«Die Türe für Negativzinsen aufgemacht»

Die EZB senkt ihren Leitzins. Welche Wirkung entfacht die Massnahme? Und was zaubert Mario Draghi als Nächstes aus dem Hut? Antworten vom Sarasin-Ökonomen Alessandro Bee.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Bee, die EZB hat heute die Zinsen gesenkt. Warum die ganze Aufregung?
Die EZB hat mit dem OMT-Programm vom letzten Sommer, bei dem Staatsanleihen unter fest geregelten Bediungen unbegrenzt gekauft werden, eine gute Massnahme entwickelt. Die Zinsaufschläge auf Staatsanleihen in der Peripherie haben sich halbiert. Und trotzdem kommt die Wirtschaft einfach nicht in Fahrt. Die wirtschaftliche Erholung braucht Zeit – Zeit, welche die EZB aber nicht hat.

Warum nicht?
Der Euroraum ist in der Rezession. Und währenddessen haben die Länder immer mehr Mühe, überhaupt handlungsfähige Regierungen auf die Beine zu stellen. Die EZB steht unter enormem Druck, irgendetwas zu unternehmen.

Normalerweise scherzt Draghi an Pressekonferenzen gern herum. Aber heute wirkte er seltsam ruhig – beinahe etwas bedrückt.
Er hat tatsächlich einen etwas frustrierten Eindruck gemacht. Was aber auch verständlich ist: Von der Politik kommt aktuell nicht viel, unter den Regierungen herrscht Reformmüdigkeit. Und obendrein streiten sich Franzosen und Deutsche auch noch. Auffallend war, wie viel Zeit Draghi darauf verwendet hat, zu erklären, warum er Austerität für eine gute Sache hält.

Diese Haltung wird zunehmend kritisch beurteilt.
Die EZB ist durchaus bereit, etwas für die Konjunktur zu tun – das hat Draghi nicht zuletzt mit seinem Bekenntnis zur Eurozone vom letzten Sommer bewiesen. Die grosse Angst der Zentralbank ist, dass sich die Regierungen nun zurücklehnen.

Ist diese Angst berechtigt?
Ist die Konjunktur erst einmal in Fahrt, so schwindet der Wille zur Umsetzung von schmerzhaften Reformen. Gerade in den Peripheriestaaten, wo die Arbeitslosigkeit ohnehin schon sehr gross ist.

Dabei haben die Sparmassnahmen selbst zur hohen Arbeitslosigkeit beigetragen.
Dessen ist sich Draghi sicher bewusst. Doch es gehört zum Job eines Zentralbankers, etwas Druck auf die Regierungen zu machen. Wovor sich die EZB fürchtet, ist, dass bereits beschlossene Reformen nun wieder rückgängig gemacht werden.

Welche konkrete Wirkung geht von der heutigen Zinssenkung aus?
Die wichtigen Geldmarktzinsen wie der Euribor sind bereits praktisch bei null. Mit dieser Massnahme zeigt die EZB vor allem ihre Handlungsbereitschaft an: Die Leitzinssenkung soll als erster Schritt in einer ganzen Reihe von Massnahmen verstanden werden.

Welche Massnahmen können das sein?
Die EZB kann auf der Liquiditätsseite noch mehr unternehmen – das heisst, dass sie den Banken noch mehr langfristige Liquidität zu günstigen Konditionen bereitstellen kann. Eine zweite Möglichkeit wäre, ein sogenanntes Funding-for-Lending-Schema einzuführen, bei dem Banken bei der Vergabe von Unternehmenskrediten direkt mit Zentralbankgeld unterstützt werden. An der heutigen Pressekonferenz hat Mario Draghi allerdings eher eine andere Möglichkeit nahegelegt.

Und die wäre?
In Zusammenarbeit mit der Politik soll ein Markt geschaffen werden für sogenannte Asset Backed Securities – das heisst, für Pakete gebündelter Unternehmenskredite. Diese Pakete würde beispielsweise die Europäische Investitionsbank mithilfe von EZB-Liquidität schnüren und dann auf dem Finanzmarkt verkaufen.

Was würde das nützen?
Über diesen Markt könnte das Kreditwachstum für KMU angekurbelt werden. Das Risiko läge aber nicht bei der EZB, sondern woanders. Anders als bei Funding for Lending, wo die EZB alleine agieren und das Risiko selbst tragen würde, würde diese Lösung also die Staaten stärker mit einbeziehen. Die EZB will die Regierungen mit ins Boot holen.

Wird man an den nächsten Sitzungen mehr dazu hören?
So schnell lässt sich diese Massnahme nicht realisieren. Es wird wohl Herbst, bis sich etwas konkretisiert. Mit der heutigen Ankündigung versucht Draghi, die Märkte inzwischen bei der Stange zu halten. Vorstellbar ist, dass an einer der nächsten Sitzung eine Ausweitung der Liquiditätsmassnahmen oder eine Lockerung der Kollateralvorschriften beschlossen wird. Auch gegenüber Negativzinsen für die Einlagen der Geschäftsbanken bei der Zentralbank war die EZB in der Vergangenheit sehr kritisch eingestellt. An der heutigen Sitzung wurde die Türe ein Stück weit aufgemacht für einen solchen Schritt.

Europas grosses Problem ist die rekordhohe Arbeitslosigkeit. Reichen solche Massnahmen aus, um Gegensteuer zu geben?
Aus Sicht der Politik müsste die Lösung optimalerweise lauten: In der kurzen Frist keine allzu restriktive Sparpolitik betreiben, dafür mittel- bis langfristig einen glaubwürdigen Konsolidierungsplan vorlegen. Ben Bernanke hat dies für die USA kürzlich treffend beschrieben. Auch Europa könnte kurzfristig bei der Austeritätspolitik auf die Bremse treten – wenn es denn in der Lage wäre, Reformen auf die lange Sicht anzupacken, um wieder auf eigenen Füssen zu stehen. Wären solche Pläne vorhanden, so liesse sich sicher auch die EZB davon überzeugen. Genau bei dieser Selbstverpflichtung liegt in Draghis Augen aber das Problem.

Die Ökonomenwelt ist noch immer gespalten in Bezug auf das «Endspiel» der Eurozone: Einige rechnen mit einer Rückkehr zum Gleichgewicht nach der Rezession, andere sehen die Transferunion als einzige Alternative zur eventuellen Spaltung.
Mit dem OMT-Programm wurden die Risiken einer Aufspaltung erheblich gemindert. Die Finanzmarktkrise schwächt sich nun deutlich ab. Momentan wird sie von einer realwirtschaftlichen Krise abgelöst. Es kann sehr lange dauern, bis diese vorbeigeht. Mit jedem Quartal, das vorüberzieht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass zyklische Arbeitslosigkeit in strukturelle Arbeitslosigkeit umgewandelt wird – dass die Wirtschaft also bleibenden Schaden nimmt. Die Eurozone braucht Wachstum, und zwar schnell.

Erstellt: 02.05.2013, 18:10 Uhr

Alessandro Bee ist Fixed Income Stratege bei der Bank Sarasin. Zu seinen Spezialgebieten gehört die Geldpolitik in der Schweiz und in Europa.

Artikel zum Thema

«Durchaus frustriert»

Die EZB setzt im Kampf gegen die Eurokrise auf konventionelle Mittel: Heute hat sie den Leitzins für die Eurozone auf 0,5 Prozent gesenkt. Das ist der tiefste Wert seit Bestehen des Euro. Mehr...

Die Teile im Euro-Franken-Puzzle

Hintergrund Trotz miesem Wirtschaftsausblick und möglicher EZB-Zinssenkung ist der Euro zum Franken stärker geworden. Was hinter diesem Rätsel steckt und welcher Faktor für die SNB langfristig ausschlaggebend ist. Mehr...

Miserable Konjunkturdaten – boomende Börsen

Analyse Wegen düsterer Prognosen zählen Investoren darauf, dass die EZB die Zinsen senkt. Das treibt derzeit die Aktienkurse. Wie nervös die Anleger dennoch sind, zeigte der Zwischenfall mit einer falschen Twitter-Meldung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...