Analyse

Die unzuverlässigen Wächter

Die Märkte werden gerne als Zuchtmeister gepriesen, welche die Politiker zur Haushaltsdisziplin zwingen. Leider schlafen sie oft im falschen Moment oder geraten unnötigerweise in Panik.

Unvernunft der Investoren: Nachdem sich zeigte, dass die EZB nicht als Lender of Last Resort einspringt, reichen heute bereits banale Ankündigungen, um die Investoren in Panik zu versetzen.

Unvernunft der Investoren: Nachdem sich zeigte, dass die EZB nicht als Lender of Last Resort einspringt, reichen heute bereits banale Ankündigungen, um die Investoren in Panik zu versetzen.

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Einmal mehr heisst es: Die Zinsen der spanischen und italienischen Staatsanleihen steigen, die Aktienkurse fallen. Der sogenannte Spread, die Zinsdifferenzen zwischen den Staatsanleihen der verschiedenen Eurolandmitglieder, ist inzwischen zu einem Begriff geworden, den in vielen Teilen Europas bald jedes Kind kennt. Kein Wunder, es hängt auch sehr viel davon ab. Ein paar Zinspunkte mehr bedeuten für die betroffenen Staatskassen Mehrausgaben in Milliardenhöhe, und das wiederum wirkt sich direkt auf die Steuern und Ausgaben der Länder aus. Mehrwertsteuersätze werden erhöht, Beamtenlöhne gekürzt und Lehrer, Polizisten und Feuerwehrmänner entlassen.

Die unterschiedlichen Zinsen sind zu einer Plage für Bevölkerung und Wirtschaft der Defizitländer geworden. Zu Recht, sagen die sogenannten Bond-Vigilants, die Anleihewächter (mit Bond-Vigilants ist der Widerstand der Investoren gemeint, welche sich von Staatsanleihen abwenden, weil sie der Geld- und Fiskalpolitik von Regierungen nicht mehr trauen). Mit höheren Zinsen würden schliesslich verantwortungslose Politiker bestraft und verweisen dabei auf das Beispiel von Silvio Berlusconi. Der ehemalige italienische Premierminister konnte einzig durch einen höheren Spread aus dem Amt vertrieben werden. Das stimmt. Trotzdem verlässt man sich besser nicht auf die Anleihewächter, denn sie können sehr unberechenbar sein.

Vom Tiefschlaf in den Panikmodus

Wo waren die Bond-Vigilants beispielsweise zwischen 2000 und 2007? Damals bewegte sich der Spread zwischen den verschiedenen Euroanleihen im Bereich von wenigen Basispunkten, obwohl die Stärken der realen Volkswirtschaften unterschiedlicher nicht hätten sein können. Im irrigen Glauben, dass im Krisenfall die Europäische Zentralbank (EZB) als Lender of Last Resort einspringen würde, waren die Anleihewächter in einen Tiefschlaf verfallen. Die in Sicherheit gelullten Banken und institutionellen Anleger kauften die Staatsanleihen im grossen Stil – und leiden bis heute darunter.

Inzwischen sind die Anleihewächter aus ihrem Tiefschlaf erwacht und ins Gegenteil gekippt. Sie operieren nun im Panikmodus – ohne Bezug zu den ökonomischen Realitäten. Der deutsche Ökonom Peter Bofinger erläutert dies am Beispiel von Grossbritannien und Italien. «Während das Vereinigte Königreich im Jahr 2012 ein Haushaltsdefizit von 8,1 Prozent aufweist, liegt Italien bei nur 2,6 Prozent und ist damit nach Deutschland das zweitstabilste G-7-Land. Gegenüber dem Vorjahr hat Italien seinen Fehlbetrag um 1,3 Punkte reduzieren können, im Vereinigten Königreich waren es nur 0,5 Prozentpunkte. Doch anders, als das von manchen naiven Marktgläubigen erwartet wurde, haben die Märkte Italiens die Konsolidierungsbemühungen in keiner Weise honoriert. Während sich Grossbritannien zu einem historischen Niedrigzins von 1,5 Prozent langfristig finanzieren kann, muss Italien dafür mehr als 6 Prozent bezahlen.»

Spiegel der Unvernunft

In der aktuellen Situation sind die Spreads in der Eurozone keineswegs Ausdruck der Vernunft der Märkte. Sie sind im Gegenteil ein Spiegel der Unvernunft der Investoren. Weil die EZB keine Lender-of-Last-Resort-Funktion hat, können banalste Gerüchte und Ängste grösste Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben. Erklärt EZB-Präsident Mario Draghi, die Zentralbank werde unlimitiert Staatsanleihen aus Defizitländern aufkaufen, schmelzen die Spreads und boomen die Aktienmärkte. Hört man aus Berlin, so einfach werde das wohl nicht gehen, explodieren die Spreads und tauchen die Aktien. Mit der realen Wirtschaft hat dies nichts mehr zu tun. Mit dem Schicksal der betroffenen Menschen noch weniger.

Erstellt: 11.10.2012, 14:45 Uhr

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