«Die britische Notenbank hätte beruhigen müssen»

Schottland sagt Nein zur Unabhängigkeit. Trotzdem muss Europa auf die Abstimmung reagieren: Warum, das erklärt der Chefökonom der Credit Suisse, Oliver Adler.

«Assoziationen mit der Eurokrise wären bei einem Ja sicher aufgekommen»: Oliver Adler, Leiter der ökonomischen Forschungsabteilung bei der Credit Suisse.

«Assoziationen mit der Eurokrise wären bei einem Ja sicher aufgekommen»: Oliver Adler, Leiter der ökonomischen Forschungsabteilung bei der Credit Suisse. Bild: Simon Schmid

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Herr Adler, die Schotten haben Nein zur Unabhängigkeit gesagt. Was wäre bei einem Ja an den Finanzmärkten heute los gewesen?
Das Pfund hätte wohl deutlich an Wert verloren. Jetzt kostet es fast wieder 1.65 Dollar und damit wieder so viel wie zu Monatsbeginn. Zudem wären Verwerfungen im britischen Bankenbereich möglich gewesen. Denn die Bank of England hatte zuletzt eine Währungsunion mit Schottland ausgeschlossen. Möglicherweise wären Assoziationen mit der Eurokrise aufgekommen. Im Gegenzug hätte die britische Notenbank mit einem Notfallstatement die Märkte beruhigen müssen.

David Cameron hat heute Morgen zu den Schotten gesagt: «Wir hören euch.» Die Autonomie soll nun gestärkt werden. Welche ökonomischen Konsequenzen hat der anstehende Wandel?
Schottland, aber auch England, Wales und Nordirland sollen nun zusätzliche regionale Befugnisse erhalten. Diese Entwicklung betrifft primär die politische Ebene. Die Föderalismusfrage hat aber auch eine wirtschaftliche Dimension. Zum Beispiel wird der Steuerwettbewerb, den es in Grossbritannien noch nicht gibt, gestärkt. Die Delegation von Kompetenzen auf die Regionen dürfte langfristig dafür sorgen, dass die Staatsausgaben effizienter getätigt werden.

Würde mehr Föderalismus auch Europa guttun?
Manche europäischen Staaten wie Frankreich sind noch stark zentralistisch geprägt. Wenn die einzelnen Regionen in diesen Ländern mehr Befugnisse erhielten, wäre dies eine positive Entwicklung. Zudem existieren in Ländern wie Spanien ja weitere Unabhängigkeitsbewegungen. Europa muss sich mit ihnen auseinandersetzen, daran ändert das knappe Nein der Schotten nichts.

Erhält das Ideal vom Europa der Regionen nun neuen Schwung?
Dieses Konzept bezog sich ursprünglich auf die Zusammenarbeit von Regionen über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Solche Kooperationen gibt es, sie funktionieren teilweise auch gut. Heute rückt aber die Frage ins Zentrum, wie sich die Nationalstaaten selbst organisieren – und wie dies wiederum auf die EU zurückwirkt.

Erschwert der innerstaatliche Föderalismus die Entscheidungsfindung in Brüssel?
Fragen wie diese werden in nächster Zeit zu klären sein. Es ist interessant, dass der neue Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker dieses Thema bereits zur Priorität erklärt hat. Man muss sich aber bewusst sein, dass die Dezentralisierung auch ihre Grenzen hat. Dinge wie die Bankenaufsicht müssen in einem integrierten Wirtschaftsraum unbedingt supranational organisiert sein.

Nimmt die Entscheidung der Schotten zum Verbleib im Vereinigten Königreich nun auch den britischen EU-Austrittsbefürwortern den Wind aus den Segeln?
Die Wahrscheinlichkeit, dass Grossbritannien die EU verlässt, wäre bei einem Ja allein schon aus arithmetischen Gründen gestiegen. Die Schotten sind deutlich europafreundlicher als die Briten im Gesamtdurchschnitt. In einem dereinstigen Referendum hätten die schottischen Pro-Europa-Stimmen also gefehlt. Die allfällige «Brexit»-Abstimmung in einigen Jahren wird aber ohnehin eine knappe Angelegenheit. Der Entscheid könnte noch enger ausfallen als das gestrige Unabhängigkeitsreferendum.

Wie schlimm wäre ein britischer Austritt für Europa?
Europa hat in mehrerer Hinsicht Interesse, dass Grossbritannien ein vollwertiges EU-Mitglied bleibt. Bei einem Austritt würde das geopolitische Gewicht der Union weiter geschwächt. Dieser politische Aspekt wäre wohl noch gravierender als die wirtschaftlichen Effekte. Denn Grossbritannien würde die Verbindungen zum Binnenmarkt kaum vollständig kappen. Ein Austritt würde allerdings das EU-Budget schwächen, weil die Briten noch immer leichte Nettozahler sind. Tendenziell setzt sich Grossbritannien auch für weniger Dirigismus ein. Wenn diese Stimme in Europa verloren ginge, wäre das schade – letztlich auch für die Schweiz, die momentan sehr an einer flexiblen EU interessiert ist.

Erstellt: 19.09.2014, 11:45 Uhr

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Presseschau zu Schottlands Referendum

Presseschau zu Schottlands Referendum Das sagen die britischen Zeitung zum Nein zur schottischen Unabhängigkeit.

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