Interview

«Die nächste Finanzblase platzt bestimmt»

Börsenguru Mark Mobius im Exklusiv-Interview über lauernde Spekulationsgefahren auf den Weltmärkten, das Erfolgsprojekt Euro und die Sinnlosigkeit von Nationalbank-Massnahmen.

«Ich denke nicht, dass der starke Franken für die Schweiz zu einem grossen Problem wird»: Mark Mobius im Interview.

«Ich denke nicht, dass der starke Franken für die Schweiz zu einem grossen Problem wird»: Mark Mobius im Interview.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Weltweit purzeln die Kurse. Ist das eine Momentaufnahme oder der Beginn eines anhaltenden Abwärtstrends?
Die Menschen und Investoren haben Angst und ziehen sich in ihre eigenen Länder und Heimatwährungen zurück. In der Finanzkrise von 2008 haben alle die USA als sicheren Hafen betrachtet und in US-Staatsanleihen investiert. Jetzt hat man bemerkt, dass das kein sicherer Hafen mehr ist. Es herrscht die Panik, das Geld woanders hinbringen zu müssen, aber keiner weiss so recht, wohin. Das erklärt die hohe Volatilität auf den Märkten. Und um die hohe Volatilität zu meiden, ziehen sich immer mehr Anleger von den Aktienmärkten zurück. Das ist der Grund für den weltweiten grossen Ausverkauf.

Stehen wir vor einer neuerlichen Rezession?
Ich denke nicht, dass wir vor einer Rezession stehen. Das sieht man daran, dass der Konsum sehr stark nach oben geht, und weltweit gesehen steigt auch der Bargeldbestand. Es ist ja eine grosse Menge Geld in der letzten Zeit gedruckt worden und dieses Geld will investiert werden. Und die Regierungen sorgen weiterhin dafür, dass das Liquiditätsniveau so hoch bleibt.

Wann und wo platzt also die nächste Finanzblase?
Ein Ende für Finanzblasen ist generell nicht in Sicht. Unglücklicherweise ist das ein Marktgesetz. Die nächste Finanzblase platzt bestimmt, damit müssen wir zu leben lernen. Wie und wo, weiss aber keiner. Das ist ein immanentes Problem bei Finanzblasen. Sie entstehen im Verborgenen und platzen überraschend. Mit Sicherheit aber wird die nächste Blase im Derivativmarkt platzen, ähnlich, wie das schon zurzeit der Subprimekrise von den USA ausgehend der Fall war. Und geografisch gesehen wird das aller Wahrscheinlichkeit nach auf einem Markt passieren, mit dem niemand gerechnet hat. Ich sage den Leuten immer, dass sie darauf gefasst sein müssen. So banal es klingt, Anlegern kann man nur empfehlen, das Risiko zu streuen, und zwar weltweit. Und nicht nur in eine Währung oder nur in Aktien zu investieren.

Welche Währung ist aus heutiger Sicht die sicherste?
Ich weiss nicht, ob Sicherheit das alleinige Kriterium ist. Eine sehr interessante Anlagemöglichkeit bietet der brasilianische Real. Der ist im Vergleich zum US-Dollar sehr stark geworden. Wenn man sich die Credit Default Swaps hier anschaut, dann wird der Zahlungsausfall der USA für ähnlich wahrscheinlich eingestuft wie jener Brasiliens. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die Währungen der sogenannten aufstrebenden Länder immer stärker werden.

Wie werden sich die Geldflüsse an den Märkten entwickeln? Fliesst alles ins Gold?
Der massive Geldzufluss in die aufstrebenden Märkte hält seit Jahren an. Was die Leute jetzt bemerken, sind die niedrigen Schulden und die hohen Devisenreserven, die diese Märkte zu einem immer sichereren Hafen für Anleger machen. Jungen Leuten empfehle ich, langfristig in diesen Märkten in Aktien zu investieren. Gold bewahrt Kapital und ist insofern ein guter Wertspeicher. Aber am Ende des Tages hilft nur Diversifikation und eben nicht alles in Gold zu investieren oder alle Eier in einen Korb zu legen.

Die Zahl gehandelter CDS-Papiere und Derivate steigt rasant, die Entwicklung erinnert an die Subprimekrise aus 2008. Ist das alte Problem auch das neue?
Derivative sind auf mehr als 600 Billionen US-Dollar angestiegen, das ist mehr als das Zehnfache der gesamten weltweiten Wirtschaftsleistung. Das klingt imposant, aber ich verdamme Derivative nicht von vornherein, das können nützliche Finanzinstrumente sein. Aber sie stellen auch ein Risiko für börsenkotierte Unternehmen dar, weil Spekulanten mit Derivativen zumeist sehr hohe Volatilitäten an den Kapitalmärkten auslösen. Das sehen wir jetzt gerade. Auch institutionelle Investoren wie Investmentbanken machen mit Derivativen sehr viel Geld. Vor allem der Handel mit Zins- und Währungsderivaten wird in der nächsten Zeit stark steigen.

Umfasst das auch Spekulationen gegen den Euro?
Selbstverständlich. Der Währungsmarkt ist der grösste Markt der Welt und auch der weltweite Derivative-Markt ist riesig. Zinsderivate werden dabei die grösste Rolle spielen. Wir als Fondsmanager schauen dabei auf die Kaufkraftparitäten zwischen den einzelnen Ländern, um zu beurteilen, ob eine Währung unter- oder überbewertet ist. Wir handeln aber nicht mit Währungen, sondern mit Aktien, schauen uns aber sehr wohl auch die Stärke oder Schwäche einer Währung an, in der die Aktien kotieren. Die Währungen der Emerging Markets zum Beispiel haben stark angezogen, was auf die hohen Devisenreserven in diesen Ländern zurückzuführen ist. Hinzu kommen niedrige Schulden und hohe Wachstumsraten in diesen Ländern. Das hat in der Summe zu einer Überbewertung geführt. Mit einer baldigen Abwertung ist aber nicht zu rechnen, weil der Dollar und der Euro so schwach sind.

Apropos Überbewertung: Ist der starke Franken tatsächlich ein so grosses Problem für die Schweiz?
Ich denke nicht, dass der starke Franken für die Schweiz zu einem grossen Problem wird. Der Dienstleistungssektor ist breit aufgestellt und die Industrie bringt hochwertige und weltweit nachgefragte Güter hervor. Das wird sich nicht ändern.

Waren die Massnahmen der Schweizer Nationalbank also nicht sinnvoll?
Interventionen der Notenbanken haben sich fast nie als sehr hilfreich herausgestellt. Kurzfristig und vorübergehend ist das vielleicht in Ordnung, hat aber im Grunde nur wenig Einfluss.

Wenn Investoren auf solche Interventionen pfeifen, werden in der Folge Wetten gegen Dollar und Euro zunehmen?
Nicht aus den aufstrebenden Märkten heraus. Das hätte nicht viel Sinn, weil die beiden Währungen und die dazugehörigen Wirtschaftsräume in der Performance zu nah beieinander liegen. Viel wichtiger könnten für Investoren die Steigerungen im Renminbi, der norwegischen Krone, dem brasilianischen Real und dem Rubel werden. Diese Währungen sind auch für individuelle Investments gut geeignet.

Wird der US-Dollar aufhören, Leitwährung zu sein?
Das ist sehr gut möglich, aber nicht in nächster Zukunft. Was jetzt kommen wird, ist weniger das Abdanken des US-Dollars als Leitwährung als vielmehr das Erstarken anderer Währungen gegenüber dem Dollar.

Die Chinesen haben die höchsten Devisenbestände in US-Dollar weltweit und sind der grösste Gläubiger der USA. Haben die Chinesen die Amerikaner im Würgegriff?
Das beruht auf Gegenseitigkeit. Die Chinesen haben sehr hohe Devisenreserven in US-Dollar und es liegt an den USA, ihre Schulden in den Griff zu bekommen. Die Chinesen wollen ja auch nicht, dass ihre Devisenbestände an Wert verlieren. So gesehen haben eher die USA die Chinesen im Würgegriff. Es geht dabei zwar um die Entwicklung des US-Dollar, aber das ist in dem Fall ein Problem Chinas.

Wo werden Schwellenländer wie China in zehn Jahren stehen?
Das wage ich nicht vorherzusagen. In Europa dürfte es allerdings überraschendere Wendungen geben: Vermutlich werden die Industrienationen Griechenland und Portugal demnächst wieder zu den Emerging Markets gehören.

Das sind nur zwei Krisenländer der Eurozone. Auch Italien und Spanien wackeln mehr denn je. Wird die Eurozone auseinanderbrechen?
Ich denke nicht, dass die Eurozone zerbricht, die Währung ist für zu viele Menschen von zu grosser Bedeutung, so einfach ist das. Ausserdem ist der Euro meiner Ansicht nach ein Riesenerfolg. Natürlich gibt es ein Schuldenproblem einzelner Euroländer, aber diese Probleme sind lösbar. Man muss sich nur einmal darauf einigen, wer die Schulden bezahlen soll. Das ist aber kein Währungsproblem, da diese Schulden ohnehin nicht zu einem erwartbaren Währungskurs bezahlt werden. Dabei geht es schlicht und einfach darum, das Zahlungsziel so zu strecken, dass die Schulden bewältigbar werden. Dann sinkt mit der Zeit auch die Bedeutung dieser Schulden.

Wer wird diese Schulden bezahlen? Der Steuerzahler, die Banken oder die Konsumenten?
Längerfristig gesehen müssen Steuerzahler nicht zahlen, wenn sie nicht wollen. Seien wir doch ehrlich, die Banken haben die Anleihen gekauft und die Kredite vergeben, also sind es auch die Banken, die leiden müssen. Die Banken versuchen derzeit, Kunden und Regierungen für ihre eigenen Irrtümer bezahlen zu lassen. Die Herausforderung ist, dass die Banken beginnen, selber dafür einzustehen und dagegen wehren sie sich.

Das klingt für Ihre Verhältnisse recht moralinsauer. Im Film «Let´s Make Money» sind Sie mit dem Zitat aufgefallen, Investoren sollten für die Moral oder Umweltschädlichkeit eines Unternehmens nicht verantwortlich gemacht werden. Seit 1999 sind Sie aber Vorsitzender der OECD- und Weltbank-Initiative für verantwortungsvolle Investitionen und Unternehmensführung (Investor Responsibility Taskforce of the Global Gorvernance Forum). Wie geht das zusammen?
Wir können zwar entscheiden, in bestimmte Aktien oder Fonds nicht zu investieren, aber wir können das Management eines Unternehmens letztlich nicht beeinflussen. Die Europäische Union etwa verbietet Fondsmanagern sogar weitgehend, sich ins Management einer Firma einzumischen, das finde ich erstaunlich. Wenn wir einem Unternehmen Geld geben, dann sollten wir auch auf die Führung Einfluss nehmen dürfen.

Sie verfolgen offenbar einen sehr wirtschaftsliberalen Ansatz. Glauben Sie demzufolge auch an ein endloses Wirtschaftswachstum?
Wachstum kann endlos sein, es kommt nur darauf an, von welchem Wachstum wir sprechen. Auch Klavierunterricht oder Bildung können wirtschaftliches Wachstum bedeuten, das sind letztlich bezahlte Dienstleistungen. Das Einzige, was das Wachstum begrenzt, sind Steuern, Regierungen und deren Eingriffe. Besonders die Regierungshaltungen in Europa und den USA werden für den weiteren weltweiten Konjunkturverlauf entscheidend sein.

Könnte eine Regulierung der Finanzmärkte nicht eher das Wachstum fördern als beschränken?
Die Frage, die ich mir bis heute stelle: Weshalb will Obama den Finanzplatz noch stärker regulieren, wenn schon die bestehenden Gesetze und Institutionen nicht gereicht haben, Finanzjongleure wie Madoff von ihren Deals abzuhalten? Die bestehenden Gesetze hätten schon damals Warnung genug sein müssen, es hat aber nicht gereicht. Warum also soll es reichen, nur weil die Regeln verschärft werden? Regierungen sind nicht in der Lage, Finanzmärkte erfolgreich zu regeln. Punkt. Wenn die Märkte am Ende ohnehin nicht an die Macht der Regierung glauben, wird der Schaden nur noch grösser, das sehen wir ja derzeit in Europa.

Erstellt: 05.08.2011, 16:01 Uhr

Bildstrecke

Das Entsetzen der Händler

Das Entsetzen der Händler Weltweit schauen die Leute verzweifelt auf die Charts der Börsen.

Infobox

Zur Person: Mark Mobius ist Geschäftsführer für Emerging Markets beim Investmentfonds Templeton. Seit 40 Jahren gilt der Börsenguru als Orakel für Wirtschaftsbewegungen in den aufstrebenden Märkten und wird als Yul Brynner der Wall Street bezeichnet. OECD und Weltbank haben den Fondsmanager zum Vorsitzenden der Organisation für verantwortungsvolle Investments und Unternehmensführung ernannt.

Artikel zum Thema

Schwacher Euro – Franken erklimmt neues Rekordhoch

Der Sinkflug des Euro geht weiter: Heute war eine Einheit der EU-Währung erstmals weniger als 1.14 Franken wert. Mehr...

Dollar sackt ab – Goldpreis auf Rekordhoch

Angesichts der zähen Verhandlungen zur Schuldengrenze verkaufen Anleger die US-Währung. Der Franken und das Gold als «sichere Häfen» legen hingegen zu. Mehr...

Ich, der Dollar

Wie die amerikanische Währung zum internationalen Zahlungsmittel wurde und damit dazu verdammt war, langfristig an Wert zu verlieren – und weshalb es derzeit wohl dennoch keine Alternative zum Dollar gibt. Mehr...

Kommentare

Blogs

Geldblog So riskant ist die Osram-Übernahme für AMS
Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...