Porträt

Ein Ausländer für das Pfund

In der Schweiz undenkbar: Mit dem Kanadier Mark Carney macht Grossbritannien einen Ausländer zum obersten Notenbankchef. Es ist ein Ex-Goldman-Sachs-Mann – bestens bekannt mit Philipp Hildebrand.

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Ein Deutscher, Brite oder Amerikaner als oberster Schweizer Währungshüter? Nicht einmal ansatzweise wurde nach Philipp Hildebrands Rücktritt diese Option diskutiert. Allein schon von Gesetzes wegen wäre dies in der Schweiz undenkbar. Die Anforderungen lauten: «Ins Direktorium gewählt werden können Persönlichkeiten mit einwandfreiem Ruf», heisst es im Schweizer Nationalbankgesetz. Und entscheidend ist: «Sie müssen zudem das Schweizer Bürgerrecht haben und in der Schweiz wohnhaft sein.»

Ganz anders die Situation in Grossbritannien: Dort wurde gestern der Kanadier Mark Carney zum Chef der britischen Notenbank berufen. Die Bank of England und das Pfund Sterling: Ausser den Royals sind heute wohl keine Institutionen wichtiger für das gebeutelte Nationalgefühl des Vereinigten Königreichs. Umso erstaunlicher, dass Englands Schatzkanzler ausgerechnet in Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs einen Outsider ins Machtzentrum der City beruft.

Offene Finanzhauptstadt der Welt

Bemerkenswert auch, wie Grossbritanniens Bevölkerung die Nachricht aufgenommen hat. Dass der gegenwärtige Chef der kanadischen Notenbank fortan das Kommando an der Threadneedle Street übernimmt, hat Aufsehen erregt – auf der Front der «Financial Times» (FT) etwa fanden sich gestern nicht weniger als 13 Onlineartikel dazu. Nationalistische Stimmen waren allerdings rar. Stellvertretend dafür könnte zum Beispiel das Kommentarforum des rechtskonservativen «Telegraph» stehen: Wenn überhaupt, so schlug nicht Carneys Nationalität, sondern sein Werdegang als ehemaliger Banker bei Goldman Sachs Wellen.

Empörung verursacht auch die Gehaltserhöhung von 305'000 auf 480'000 Pfund, die England dem neuen Gouverneur im Vergleich zum abtretenden Mervyn King gewährt. Die eigentliche Frage jedoch – ob die Geldpolitik des Landes in Zukunft von einem Ausländer bestimmt werden soll – wird kaum diskutiert. Die City ist ganz offensichtlich stolz auf ihre Offenheit. Stillschweigend akzeptiert wird Schatzkanzler George Osbournes Fazit: Carney sei ganz einfach der beste, erfahrenste und am besten qualifizierte Mann für den Job.

Carneys weisse Weste

Obwohl, so ein wirklicher Fremdling ist Carney ja auch wieder nicht. Als kanadischer Staatsbürger ist der 47-Jährige formell ein Untertan der Queen. Englands Sympathie für Kanada ist historisch begründet, und sie beruht auf Gegenseitigkeit – davon zeugt die Herzlichkeit, mit der Prinz William und seine Frau Kate auf ihrer ersten Auslandsreise im Land der Ahornbäume empfangen wurden. Auch Carneys Verbindungen zum kolonialen Mutterland sind mannigfaltig: Seinen Doktortitel holte er sich nach dem Harvard-Studium an der ehrwürdigen University of Oxford, seine Frau ist britisch-kanadische Doppelbürgerin. Dem Vernehmen nach wird auch Carney selbst nach Ablauf der Wartefrist die britische Staatsbürgerschaft beantragen.

«Britain needs you» – Britannien braucht dich: So titelte FT-Kolumnist Martin Wolf seinen Kommentar zu Carneys Berufung. Nach Meinung der meisten Kommentatoren tut frischer Wind der Londoner Finanz- und Bankenszene gut. Die Bank of England wird 2013 mit der Finanzmarktaufsicht FSA zusammengelegt, das erfordert Organisationstalent. Dass Carney das nötige Rüstzeug mitbringt, daran zweifelt an der Themse niemand: Der jüngste Notenbankgouverneur, den ein G-7-Staat jemals hatte, gilt als intellektuelles Schwergewicht, das Grossbanken im Kampf um härtere Regulierungen die Stirn bieten kann. Geldpolitisch hat Carney eine weisse Weste, vermochte er Kanadas Wirtschaft doch verhältnismässig unbeschadet durch die Krise zu lotsen.

«Verrottete Banken»

Auch Philipp Hildebrand kennt den kanadischen Notenbanker aus der Mitgliedschaft in internationalen Gremien bestens. Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Karrieremännern stechen ins Auge: Zwei Jahre älter als Carney, verbrachte auch Hildebrand einen Teil der Studienzeit in Harvard. 2003 – im gleichen Jahr wie Carney Vizegouverneur der Bank of Canada wurde –, stiess auch Hildebrand zum SNB-Direktorium hinzu. Beide Männer wurden von der Finanzpresse gefeiert und zu «Notenbankern des Jahres 2012» gekürt: Carney erhielt den Titel vom Magazin «Euromoney» verliehen, Hildebrand wurde die Ehre von «The Banker» zuteil. Das war noch vor Hildebrands Abgang als SNB-Präsident im Januar dieses Jahres. Carneys neues Mandat sei «der interessanteste und herausforderndste Job, der in einer Notenbank über die nächsten Jahre hinweg zu haben ist», sagte Hildebrand gestern dem «Wall Street Journal».

Letzterer Punkt dürfte auch Carney bewusst sein: Englands Wirtschaft befindet sich in einer heftigen Rezession, wobei die Mittel der Geldpolitik durch das Quantitative Easing der Bank of England beinahe schon ausgeschöpft sind. Derweil drückt Premier David Cameron kompromisslos auf die Ausgabenbremse, und die Banker der City warten auf die Gelegenheit, den Behörden bei ihren Regulierungsvorhaben Steine in den Weg zu legen. Einen Vorgeschmack darauf, was ihm in London blühen könnte, erhielt Carney bereits in der Presse. Mit Genuss stürzt sich heute der «Telegraph» auf Carneys Ehefrau – und bezeichnet die Vorsitzende des linksliberalen Thinktanks Canada 2020 als «Öko-Kriegerin, die Banken als verrottet bezeichnet». Die starke Frau, die dem Notenbanker zum Verhängnis wird: Für Carney bleibt zu hoffen, dass die Parallelen zu seinem Kollegen Philipp Hildebrand nicht zu weit reichen.

Erstellt: 27.11.2012, 13:06 Uhr

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