«Diese Prognose war zu optimistisch»

Zu Beginn des Jahres befragte der «Tages-Anzeiger» den einflussreichen Bankier Alfredo Gysi zur Abgeltungssteuer sowie zur Zukunft seines Geldinstituts, der BSI. Zum Jahresende nun die Frage: Was ist daraus geworden?

Warnt vor dem automatischen Informationsaustausch: BSI-Präsident Alfredo Gysi.

Warnt vor dem automatischen Informationsaustausch: BSI-Präsident Alfredo Gysi. Bild: Karl Mathis/Keystone

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Sie glaubten, dass die Schweiz bis Ende 2012 den Durchbruch mit der Abgeltungssteuer schaffen könnte. Bis heute sind jedoch nur zwei Verträge unter Dach. Jener mit Deutschland ist gescheitert und mit Italien geht es nur langsam voran. Sie lagen mit Ihrer Prognose ziemlich daneben.
Immerhin ist ein Teil meiner Prognose wahrgeworden, weil zwei Abkommen in Kraft getreten sind. Leider wurde das Abkommen in Deutschland zum Spielball der Politik und zum Thema des Wahlkampfs. Das hat zu einem Entscheid geführt, bei dem es nur Verlierer gibt – ausser den deutschen Steuerhinterziehern, die von der Verjährung profitieren werden.

Es liegt nicht nur an der innerdeutschen Politik. Die deutschen Sozialdemokraten haben gesehen, wie viele Zugeständnisse die Schweiz den USA mit Fatca gewährt. Nun wollen sie gleich lange Spiesse.
Das mag eine Rolle spielen. Aber man sollte nicht vergessen, dass das Abkommen von der deutschen Regierung unterzeichnet und von einer Parlamentskammer verabschiedet wurde. Es war im aktuellen Umfeld der bestmögliche Kompromiss. Die Debatte hat begonnen, lange bevor Fatca unterzeichnet wurde.

Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf hat gesagt, man werde nicht darum herumkommen, mit der EU in der einen oder andern Form über den automatischen Informationsaustausch zu reden. Hat sie recht?
Wir müssen klar zwischen der Lösung für die Vergangenheit und jener für die Zukunft unterscheiden. Und wir müssen beobachten, wie sich die internationalen Standards entwickeln. Die Schweiz erfüllt die OECD-Standards hundertprozentig. Dazu gehört der automatische Informationsaustausch bis heute nicht. Letztlich muss die Schweiz konkurrenzfähig bleiben. Wir dürfen nicht Zugeständnisse machen, die unsere Konkurrenzfähigkeit beeinträchtigen.

Glauben Sie immer noch an die Zukunft der Abgeltungssteuer?
Ich glaube daran, weil es die schnellste, effektivste und umfassendste Lösung bleibt. In Europa fliessen Millionen von Daten, und trotzdem hat der Kampf gegen die Steuerhinterziehung nur beschränkte Erfolge zu verzeichnen. Die Abgeltungssteuer würde es ermöglichen, auf einen Stichtag hin alle Altlasten zu bereinigen. Die weiteren Verhandlungen – zum Beispiel mit Italien – werden zeigen, ob das andere auch so sehen. Eine wichtige Rolle werden auch die nächstjährigen Wahlen in Italien und Deutschland spielen.

Ist es die beste Lösung für die Vergangenheit oder auch für die Zukunft?
Grundsätzlich ist es die beste Lösung für beides, wenn es darum geht, den Kampf gegen die Steuerhinterziehung mit den Werten und Prinzipien der Schweiz zu vereinbaren. Das bleibt für mich ein Thema, bei dem wir nicht leichtsinnig nachgeben dürfen.

Raiffeisenchef Pierin Vincenz sieht das ganz anders. Er hat wiederholt eine proaktive Strategie gefordert: den Informationsaustausch als Gegenleistung für den Marktzugang anbieten.
Er mag das so sehen. Proaktiv ist die Schweiz seit mehr als drei Jahren, mit einem Ansatz, der den Interessen der Kunden, der Drittländer, der Schweiz und der Schweizer Banken Rechnung trägt. Es gibt 350 Banken in der Schweiz, unter denen die verschiedensten Meinungen herrschen. Am Ende geht es darum, die Interessen des gesamten Finanzplatzes zu verteidigen. Es geht darum, Lösungen zu finden, die es ermöglichen, die Altlasten aus der Vergangenheit zu beseitigen, die Konkurrenzfähigkeit unseres Finanzplatzes im internationalen Vergleich zu bewahren. Sie müssen auch auf nationaler Ebene Akzeptanz finden. Denn wir müssen uns nichts vormachen: Die Zugeständnisse, die wir dem Ausland machen, werden mittelfristig auch in der Schweiz Anwendung finden. Und da frage ich mich schon, was der Schweizer Bürger von einem automatischen Austausch seiner Bankendaten im Inland hält.

Sie haben eine Taskforce für den Finanzplatz gefordert. Was erwarten Sie davon?
Bessere Prozesse in einer Zeit, in der sich immer mehr Themen anhäufen: Abgeltungssteuer, Fatca, Zinsbesteuerung, Weissgeldstrategie usw. Alle diese Themen sind miteinander verknüpft, und es herrscht grosser Zeitdruck. Wir müssen die Prozesse so gestalten, dass Banken, Politik und Verwaltung auch unter diesem Zeitdruck umfassende und konsistente Lösungen entwickeln.

Ende 2011 haben Sie weiter gesagt, die Kunden seien verunsichert und liessen ihr Geld auf dem Konto liegen. Gleichzeitig waren Sie optimistisch, dass es 2012 besser würde. Das ist eine weitere Fehlprognose.
Ja, diese Prognose war eindeutig zu optimistisch. Ich hatte gehofft, dass sich in der Euro- und Wirtschaftskrise schnellere Fortschritte einstellen würden. Nun ist die Verunsicherung der Kunden geblieben, sie legen ihr Geld weiter kaum an, obwohl es 2012 gute Anlagemöglichkeiten gegeben hätte, wie wir heute wissen.

Und wie verhalten sich ausländische Kunden?
Es gibt einen Zufluss von – steuerkonformen – europäischen Vermögen. Diese Kunden wollen aus Risikoüberlegungen einen Teil ihres Geldes in der Schweiz anlegen. Es gibt zudem Kunden, die nicht nur ihr Geld in die Schweiz bringen, sondern auch ihr Domizil hierher verlegen.

Woran erkennen Sie, dass es sich um versteuerte Gelder handelt? Fragen Sie die Kunden?
Aus Italien beispielsweise kommt Geld offiziell via italienische Treuhänder, die sich auch um die Steuern kümmern.

Vor einem Jahr sagten Sie: «Mit der Generali haben wir einen Hauptaktionär, der sich zur BSI bekennt.» Nun hat Generali angekündigt, die Bank zu verkaufen. Was ist da passiert?
Bei uns hat sich nichts verändert: Wir schauen auf ein sehr erfolgreiches Jahr zurück, mit Wachstum in allen Kundensegmenten. Die Erfolgsrechnung sieht besser aus als geplant. Hingegen hat sich bei Generali einiges verändert: Es gibt einen neuen Chef und eine Neuausrichtung der Gruppe. Generali will sich ganz auf ihr Kerngeschäft, die Versicherung, konzentrieren und den Kapitalbedarf reduzieren, indem sie Beteiligungen abstösst, die nicht in dieses Konzept passen. Dazu gehört die BSI.

Was sagen Sie Ihren Angestellten und Ihren wichtigen Kunden zur Zukunft der BSI?
BSI ist eine solide, stets wachsende und sehr gut kapitalisierte Bank, die völlig auf ihre Kunden konzentriert ist. Wir haben sehr treue Mitarbeiter, die volles Vertrauen in das Management haben. In den letzten 30 Jahren haben vier Aktionäre gewechselt und jedes Mal haben wir einen Aktionär gefunden, der die Weiterentwicklung der Bank unterstützt hat. Wir sind davon überzeugt, dass es diesmal auch so sein wird, und die Mitarbeiter teilen diese Meinung. Das zeigt sich daran, dass unser Geschäft in allen Monaten dieses Jahres gewachsen ist.

Es wird spekuliert, dass das Verkaufsdossier im Januar bereit sein soll und dass der Preis um die zwei Milliarden Franken betragen wird. Sind das realistische Annahmen?
Der Verkaufsprozess hat erst vor einigen Wochen angefangen und wird erst im nächsten Jahr richtig losgehen. Was den Preis angeht, müssen wir abwarten, bis konkrete Gespräche beginnen.

Aber der Zeitpunkt, eine Bank von der Grösse der BSI zu verkaufen, ist sicher nicht ideal.
Der Verkauf wird von der Strategie der Generali-Gruppe und ihrem Kapitalbedarf diktiert. Dabei muss sie den aktuellen Bedingungen auf dem Markt Rechnung tragen, das ist klar.

Erstellt: 31.12.2012, 10:45 Uhr

Am 3. Januar 2012 befragte der TA Alfredo Gysi zu den Realisierungschancen der Abgeltungssteuer sowie zur Zukunft seiner Bank, der BSI.

Zur Person Alfredo Gysi

Der VR-Präsident der Tessiner Privatbank BSI ist auch Präsident des Verbands der Auslandbanken in der Schweiz und sitzt im Bankrat der Schweizerischen Nationalbank sowie im Verwaltungsratsausschuss der Schweizerischen Bankiervereinigung. Gysi lancierte im Januar 2009 den Vorschlag, mit anderen Ländern über eine Abgeltungssteuer zu verhandeln.

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