Ein Placebo für den Euro

Mario Draghi verabreicht der Eurozone die Quantitative-Easing-Medizin. Ein Mittel, das ohne einschneidende Politikänderungen nicht wirken wird.

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Mediziner kennen das Problem. Sollen sie einem Patienten eine Vitamin-C-Kur verschreiben, obwohl sie genau wissen, dass das gegen die Viruserkrankung nicht viel nützt? Und obwohl sie wissen, dass der Patient dies eigentlich auch weiss?

Das Virus, das sich in der Eurozone breitgemacht hat, heisst Deflation. Wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise hat sich die Währungsunion damit infiziert. Es drückt der ohnehin schon deprimierten Wirtschaftsgemeinschaft zusätzlich auf die Stimmung. Nachweisen lässt es sich in anämischen Wachstumszahlen und sinkenden Inflationserwartungen. Je länger das Virus sich einnisten kann, desto gefährlicher wird es.

Das Vitaminpräparat der Europäischen Zentralbank heisst Quantitative Easing. Die monatliche Dosis davon beträgt 60 Milliarden Euro: Anleihen in diesem Umfang wird das Zentralbankensystem in den kommenden eineinhalb Jahren am Markt aufkaufen. Dies mit der Absicht, den Verlauf der Wirtschaftsfieberkurven in die andere Richtung zu zwingen und so schliesslich auch das Virus zu besiegen.

Dass seine Medizin dafür alleine nicht reicht, weiss Mario Draghi genau. Und die Finanzmarktteilnehmer, Wirtschaftsprognostiker, Bankmanager, Unternehmenschefs und Konsumenten in Europa sind sich dessen auch bewusst. Ohne Reformen, ohne Lockerung der Sparmassnahmen kommt die Nachfrage in Europa nicht wieder in Gang. Selbst am Davoser Weltwirtschaftsforum ist der Ruf nach staatlicher Aktion heuer omnipräsent.

Draghis Medizin ist richtig

Sollte die Europäische Zentralbank deswegen auf das Quantitative Easing verzichten, so wie es die Kritiker der Institution in Deutschland verlangen? Oder sollte sie die Medizin trotzdem verabreichen, in der Hoffnung, dass das Placebo den Wirtschaftsführern und Politikern hilft, den dringend benötigten Mut zur Veränderung zu fassen? Die EZB hat sich für letztere Variante entschieden. Und dies zu Recht.

Zwar werden die Anleihenkäufe in Europa nicht dieselbe Wirkung entfalten wie in den USA, wo das Mittel seit der Finanzkrise schon dreimal angewandt wurde. Das Geld, das die EZB in den Finanzmarkt schleust, wird die Realwirtschaft weniger stimulieren. In der Währungsunion sind die Zinsen bereits rekordtief. Zudem haben hohe Aktienkurse einen geringeren Konjunktureffekt als in Amerika. Und der schwache Euro hilft als Exportfördermittel auch nur begrenzt.

Trotzdem ist es richtig, dass Mario Draghi bei seinen Kollegen insistiert und das Quantitative-Easing-Programm durchgeboxt hat. Dies getreu seinem Versprechen, notfalls alles zu tun, um den Euro vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Draghi hat den hippokratischen Eid auf die Eurozone geschworen: Selbst wenn sein Vitaminpräparat das Deflationsvirus nur im Ansatz bekämpft, so muss er es trotzdem verabreichen.

Erstellt: 22.01.2015, 17:42 Uhr

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