Die USA im Blindflug

Wie schwach die US-Wirtschaft noch ist, hat für den Budgetstreit und die Geldpolitik eine grosse Bedeutung. Doch die Daten dafür können nicht erhoben werden. Auch weitere negative Folgen werden deutlich.

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Im Streit um das US-Budget zeichnet sich keine Lösung ab. Der Optimismus, dass es sich beim sogenannten Shutdown – dem Aussetzen einer ganzen Reihe von Regierungsfunktionen – nur um eine kurzfristige Angelegenheit handelt, schwindet. Auch an den Märkten steigt die Nervosität. Die US-Börse hat zwar gemessen am Dow-Jones-Index mit 0,4 Prozent nur knapp im Minus geschlossen, und in Europa sind die Aktienmärkte erneut leicht im positiven Bereich gestartet. Doch die Fieberthermometer der Börse, die sogenannten Volalitiltätsindizes, sind im Steigen begriffen, sie verweisen allerdings noch nicht auf ein Niveau, das auf eine Panik hinweist.

Wie sich die Stimmung in der Politik und in der Bevölkerung weiter entwickelt, hängt einerseits von den weiteren Auseinandersetzungen zwischen den Parteien ab, aber auch von der Wirtschaftslage in den USA. Schlechte Daten von dieser Seite erhöhen den Druck, nicht noch mehr zu risikieren. Doch ausgerechnet solche Daten fliessen als Folge des Shutdown nur noch spärlich.

Der wichtigste Bericht fällt aus

Das gilt ganz besonders für den Bericht des US-Arbeitsministeriums zur Arbeitslosigkeit in den USA, dessen Publikation auf morgen Freitag terminiert war. Wenn kein Wunder mehr geschieht, wird der Bericht nicht veröffentlicht. Die Erfassung der Daten wurde bereits gestoppt. Das Büro für Arbeitsstatistik, das gewöhnlich rund 2500 Personen beschäftigt, muss momentan nur noch mit 3 auskommen.

Kaum ein anderer Datensatz ist so wichtig, um eine Einschätzung zur Wirtschaftsentwicklung in den USA zu bekommen, wie der Bericht zur Arbeitslosigkeit. Ausserdem beeinflusst der Bericht ganz direkt die Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve. Nur bei einer sichtbaren Verbesserung am Arbeitsmarkt will sie ihre ultralockere Geldpolitik zurückfahren. Wenn solche Daten fehlen, fliegt die Notenbank sozusagen im Blindflug. Eine Änderung ihrer Politik ist daher vorerst vom Tisch.

Doch nicht nur der mit Spannung erwartete Arbeitsmarktbericht fällt dem Budgetstreit zum Opfer. Das gilt diese Woche auch für Daten zu den Bestellungseingängen in der Industrie und zu den Ausgaben im Bausektor. Hält der Shutdown nächste Woche an, werden auch keine Daten zum Aussenhandel, zur Preisentwicklung, zu den Detailhandelsumsätzen und zum Lagerbestand der Unternehmen veröffentlicht. Auch Daten zur Landwirtschaft bleiben aus, die nicht nur für die Farmer, sondern auch für die Rohstoffbörse von grossem Wert sind.

Immerhin bleiben private Datenanbieter vom Ausfall der Regierungsdienststellen verschont. So waren Arbeitsmarktdaten vom Datenlieferanten Automatic Data Processing (ADP) erhältlich. Sie haben die Erwartungen enttäuscht. Auf noch mehr Aufmerksamkeit als sonst schon dürften auch die Indexdaten des Institute of Supply Management (ISM) stossen, die den Auftragseingang von Einkaufsmanagern wiedergeben.

2000 Black-Hawk-Beschäftigte nach Hause geschickt

Konkrete Probleme für die US-Wirtschaft zeichnen sich nicht nur bei der Datenerfassung ab. Selbst der Aussenhandel wird in Mitleidenschaft gezogen. Zwar verspricht das Zollministerium, weiter aktiv zu bleiben – 88 Prozent der Beschäftigten sollen da laut dem «Walll Street Journal» weiterarbeiten –, doch beim Gesundheitsamt sind 45 Prozent der Belegschaft beurlaubt. Weil es zu den Aufgaben dieses Amts gehört, die Schädlichkeit von Importen zu kontrollieren, sind diese vom Budgetstreit betroffen. Das kann sich auf Produkte wie Kopfhörer auswirken, die ebenfalls auf ihre Schädlichkeit für das Gehör hin geprüft werden müssen. «Kann der Regierungsausfall Weihnachten ruinieren?», titelt das «Wall Street Journal» seinen Bericht zu den Problemen in der Warenabfertigungs-Logistik.

Als erstes grösseres Unternehmen, das vom Budgetstreit bereits betroffen ist, hat United Technologies 2000 an der Herstellung des Black-Hawk-Helikopters beschäftigte Mitarbeiter vorerst nach Hause geschickt. Der Black Hawk ist der wohl bekannteste Mehrzweckhelikopter der US-Armee. Ohne baldige Lösung im Budgetstreit sollen insgesamt 5000 Beschäftigte betroffen sein, liess das Unternehmen verlauten.

Betroffen ist aber nicht aber die Wirtschaft, sondern auch der geopolitische Machtanspruch der USA. So muss Präsident Barack Obama seine Reise nach Ostasien absagen, wo er laut der «New York Times» der dominierende Rolle der USA in dieser Region trotz dem Aufstieg Chinas Nachachtung verschaffen wollte. Der chinesische Präsident Xi Jinping seinerseits hatte keinen Grund, seine Besuche bei Regierungen der Region abzusagen.

Erstellt: 03.10.2013, 16:07 Uhr

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