Ein klärender Sturm an der Börse

Der Oktober bleibt seinem Ruf als turbulenter Börsenmonat treu. Die Notenbanken in Europa und Japan dürften versuchen, mit Zinssenkungen den Schaden zu limitieren.

Wohin geht die Reise? Ein Händler gestern in der New Yorker Börse. Foto: Richard Drew (Keystone)

Wohin geht die Reise? Ein Händler gestern in der New Yorker Börse. Foto: Richard Drew (Keystone)

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Seit über drei Jahren war es verdächtig ruhig an den Börsen. Die Kurse stiegen und stiegen; und Investoren schienen schlechte Wirtschafts- und Unternehmensnachrichten zu ignorieren. Doch der Oktober fegte den übertriebenen Optimismus beiseite. Nun zeigt sich, dass die nur mittelprächtige US-Konjunktur die Schwächen der europäischen Wirtschaft und die Rückschläge in China nicht wettmachen kann.

Trotz der deutlichen Kursverluste kann von einem Bärenmarkt keine Rede sein. Vielmehr sind Abschläge in der aktuellen Grössenordnung völlig normale Korrekturen. Nur hatten die Anleger vergessen, dass solche Rückschläge zu einer funktionierenden Börse gehören. Seit 1928 haben Aktienmärkte in jedem Jahr im Schnitt dreimal Korrekturen von 5 bis 10 Prozent erlebt. Doch seit dem Juni 2011 gingen die Kurse nie mehr als um 5 Prozent zurück. Eine Verkaufswelle war somit aus technischer Sicht überfällig. Indessen waren die Aktien gemäss dem Finanzmarktexperten Barry Ritholtz auch gemessen an den Gewinnen zu stark gestiegen. Wenn die Aktien der 500 grössten US-Firmen betrachtet werden, zeigt sich, dass sie im Schnitt um rund 15 Prozent über den langjährigen Gewinnausweisen liegen. Die Einsicht, dass die Börse die Realwirtschaft überholt hat, dürfte nicht zufällig im Oktober gereift sein. Der Monat ist anfällig auf namhafte Korrekturen. Sowohl der Crash von 1929 als auch der Kollaps von 1987 erfolgten im Oktober. Aber: Die sechs Monate danach sind historisch gesehen die besten Börsenmonate des Jahres.

Die Händler auf der Falltür

Diese Woche bildete sich ein perfekter Sturm. Art Cashin, Chef des UBS-Börsenhandels in New York, schildert, wie die Händler am Mittwoch von diversen schlechten Nachrichten durchgeschüttelt wurden. Zwar sei ein Rückgang erwartet worden, so Cashin, aber zum Handelsauftakt habe sich unerwartet die «Falltür» geöffnet.

Negative Quartalszahlen von Firmen wie Wal-Mart und Ebay, Sorgen um ein Wiederaufflammen der Eurokrise, Ebola- und IS-Ängste sowie ein Einbruch des Ölpreises – all dies traf einen schlecht vorbereiteten Markt. Je länger der Handelstag war, desto mehr Panikverkäufe wurden getätigt. Diese dürften in manchen Fällen forciert worden sein, und zwar von Banken, die Depots von Kunden ausräumten, weil sie Aktien auf Pump gekauft hatten, die nun negativ zu Buche schlugen. Ein guter Anhaltspunkt für die kommenden Tage sei der Ölpreis, meint Cashin. Die kritische Schwelle liege bei 80 Dollar pro Fass (der Sorte WTI). Sinkt der Preise unter 80 Dollar, «kann es für Aktien hässlich werden». Gestern schien vorübergehend wieder die Sonne. Der WTI-Preis stieg und zog die US-Aktien mit in die Höhe.

Ein Sorgenkind namens China

Die Turbulenzen dürften noch anhalten und die Notenbanken zurück ins Zentrum des Geschehens rücken. Zwar haben sie seit 2009 weltweit mehr als 10'000 Milliarden Dollar ins System gepumpt und gehofft, die Wirtschaft anzuheizen. In den USA ist dies in Ansätzen gelungen. Hier wächst die Wirtschaft um rund 3 Prozent; und die Arbeitslosenquote ist unter 6 Prozent gesunken. Doch in Europa und Asien lässt ein robuster Aufschwung auf sich warten. Neue Rezessionsängste bedrücken; und China ist gemäss Credit Suisse weltweit zum grössten Sorgenkind geworden.

Hinzu kommt nun aber, dass die US-Notenbank ihr Kaufprogramm von Staatsanleihen und Hypotheken ausgerechnet diesen Monat abschliessen will, womit ein Impulsgeber wegfällt. Oder vielleicht auch nicht. Überraschend meldete sich gestern der Notenbankchef von Kansas, James Bullard, zu Wort und erklärte, die Kollegen des Federal Reserve sollten den definitiven Ausstieg aus dieser Art der indirekten Zinsvergünstigung überdenken. An sich seien die Wirtschaftsdaten in den USA genügend stark, um auszusteigen, doch die Inflationserwartung und somit die Hoffnung auf höhere Löhne seien zu tief.

Selbst wenn sich die US-Notenbank noch etwas Zeit lässt, so hat sie ihre Munition weitgehend aufgebraucht. Deshalb sind die EZB und die japanische Notenbank gefragt. Mario Draghi hat bereits angedeutet, dass die EZB ihre Bilanz wieder dem Stand von Anfang 2012 anpassen sollte. Und die Bank of Japan sieht wie das US-Fed eine Phase einer sehr tiefen, zu tiefen, Teuerung voraus. Anzunehmen ist deshalb, so die Credit- Suisse-Ökonomen in einer Marktanalyse, dass diese beiden Notenbanken eine neue Runde der Zinssenkungen einleiten werden und ihre Bilanzen bis Ende 2015 um weitere 15 Prozent aufblähen. Dies sollte den Ausstieg des Fed wettmachen; und vielleicht den pessimistischen Grundton an den Märkten beseitigen.


Nervosität an Europas Anleihenmärkten

Bei Anleihenhändlern kommen Erinnerungen hoch an Zeiten, als die Schuldenkrise in der Eurozone noch die Schlagzeilen beherrschte. Was gestern an Europas Kapitalmärkten ablief, war das typische Muster einer Flucht der Anleger in die Qualität. Stark gesucht waren die als besonders sicher geltenden deutschen Staatsanleihen: Die Rendite 10-jähriger Papiere fiel zeitweise bis auf ein Rekordtief von knapp 0,72 Prozent (Anleihenrenditen bewegen sich gegenläufig zu Anleihenpreisen). Unter die Räder kamen hingegen die Schuldscheine aus den Peripherieländern der Eurozone, die in den letzten Monaten zu den Favoriten bei renditesuchenden Anlegern zählten. So kletterte gestern die Rendite 10-jähriger Portugal-Anleihen von rund 3,3 auf gegen 3,6 Prozent, und im Falle Italiens war ein Anstieg von rund 2,4 auf gut 2,7 Prozent zu verzeichnen. Spanien bekam die Indisposition der Investoren bei der gestrigen Auktion 10- und 14-jähriger Titel zu spüren: Statt des erhofften Maximalumfangs von 3,5 Milliarden Euro wurden Papiere im Wert von nur 3,2 Milliarden im Markt untergebracht. Die Enttäuschung darüber liess die 10-Jahres-Rendite von 2 auf gut 2,3 Prozent zulegen.

Und noch etwas erinnert fatal an die Dynamik zu Zeiten, als die Euroschuldenkrise entstand: Ihren Ausgangspunkt hatte die Marktnervosität in Griechenland, wo eine Ausverkaufswelle seit vier Tagen über die dortigen Staatspapiere schwappt. Gestern zeigte sich nun erstmals, dass das Misstrauen der Markt-akteure auch auf andere Peripherie­länder überspringen könnte.

In Griechenland selbst rentierten 10-jährige Staatstitel am Dienstag erstmals wieder über 7 Prozent. Dieser Schwellenwert ist deshalb kritisch, weil die entsprechenden Zinslasten als längerfristig nicht verkraftbar gelten. Kurz nachdem diese 7-Prozent-Marke im Frühling 2010 übertroffen worden war, mussten die Euroländer den Griechen ein erstes Rettungspaket schnüren. Im gestrigen Handelsverlauf ist die Rendite um über 1 Prozentpunkt auf fast 9 Prozent in die Höhe geschnellt. Vor einer Woche bewegte sie sich noch bei 6,6 Prozent.

Die Turbulenzen im Handel mit griechischen Staatspapieren und Aktien, ­deren Kurse innert zweier Handelstage um über 11 Prozent einbrachen, riefen am Donnerstag die EU-Kommission auf den Plan. «Europa wird Griechenland weiter beistehen, in welcher Form auch immer nötig», versicherte ihr Sprecher Simon O’Connor. Dies gelte ebenfalls für die Zeit nach dem auslaufenden Hilfsprogramm.

Damit bezog sich der EU-Sprecher auf den Hauptgrund für den Schwächeanfall griechischer Schuldtitel: Den Markt-akteuren behagt gar nicht, dass sich die Regierung in Athen nach Beendigung des zweiten Hilfsprogramms im Dezember wieder selbstständig am Kapitalmarkt finanzieren will, so wie dies Irland und Portugal gelungen ist. Trotz Fortschritten bei der Sanierung der Staatsfinanzen sähe man es lieber, wenn das Land weiterhin unter den Fittichen der Euroländer und des Internationalen Währungsfonds bliebe. Das aber wäre Wasser auf die Mühlen der linken Oppositionspartei Syriza, die in Meinungsumfragen klar führt. Sie will nach einem Machtwechsel das im Volk ungeliebte Programm kurzerhand absetzen und viele Reformen rückgängig machen.

Robert Mayer

Erstellt: 16.10.2014, 22:45 Uhr

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