Die Stube macht dem Fitnessstudio Konkurrenz

Der Verkauf von interaktiven Sportgeräten für zu Hause nimmt stark zu.

Virtuell mit Freunden am Radrennen in London teilnehmen: Digitale Angebote machens möglich. Foto: Joseph Khakshouri

Virtuell mit Freunden am Radrennen in London teilnehmen: Digitale Angebote machens möglich. Foto: Joseph Khakshouri

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Die Cracks des Veloclubs Hittnau haben Tausende Kilometer im Sattel verbracht, gemeinsam Pässe ­erklommen und im Trainingslager ­geschwitzt. Doch dieser Mittwochabend ist auch für die Routiniers eine ­Premiere: Sie haben sich zum gemeinsamen Training in London verabredet. Keiner von ihnen muss dazu die eigenen vier ­Wände verlassen. Sie loggen sich in die Plattform Zwift ein, steigen um Punkt 20.15 Uhr aufs Rad und treten in die Pedale. In der virtuellen Welt fahren die Avatare der Zürcher Oberländer los und mischen sich unter Tausende ­Sportler aus aller Herren Länder.

Neben einem Velo ist dazu ein interaktiver Rollentrainer nötig. Den gibt es ab 300 Franken. Und für rund 15 Franken pro Monat bietet Zwift 270 Kilometer Strassen für Rennrad­fahrer, Mountainbiker oder neuerdings auch Läufer – darunter die Nachbildung der französischen Alpe d’Huez, eine ­futuristische Version des New Yorker Central Park oder die imaginäre ­Südseeinsel Watopia mit Vulkanen, einem Dschungel und längst ausgestorbenen Tierarten.

Virtuelle Plattformen fürs Training zu Hause boomen

Weltweit nutzen mehr als 1,5 Millionen Menschen die Plattform Zwift. Die Zahl der aktiven Abonnenten habe im ­vergangenen Jahr in der Schweiz um 160 Prozent zugenommen, sagt ein ­Sprecher. Absolute Zahlen nennt das Unternehmen nicht. Die Region Deutschland, Österreich und Schweiz wachse weltweit am schnellsten.

Für Martin Preisig, Vorstandsmitglied des Veloclubs Hittnau, steht fest: «Plattformen wie Zwift haben das ­Indoortraining erst richtig attraktiv ­gemacht.» Zwar hatten ambitionierte Sportler schon die Möglichkeit, strukturierte Trainings mithilfe von digitalen Programmen zu absolvieren. «Mit Zwift ist aber der spielerische und gesellige Aspekt dazugekommen.» So verdienen sich die Sportler etwa virtuelle Schweisstropfen, mit denen sie später Fahrräder oder Zubehör für die digitale Welt kaufen können. Die Sportler können auch an Wettkämpfen gegeneinander antreten – laut dem Radsportweltverband soll dieses Jahr gar die erste ­Weltmeisterschaft im E-Radsport stattfinden.

Bei Schweizer Händlern läuft das Geschäft mit dem Sport in der Stube rund. Die interaktiven Rollentrainer für Velos sind gefragt. «Es ist ganz klar ein Trend zu Smarttrainern zu erkennen», sagt ­Daniel Rei, Sprecher des Onlinehändlers Brack. Das Wachstum 2019 zum Vorjahr liege bei fast 90 Prozent. Konkurrent Microspot spricht sogar von einer Vervierfachung des Umsatzes mit solchen Geräten. Im laufenden Jahr will die Coop-Tochter das Sortiment ausbauen. Auch Digitec sieht ein ­deutliches Wachstum und verkauft jährlich ­mehrere Tausend Rollentrainer, der grösste Teil davon ist interaktiv.

Die Sporthändler verlieren in der Schweiz Umsatz

Daneben gewinnen preiswertere ­Varianten für das Training zu Hause an Beliebtheit. Smartphone-Apps mit Übungsanleitungen und individuellem Fitnessprogramm sind beliebt. Auch der Verkauf von Kleingeräten wie ­Hanteln, Gymnastikbändern und sogenannte Kettlebells, mit denen ganze Muskelgruppen trainiert werden ­können, zieht an. Die zur Migros gehörende SportXX spürt einen Trend zum Training mit dem eigenen Körpergewicht. Ochsner Sport verzeichnet «eine signifikante Steigerung der Verkäufe» von Artikeln für den Heimsport.

Umsatzbringer kann die Branche dringend gebrauchen. Die Einnahmen der Sportgeschäfte sanken laut dem Marktforschungsinstitut GFK 2018 in der Schweiz um vier Prozent auf 1,7 Milliarden Franken. Dabei sind die Schweizerinnen und Schweizer zunehmend sportbegeistert, wie eine Statistik des Bundes zeigt.

Der Wettbewerb im Sportmarkt hat sich im vergangenen Jahr nochmals ­verschärft. Der französische Sport­discounter Decathlon hat die Läden von Athleticum übernommen. Das weltweit ­tätige Unternehmen verkauft vor allem Eigenmarken zu Tiefstpreisen. Das heizt den Kampf um Marktanteile mit den Platzhirschen SportXX und Ochsner Sport an.

Ein attraktiver Onlineshop wird ­dabei immer wichtiger. 2015 lag der Anteil von Käufen im Internet noch bei 6 Prozent, 2018 waren es bereits 13 Prozent. In diesem Zeitraum sank die Zahl der auf Sport spezialisierten Verkaufs­läden von 720 auf 650. Ganz anders sieht es bei den ­Fitnesscentern aus. 1169 Studios gab es Ende 2018. Das ist ein Drittel mehr als im Jahr 2015. Doch sie nehmen die erstarkende virtuelle Konkurrenz ernst und rüsten ihre Center digital auf.

Die Mitglieder des Veloclubs Hittnau haben daheim die letzten Kilometer in Angriff genommen. Die Strecke führt nach einem Anstieg im Umland von London hinunter in die U-Bahn-Schächte. Und während die virtuellen Radler noch ganz frisch aussehen, kriegen die analogen den Nachteil des Heimtrainings zu spüren: Die warmen Temperaturen und der fehlende Fahrtwind lassen sie zünftig schwitzen.



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Erstellt: 11.01.2020, 20:10 Uhr

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