Die US-Metropole Detroit schöpft aus dem Bankrott neue Hoffnung

Für die Grossstadt könnte der finanzielle Ruin ein Glücksfall sein. Die Metropole zieht neue Firmen und jüngere Unternehmer an, die den allgemeinen Ausverkauf zum Aufbruch nutzen.

Eine Stadt am Boden:  Aussenquartier von Detroit im Jahr 2011. Foto: Florian Buettner (Keystone, Laif)

Eine Stadt am Boden: Aussenquartier von Detroit im Jahr 2011. Foto: Florian Buettner (Keystone, Laif)

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Im Frühling 2013 war Detroit am Boden. Im grössten Bankrott einer US-Stadt mussten die Behörden eine nicht mehr länger finanzierbare Schuldenlast von 18 Milliarden Dollar ausweisen. Detroit wurde unter Vormundschaft gestellt. Doch in einem einmaligen Effort einigten sich der Bundesstaat Michigan, mehrere private Stiftungen sowie die Stadt auf eine gross angelegte Sanierung. Die wertvolle Kunstsammlung soll erhalten und eine neue, nicht mehr von der Autoindustrie abhängige Wirtschaft soll entstehen.

Das Schlusskapitel des Insolvenzverfahrens wurde gestern vor einem Konkursgericht aufgeschlagen. Richter Steven Rhodes liegt ein mehr als 400 Seiten langer Sanierungsplan vor, der die Schuldenlast massiv abbauen würde, ohne aber – wie zunächst befürchtet – die Kunstsammlung zum Ausverkauf freizugeben.

Vorgesehen ist, von den Schulden von 18 Milliarden mehr als 7 Milliarden abzuschreiben. Den grössten Preis müssten die beiden Obligationenversicherer Syncora und Financial Guaranty zahlen. Sie hatten Schuldzerti­fikate für 1,4 Milliarden gekauft, die Detroit 2005 als Überbrückungskredit an die Pensionskasse ausgegeben hatte. Der Sanierungsplan sieht nun vor, diese Schuldscheine höchstens noch zu 10 Prozent zurückzuzahlen; ein Vorschlag, den die Versicherer vor Gericht als völlig unfair und willkürlich anfechten wollen. Weit besser fahren andere Obligationäre, die Schuldscheine besitzen, die durch Steuereinnahmen abgesichert sind. Sie müsste mit einem Verlust von «nur» 26 Prozent auf ihren Einlagen rechnen.

Kunstsammlung bleibt

Auch die städtischen Angestellten und Pensionierten müssen ihren Beitrag leisten, allerdings zu einem weit geringeren Teil. So müssen die Feuerwehrleute und Polizisten mit einem etwas geringeren Teuerungsausgleich rechnen; doch ihre Rentenansprüche werden nicht gekürzt. Die bereits Pensionierten sehen ihre Renten um 4,5 Prozent gekürzt, fünfmal weniger als zunächst geplant.

Kern des Deals ist eine Vereinbarung zwischen Michigan, der städtischen Kunstsammlung und mehreren Stiftungen, darunter dem Getty Trust und dem Mellon Fund. Sie bringen 820 Millionen auf, um die vor 140 Jahren errichtete Kunstsammlung zu kaufen und einer Non-Profit-Stiftung zu überlassen. Die Sammlung enthält einmalige Werke, so etwa ein auf 150 Millionen Dollar geschätztes Selbstporträt von Vincent van Gogh. Die Sammlung bleibt damit der Öffentlichkeit erhalten. Syncora und Financial Guaranty wollten sie abstossen, um ihre Forderungen an die Stadt zu begleichen. Christie’s schätzte die mehr als 60'000 Stücke umfassende Sammlung auf bis zu 870 Millionen Dollar, doch gehen andere Gutachter von einem Wert von mehreren Milliarden aus.

«Stupid und faul geworden»

Der auf bis zu sechs Wochen angelegte Bankrott-Prozess dürfte mit grösster Härte ausgetragen werden. Neben den Obligationen-Versicherern fühlen sich inzwischen auch Tausende von Haushalten übervorteilt, da die städtischen Wasserwerke ihnen die Zufuhr abstellen wollen, weil alte Rechnungen nicht beglichen worden seien. Richter Steven Rhodes sicherte am Dienstag zum Auftakt zu, diesen Konflikt als Erstes zu lösen und sich anschliessend der Frage der finanziellen Zukunft der Stadt zuzuwenden. Von einer raschen Genesung ist insbesondere der Sachwalter überzeugt. Kevyn Orr hat seit 18 Monaten die Sanierung der Stadt vorangetrieben und erreicht, dass 1,5 Milliarden Dollar in eine modernere Infrastruktur investiert werden. «Die Stadt war über die Jahrzehnte hinweg stupid, faul und satt geworden», fasste Orr kürzlich zusammen. Der Bank­rott aber habe alle derart durchgeschüttelt, sagt er, dass Detroit endlich zu einem Neustart bereit sei. Orr vergleicht die Lage mit früheren Zuständen in Mia­mi und Washington; zwei Städte, die sich nach tiefen Wirtschaftskrisen vor 50 Jahren neu erfinden mussten.

Erinnerungen an New Orleans

Eine wesentliche Rolle in Detroit spielt das führende Online-Kreditunternehmen Quicken Loans. Es verlegte den Hauptsitz schon 2010 in die Innenstadt und zog gegen hundert Firmen mit sich. Sie alle profitierten von Land und Immobilien zu Schleuderpreisen. Die Ausverkaufsstimmung zog auch Hunderte von Start-up-Firmen und Künstlern an.

Zweigeteilte Stadt

Ähnlich wie New Orleans nach der Verwüstung durch Katrina sieht sich Detroit nach dem durch Korruption und Misswirtschaft beschleunigten Bankrott auf dem Weg zur Besserung. Wie in New Orleans ist indessen auch hier die Rede von einer zweigeteilten Stadt; eine Stadt der älteren Einwohner, die sich noch an die guten Zeiten der Motor Town erinnern, und eine Stadt einer jüngeren, innovativeren und von aussen zugezogenen Generation.

Detroit hat aber einen noch tieferen Fall als New Orleans hinter sich. Die Stadt der grossen Autokonzerne Ford, GM und Chrysler zählt nur noch 25'000 industrielle Arbeitsplätze, verglichen mit fast 350'000 Stellen im Jahr 1950. Das mittlere Haushalteinkommen ist seit 1970 um über die Hälfte auf unter 30'000 Dollar gesunken. Doch ist beiden Städten gemeinsam, dass ihre früheren Bürgermeister wegen Korruption langjährige Gefängnisstrafen verbüssen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2014, 07:15 Uhr

Richter Steven Rhodes.

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