer Zeit, in der sich das Wachstum in manchen Regionen schon abkühlt.

«Ich sehe kein Aufwärtsszenario für die Weltwirtschaft»: Nouriel Roubini. Foto: Keystone

Könnten US-Zölle also die Weltkonjunktur aus der Bahn werfen?
Wenn China die US-Zölle auf Waren im Umfang von 100 Milliarden Dollar mit eigenen Abgaben vergilt, werden die Summen bedeutend. In Europa summieren sich die bisher betroffenen Aluminiumexporte nur auf einige Milliarden Dollar. Aber die Autoindustrie ist gross. Falls die Europäische Union auf US-Autozölle mit eigenen Abgaben antwortet, würden Zölle auf Importe in Höhe von Dutzenden von Milliarden Dollar fällig. Zusätzlich zum direkten Effekt auf den Handel belasten die Zölle möglicherweise die Zuversicht von Unternehmen und Konsumenten.

«Die einzigen zwei Themen, bei denen Trump etwas unternehmen kann, sind Handel und Migration.»

Wie sieht diese indirekte Wirkung aus?
Unternehmen leiden unter der Störung der globalen Lieferketten. Das Vertrauen der Konsumenten schwindet, weil die Güterpreise steigen. Und es gibt eine Wirkung auf die Finanzmärkte. Wann immer Trump um das Thema Handel lärmte, haben sich die Märkte nach unten bewegt. Das hat den Index in Shanghai mit einer Korrektur von über 20 Prozent bereits in einen Bärenmarkt gestürzt. Falls der Handelskonflikt zwischen den USA sowie Europa und China eskaliert und Nafta am Ende ist, drohen eine deutlichere Korrektur der US-Börse und ein grösserer globaler Effekt auf die Finanzmärkte und die Wirtschaft.

Können diese Streitigkeiten nicht mit Verhandlungen beigelegt werden?
Anfänglich haben die Leute gesagt, dass die Zölle nur Verhandlungsmasse für die Nafta-Gespräche seien. Aber jetzt sieht es aus, als würde ein Nafta-Abkommen nicht zustande kommen. Präsident Trump ist politisch schwach, da die Umfragen anzeigen, dass die Republikaner bei den Wahlen im November nicht gut abschneiden werden. Beim Aufgleisen von neuen Gesetzen ist seit den Steuersenkungen nicht viel passiert. Die einzigen zwei Themen, bei denen Trump einseitig etwas unternehmen kann, sind Handel und Migration. Und was sieht man? Der Lärm um diese zwei Themen ist ohrenbetäubend geworden. Davon erwarte ich noch mehr. Gleichzeitig sind die international ausgerichteten Wirtschaftsberater aus der Regierung verschwunden.

Bilder: China wappnet sich für einen Handelskrieg

Haben Mainstream-Ökonomen jeglichen Einfluss im Weissen Haus verloren?
Die Wirtschaftswissenschaftler des Mainstreams, auch solche, die den Republikanern nahestehen, waren gegenüber Trumps Handels- und Einwanderungspolitik skeptisch eingestellt. Sie haben die Steuersenkungen kritisiert, da sie das Potenzialwachstum nicht verbessern. Unter den vorigen Präsidenten waren die Berater sehr ernsthafte Ökonomen. Unglücklicherweise hat die jetzige Regierung Berater lieber anhand ihrer Ideologie statt ihrer Kompetenz ausgewählt.

Vielen Trump-Wählern würden Zölle schaden. Werden sie sich angesichts des wirtschaftlichen Schadens von ihm abwenden?
Trump wurde gewählt, da er den Anschein erweckt, dass er ein Populist ist, der sich um die weisse Arbeiterschicht sorgt. Aber tatsächlich hat er als Plutokrat regiert, also zugunsten der Reichen. Ich nenne ihn einen Pluto-Populisten.

«Wenn die Inflation schneller als erwartet steigt, wird sich das Wirtschaftswachstum stetig verlangsamen.»

Wie geht ein Pluto-Populist vor?
Seine Steuersenkungen entlasten die Reichen extrem. Seine Deregulierungspolitik schadet den Arbeitern. Wenn er Obamacare tatsächlich abschaffen könnte, würde das den Armen schaden. Um die Unterstützung seiner Wählerbasis, der weissen Arbeiter, zu sichern, macht er so viel Lärm um die Einwanderung und den Handel. Zwar schützt Protektionismus einige Jobs in Industrien wie Stahl und Aluminium, aber vor allem schadet er anderen Branchen. Man denke nur an eine Nagelfabrik, die wegen höherer Stahlpreise vielleicht schliessen muss. Und Zölle erhöhen die Preise für alle, da Konsumgüter teurer werden. Aber da Trump die Möglichkeit zur Gesetzgebung fehlt, muss er für seinen politischen Gewinn bei Handel und Migration rumpeln und Härte gegen den Rest der Welt demonstrieren. Wir wissen nicht, ob das funktionieren wird. Aber das sind die einzigen Karten, die er hält.

Wann wirken sich die steigenden Schulden negativ aus?
Einen Fiskalstimulus zu betreiben, wenn die Wirtschaft sich nahe der Vollbeschäftigung mit geringer freier Kapazität befindet, wird stetig zu mehr Inflation führen. Das wird die US-Notenbank Fed zwingen, die Zinsen stärker und früher zu erhöhen. Anfänglich wollte das Fed die Zinsen dieses Jahr drei Mal erhöhen, jetzt sind es vier Mal. Für das nächste Jahr werden drei Zinsschritte erwartet, das kann sich aber ändern. Momentan sehen wir eine Mischung aus lockerer Fiskalpolitik und restriktiver Geldpolitik mit steigenden Zinsen und einem Abbau der Bilanz des Fed.

Was folgt aus dieser Mischung?
Wenn es so weitergeht, erwarte ich weiter steigende langfristige Zinsen. Hypotheken würden teurer. Der US-Immobilienmarkt hat sich ja schon abgekühlt. Wenn die Inflation schneller steigt, als die Leute erwarten, werden wir eine stetige Verlangsamung beim Wirtschaftswachstum sehen. Das ist bislang wegen der künstlichen Stützung durch den Stimulus noch nicht geschehen. Und es wird keinen grossen Schock geben, sondern einen ständigen Trommelschlag aus Faktoren, die die Finanzierungsbedingungen straffen und schliesslich die Wirtschaft bremsen.

«Mehr Wettbewerb durch Globalisierung und technische Entwicklungen könnte die Preise tief halten.»

Wird der Finanzmarkt heftig reagieren?
Die Inflationsrate ist nun schon näher am Fed-Ziel von zwei Prozent. Es ist noch kein Marktschock, aber im Vergleich zum vergangenen Jahr sind die Aktienkurse gesunken, der Dollar ist stärker, und die Anleihenrenditen sind höher. Das Finanzumfeld beginnt sich zu verschlechtern. Kommt dazu ein Handelskrieg, könnte der Markt kippen. Wir hatten bisher ja ein schwieriges Jahr für den Aktienmarkt. Es war eine Serie von Phasen des «Risk off», des stimmungsgetriebenen Abbaus riskanterer Anlagen. Im Februar sorgte man sich um die Inflation, März und April waren von der Angst um den Handelskrieg geprägt. Und in den vergangenen zwei Monaten gesellten sich zu den Sorgenkindern die Schwellenländer und Italien hinzu. Das ist völlig anders als im Vorjahr, als «Risk on», also Appetit auf Risiko, vorherrschte.

Könnte Präsident Trump das Fed unter Druck setzen, die Zinsen niedrig zu halten?
Das Risiko besteht. Aber es wird nicht dieses Jahr geschehen, da der Stimulus das US-Wachstum noch hoch hält. Doch ab nächstem Jahr verblasst die Stimulierung. Nehmen wir an, dass Fed erhöht die Zinsen weiter, während das Wachstum nachlässt – wen wird Trump dann beschuldigen? Er wird dem Fed ankreiden, für das schwächere Wachstum verantwortlich zu sein. Das könnte ein Risiko für 2020 sein.

Wie sicher ist es, dass die Inflation in den USA anzieht?
Manche argumentieren, dass die Preissteigerung bei den handelbaren Gütern in Schranken gehalten wird. Mehr Wettbewerb durch Globalisierung und technische Entwicklungen, die zu einem effizienteren Handel – beispielsweise durch Amazon – führen, könnten die Preise tief halten. Aber der immer stärker ausgelastete US-Arbeitsmarkt kann die Preise von nicht handelbaren Gütern erhöhen. Die Inflation in den USA wird wohl nicht durch die Decke gehen. Aber sie könnte etwas schneller steigen und höher ausfallen, als das Fed bisher prognostiziert.

Und eine höhere Inflation ist bedenklich?
Das würde die Notenbank zwingen, die Zinsen noch mehr zu erhöhen, als sie es bisher annimmt. Schon jetzt erwartet das Fed, den angenommenen Gleichgewichtszins von 2,75 Prozent zu überschiessen. Erwartet wird ein maximaler Leitzins von 3,5 Prozent – erst danach würde der Zins zum Gleichgewicht zurückfinden. Wir wissen nicht, ob die Finanzmärkte damit zurechtkommen werden. Es ist ein heikler Übergang, den das Fed schaffen muss. Es besteht das Risiko von geldpolitischen Fehlern und dass das Wachstum – in den USA und weltweit – Schaden nimmt.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 05.07.2018, 14:24 Uhr

Zur Person

Nouriel Roubini ist Professor an der Stern School of Business der New York University. Der Sechzigjährige ist gleichzeitig CEO seiner eigenen Beratungsfirma, Roubini Macro Associates. Seine kontroverse Vorhersage im Jahr 2005, dass die Blase im US-Häusermarkt die Wirtschaft in den Abgrund reissen wird, hat ihm den Spitznamen «Dr. Doom» (doom = drohendes Unheil) eingebracht.

Roubini war Ökonom im Weissen Haus unter Bill Clinton. Zuvor hatte er für den Internationalen Währungsfonds, die US-Notenbank Fed und die Weltbank gearbeitet. Sein Doktorat hat er an der Harvard University erworben. Roubini wurde als Sohn iranisch-jüdischer Eltern in der Türkei geboren und wuchs in Italien auf.

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