Analyse

Die wahren Schuldigen am starken Franken

Wegen der Frankenstärke verlangen einige Exporteure eine Beschränkung des Devisenhandels und eine Anbindung des Frankens an den Euro. Warum beides untauglich ist und die Spekulanten unschuldig sind.

Für den teuren Franken sind nicht die Spekulanten verantwortlich: Die Währung hat als Rettungsboot bei wirtschaftlichen Ängsten im Ausland eine lange Tradition.

Für den teuren Franken sind nicht die Spekulanten verantwortlich: Die Währung hat als Rettungsboot bei wirtschaftlichen Ängsten im Ausland eine lange Tradition. Bild: Keystone

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Nick Hayek, der Chef der Swatch Group, hat es als erster gefordert: Den Banken muss die Währungsspekulation untersagt werden. Gestern hat auch noch der Gewerkschaftsbund mit dieser Forderung nachgedoppelt. Deren Präsident nahm dabei gleich noch eine andere Forderung auf, die vor ihm bereits der einstige SP-Präsident und heutige Hotelier Peter Bodenmann gestellt hat und die auch schon beim Start des Euro diskutiert wurde: Der Schweizer Franken sollte an den Euro angebunden werden, zumindest vorübergehend.

Sie alle leiden unter dem teuren Schweizer Franken, der den Exportbranchen erst im neu angelaufenen Jahr in einem Mass wehtun dürfte, dass auch die gesamte Schweizer Wirtschaft schwächer abschneiden wird. So gesehen sind die Forderungen verständlich. Dennoch sind sie mehr Ausdruck der Verzweiflung als brauchbare Strategien, um mit dem Problem fertig zu werden. Am meisten gilt das für die Idee, die Währungsspekulation in der Schweiz zu unterbinden.

Die Spekulation ist nicht an der Frankenstärke schuld

Die Frankenstärke ist nicht Resultat einer Verschwörung der Banken oder anderer Spekulanten. Beim Kurs gegenüber dem Euro ist sie das Ergebnis realer Probleme in der Eurozone und der dortigen Politik, damit fertig zu werden. Beim Kurs gegenüber dem Dollar liegt der Grund in der nach wie vor schwachen Wirtschaftslage in den USA und den massiven neuen Geldspritzen der US-Zentralbank. Das macht den Franken wie schon zu früheren Zeiten zu einer attraktiven Fluchtwährung.

Das gilt erst recht, weil nicht zu erwarten ist, dass die Nationalbank etwas zur Schwächung des Frankens unternimmt. Sie steht noch immer politisch wegen hohen Verlusten auf ihren Währungsreserven unter Druck, die sie bei den letzten Interventionen zur Schwächung des Frankens angehäuft hat, während die Interventionen selbst wirkungslos geblieben sind. Kommt dazu, dass sie angesichts ihrer eigenen Inflationsprognose in absehbarer Zeit die Zinsen anheben wird.

Eine Anbindung würde zu Kaufkraftverlusten führen

Eine Anbindung des Frankens an den Euro würde bedeuten, dass die Nationalbank ihr eigenes Ziel, die Inflation auf unter 2 Prozent zu beschränken, aufgeben müsste. Die Exporteure könnten dadurch möglicherweise mehr absetzen, die Kaufkraft der Schweizer sowohl im Inland wie im Ausland würde aber abnehmen. Politisch hätte ein solcher Vorstoss kaum eine Chance (siehe Umfrage).

Zurück zur Währungsspekulation: Tatsächlich hat nur noch ein geringer Teil des Devisenhandels direkt mit der Güterproduktion oder dem Warenhandel zu tun. Allein der Umsatz im Handel mit Franken beläuft sich laut Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf mehr als das Hundertfache des Schweizerischen Bruttoinlandprodukts und auf mehr als das Zehnfache der schweizerischen Handelsströme, wenn man deren Volumen errechnet, indem man alle Importe und Expote zusammenzählt.

Trotz wichtigem Devisenumschlagplatz nur wenig Gewicht

Obwohl der Schweizer Finanzplatz zusammen mit Singapur gemessen an den Umsätzen der viertgrösste Handelplatz für Devisen ist, bleibt seine Bedeutung mit nur 5 Prozent am weltweiten Umsatz aber gering. Die Spitzenplätze nehmen Grossbritannien (durch London) mit 37 Prozent und die USA mit 18 Prozent ein, gefolgt von Japan mit bloss noch 6 Prozent. Wie Daten der Schweizer Nationalbank zeigen, wird selbst auf dem Finanzplatz Schweiz mehr mit Dollar und Euro gehandelt als mit dem Franken.

Betrachtet man die die Bedeutung der Schweizer Grossbanken und nur das Geschäft mit dem Schweizer Franken ändert sich das Bild nicht, obwohl die UBS die zweitgrösste Devisenhändlerin der Welt ist. Der Schweizer Franken hat für die Finanzmärkte eine weit über die Schweiz hinausgehende Bedeutung. Umsatzmässig folgt er mit einem Anteil am gesamten Devisenhandel von 6,4 Prozent auf dem sechsten Platz nach dem US Dollar (84,9 Prozent), dem Euro (39,1 Prozent), dem japanischen Yen (19 Prozent), dem britischen Pfund (12,9 Prozent) und dem australischen Dollar (6,4 Prozent). Betrachtet man allein den Handel Franken gegen Euro beläuft sich dieser pro Tag weltweit auf durchschnittlich 72 Milliarden Dollar, nur 21 Milliarden davon werden auf dem Finanzplatz Schweiz gehandelt. Diesen Handel zu untersagen, hätte daher auf die Kursverhältnisse keinen Einfluss. Der grösste Teil der Deals läuft schon jetzt anderswo ab.

Ohne Schwachstellen im System bleiben Spekulanten harmlos

Kommt dazu, dass die Gründe für den Handel mit Währungen über die Handelsfinanzierung hinaus sehr unterschiedlich sind – sie reichen von der Absicherung gegen Kursänderungen über «Swaps» zur Sicherung der Liquidität in verschiedenen Währungen, bis zur Spekulation auf eine bestimmte Währungsentwicklung. Doch letztere kann eine Währung nur dann in die Knie zwingen, wenn schon Schwachstellen im wirtschaftlichen Gefüge vorliegen. Spekulanten schaffen diese Schwächen nicht, sie versuchen sie auszunutzen, können sie dadurch allerdings verschärfen. Der starke internationale Wettbewerb in diesem Geschäft macht eine politische Verschwörung gegen oder für eine Währung unmöglich.

Wie die Bank für internationalen Zahlungsausgleich festhält, läuft im Geschäft mit Devisen ein immer grösserer Anteil des Handels vollautomatisch, über das so genannte «algorithmic Trading» ab, das heisst, Kauf- oder Verkaufaufträge werden elektronisch automatisch ausgelöst, wenn die Kurse oder andere wirtschaftliche Grössen wie Zinsen vordefinierte Werte annehmen oder Entwicklungen einschlagen. Auch das weist darauf hin, dass eine Bank keine Politik für oder gegen eine Währung verfolgt. Weil sie einen Grossteis ihres Handels für Kunden vornehmen, profitieren sie, ob die Kurse nun steigen oder fallen.

Erstellt: 06.01.2011, 21:21 Uhr

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