«Die USA leben wie Parasiten von der Weltwirtschaft»

Der US-Schuldendeal lässt die Wellen hoch gehen. Die Skepsis überwiegt nicht nur in Peking, Tokio und Moskau. Auch namhafte Experten sehen die Bonität der USA weiterhin in Gefahr – und befürchten Schlimmes.

«Die Amerikaner leben über ihren Verhältnissen»: Der russische Premier Wladimir Putin.

«Die Amerikaner leben über ihren Verhältnissen»: Der russische Premier Wladimir Putin. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die USA konnten die Zahlungsunfähigkeit abwenden. Die Investoren an den Märkten atmeten aber nur ein paar Stunden auf. Die Aktienkurse legten zunächst ebenso zu wie der Dollar gegenüber dem Franken. Doch bereits gestern drehten die Kurse wieder. Auch heute Morgen fiel der Dollar unter 78 Rappen, der Euro unterbot erstmals die Marke von 1.10 Franken.

Befremden und Abscheu hinterlässt die wochenlange Schlammschlacht in Washington und die Lösung in letzter Minute auch auf der politischen Bühne. Unverblümt poltert der russische Premier Wladimir Putin, die USA lebten «wie Parasiten von der Weltwirtschaft und ihrem Dollar-Monopol». Die Amerikaner lebten über ihre Verhältnisse. Vom Sommercamp der Jugendbewegung seiner Partei nördlich von Moskau aus wiederholte er die Forderung nach einer alternativen Leitwährung zum Dollar. Putin erinnerte daran, dass Länder wie Russland und China «bedeutende Anteile» an der US-Staatsschuld hielten. «Wenn es in Amerika einen systemischen Fehler gibt, betrifft dies alle.»

Während Moskau laut «Spiegel online» nur 2,8 Prozent an der Auslandsverschuldung der USA von 4,5 Billionen Dollar hält, so ist Peking mit 26,7 Prozent der grösste Gläubiger. Ausländer halten insgesamt 29 Prozent an der Gesamtverschuldung der USA von 14,3 Billionen Dollar.

Skepsis in Peking und Tokio

Auch in China stösst die Einigung im US-Schuldenstreit auf Skepsis. Zwar hielt sich die Regierung mit einer offiziellen Reaktion zurück. In den Staatsmedien wurde der Kompromiss allerdings als halbherzig kritisiert. «Zwar haben die USA die Zahlungsunfähigkeit nun praktisch verhindert, aber ihre Schuldenprobleme sind weiterhin ungelöst», urteilte heute die Zeitung «Renmin Ribao», das Zentralorgan der KP. Das Problem sei im Endeffekt nur aufgeschoben worden.

Es sei damit zu rechnen, dass der Schuldenberg der weltgrössten Volkswirtschaft weiter anwachse. «Dies wirft einen Schatten auf die Erholung der US-Konjunktur und erhöht auch die Gefahren für die Weltwirtschaft.» Die Abhängigkeit vom Dollar sei vorerst aber kaum zu verringern, erklärte das Blatt in dem kurzen Kommentar weiter. «Der Dollar bleibt eine harte Währung, die alle anderen Länder akzeptieren müssen.»

Japan, mit einem Anteil an der Staatsschuld von 20,3 Prozent der zweitgrösste Gläubiger der USA, äusserte ungewohnt deutlich seine Bedenken zum Deal im Schuldenstreit. Aussenminister Fumihiko Igarashi forderte weitere Sparanstrengungen. Japan fürchtet, die Rating-Agenturen könnten die USA herabstufen.

Triple-A in Gefahr

Mehrere Experten äusserten Zweifel an der Bonität der Amerikaner. Die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) sagte bereits vor der Einigung im Schuldenstreit, ein glaubwürdiger Staatshaushalt müsste Einsparungen von 4 Billionen vorsehen. «S&P kann es sich in diesem Umfeld eigentlich nicht erlauben, den USA das AAA nicht zu entziehen», kommentierte Ian Bremmer, ein Analyst der Eurasia Group, laut «Welt online». Auch Experten der italienischen Unicredit (gegenüber der «Financial Times Deutschland»), ein Vermögensverwalter der Aberdeen Asset Management sowie der Chef der Bank HSBC (im «Guardian») sahen die Höchstnote der Rating-Agenturen für US-Staatschulden auch nach dem Übereinkommen in Gefahr.

Dieses sieht in einem ersten Schritt eine Anhebung der Schuldenobergrenze um eine Billion bei sofortigen Einsparungen von 917 Milliarden Dollar vor. Bis im November soll sich ein Ausschuss auf weitere Einsparungen von rund 1,5 Billionen Dollar über die nächsten zehn Jahre einigen, während die Schuldenobergrenze noch einmal um etwas mehr als eine Billion Dollar angehoben wird. Präsident Obama hatte gehofft, das sei genug, um das Problem bis nach der Präsidentenwahl Ende 2012 zu verschieben.

Heisser Herbst

Doch bereits wird befürchtet, dass der Beginn des Wahlkampfes durch die Suche nach weiteren Sparmöglichkeiten geprägt sein könnte. Bis zu Thanksgiving am 24. November muss sich der neu gegründete paritätische Sonderausschuss einigen, wo genau die Axt für die zusätzlichen 1500 Mrd. Dollar des zweiten Sparschritts angesetzt werden soll. Und hier könnten die Fetzen noch einmal fliegen.

Ohnehin sehen einige Experten die vereinbarten Sparanstrengungen lediglich als Tropfen auf den heissen Stein an. Das Schuldenproblem sei damit nicht gelöst, sagt der Berkley-Ökonom Barry Eichengreen zur «Financial Times Deutschland». Es sei «nichts passiert, um die grösste Herausforderung auf mittlere Sicht in den Griff zu bekommen – die explodierenden Gesundheitskosten».

Die Bank Berenberg rechnete vor, dass selbst bei einem jährlichen Wirtschaftswachstum von drei Prozent, bis 2020 Einsparungen von 7,5 Billionen Dollar nötig wären, um die Verschuldung in den Griff zu bekommen. Laut «Spiegel online» beträgt allein das geplante US-Budgetdefizit von 2012 bis 2016 3,4 Billionen Dollar. Die nun vereinbarten – und zum Teil noch im Detail zu beschliessenden Massnahmen – sehen in den nächsten zehn Jahren Einsparungen von 2,4 Billionen vor.

Schuldenfalle

Die grosse Sorge der Investoren und Analysten gilt der US-Konjunktur. Sie hat sich bereits in den letzten Monaten abgekühlt. Der gestrige Taucher an den Börsen wurde vor allem durch weitere schlechte Daten erklärt. So sanken zwei Einkaufsmanager-Indizes auf Werte, die nur noch eine knapp wachsende Wirtschaft anzeigen.

Die nun beschlossenen Ausgabenkürzungen werden eine Erholung der US-Konjunktur nicht einfacher machen. Die Befürchtung geht um, sie könnten sogar eine weitere Rezession auslösen. Der Chefökonom der Citigroup Willem Buiter bringt es gegenüber «Welt online» so auf den Punkt: «Es ist schwer vorstellbar, wie Amerika seine Schuldenprobleme in den Griff bekommen will, ohne das Wachstum abzuwürgen.» (rub)

Erstellt: 02.08.2011, 12:31 Uhr

Bildstrecke

Bildstrecke

Die Hauptdarsteller im US-Schuldenstreit

Die Hauptdarsteller im US-Schuldenstreit Die Verantwortlichen im Streit um die Schuldenobergrenze der USA haben sich geeinigt. Nach dem Repräsentantenhaus muss nun noch der Senat dem Kompromissvorschlag zustimmen.

Artikel zum Thema

SMI fällt um über vier Prozent

Keine Erleichterung nach dem Kompromiss im US-Schuldenstreit: Die Sorgen um die US-Bonität und schlechte Konjunkturdaten liessen die Aktienmärkte am Dienstag ins Minus fallen – auch der SMI stürzte ab. Mehr...

Dollar fällt unter 78 Rappen – DAX stürzt ab

Trotz einer ersten Einigung im US-Schuldenstreit wurde der Dollar heute weiter abgeschwächt. Doch auch für die Börse in Deutschland war es ein schwarzer Tag. Mehr...

Schuldenkompromiss nimmt erste Hürde

Das US-Repräsentantenhaus hat den Kompromissvorschlag zur Abwendung der Zahlungsunfähigkeit gebilligt. Der Gesetzesentwurf wurde bereits an den Senat weitergeleitet. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...