«Eine Attacke gegen das Land»

Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit Griechenlands auf Ramschniveau herabgestuft. Premier Papandreou spricht von der «schwierigsten Phase» in der Geschichte des Landes.

Ruft zum Zusammenhalt auf: Der besorgte griechische Premierminister Giorgos Papandreou.

Ruft zum Zusammenhalt auf: Der besorgte griechische Premierminister Giorgos Papandreou. Bild: Reuters

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Überschattet von einer weiteren Herabstufung der Kreditwürdigkeit geht das Ringen um die Milliarden-Finanzhilfe für das schwer angeschlagene Griechenland in die entscheidende Phase. Und nun könnte es auch Portugal in den Abwärtsstrudel ziehen. Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) senkte am Dienstag ihr Rating für griechische Staatsanleihen auf das Ramschniveau «BB+». Der Schuldenstand des Landes im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte von 124 Prozent im Jahr 2010 auf 131 Prozent im Jahr 2011 steigen, hiess es bei der Agentur.

Die Herabstufung macht es Griechenland noch schwieriger, sich frisches Geld auf den Finanzmärkten zu beschaffen. Die griechische Regierung sagte denn zuvor auch schon prompt, sie könne kein Geld mehr auf den internationalen Finanzmärkten aufnehmen. Die in Aussicht gestellten Nothilfen der Euro-Staaten und des Internationalen Währungsfonds (IWF) müssten daher bis zum 19. Mai bereit stehen, sagte Finanzminister Giorgos Papakonstantinou vor Abgeordneten seiner Sozialistischen Partei.

Erstes Eingeständnis

Es ist das erste Mal, dass Athen erklärt, tatsächlich keine neuen Kredite mehr aufnehmen zu können. Die Kosten für die Schulden Griechenlands stiegen am Dienstag weiter auf immer neue Rekordwerte: Investoren verlangten für zehnjährige griechische Staatsanleihen eine Rendite von 9,622 Prozent. Deutschland zum Beispiel muss für seine als sicher geltenden Papiere gerade einmal rund drei Prozent zahlen. Noch teurer waren am Dienstag zweijährige Staatsanleihen aus Griechenland, deren Rendite auf 14,96 Prozent stieg - nach 12,96 Prozent am Vortag.

Der Entscheid von S&P sorgte in Griechenland für helle Aufregung. Die Herabstufung wurde als «unerklärlich» bezeichnet. «Es ist nunmehr ein klar europäisches Thema», sagte der griechische Regierungssprecher Giorgos Petalotis im griechischen Radio kurz nach Bekanntwerden der schlechten Nachricht.

Appelle an die Bevölkerung

«Die Moral in der Regierung ist sehr gut. Wir tun was richtig ist», betonte Petalotis. Im staatlichen Fernsehen hiess es: «Es ist eine Attacke gegen das Land.» Viele Sender unterbrachen ihr Programm und berichteten vom «neuen Schlag gegen die Wirtschaft» des Landes. Die Athener Börse war um sechs Prozent auf ein Jahrestief von 1696,68 Punkten gefallen.

Auch Finanzminister Giorgos Papakonstantinou versuchte die Griechen zu beruhigen: «Die Geldeinlagen in griechischen Banken sind garantiert und absolut sicher», versicherte er. Die Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU seien kurz vor dem Abschluss.

Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou hatte Stunden vor dem Rating-Entscheid seine Landsleute in einer im Fernsehen übertragenen Rede zum Zusammenhalt aufgerufen. Er sprach von einer «der schwierigsten Phasen» in der Geschichte des Landes.

Ein EU-Sondergipfel?

Die spanische Ratspräsidentschaft der Europäischen Union schlug unterdessen für den 10. Mai die Einberufung eines Gipfeltreffens der Eurozone zur Griechenland-Hilfe vor. Der griechische Finanzminister Papakonstantinou sagte, ein solcher Gipfel müsse klare Entscheidungen treffen. Die deutsche Regierung will am Mittwoch das weitere Vorgehen beraten.

Griechenland ist vom finanziellen Zusammenbruch bedroht. Deswegen hatte Athen die EU und den IWF am Freitag offiziell um Hilfe gebeten. Die Euro-Länder wollen Athen allein 2010 mit bis zu 30 Mrd. Euro unter die Arme greifen. Auf den IWF könnten zusätzlich bis zu 15 Mrd. Euro zukommen.

Auch Portugal

Zusätzliche Besorgnis löste am Dienstag die Nachricht aus, dass mit Portugal ein weiteres Euro-Land, das ebenfalls mit einem erheblichen Budgetdefizit zu kämpfen hat, erneut herabgestuft wurde. Die Agentur Standard & Poor's stufte die Kreditwürdigkeit Portugals auf «A-«herab. Hintergrund seien wachsende Zweifel an der Fähigkeit des Landes, mit seiner enormen Schuldenlast fertig zu werden.

Der Ausblick sei negativ. Auch die schwachen Konjunkturaussichten hätten zu der Entscheidung beigetragen, Portugals Langzeit-Rating um zwei Stufen zu senken. Damit ist das Euro-Land noch vier Stufen vom spekulativen «Ramsch-Status» entfernt. Die Börse in Lissabon stürzte zum Handelsschluss um 5,36 Prozent ab.

In Portugal hatte gleichentags ein Streik aus Protest gegen das Sparprogramm der Regierung den öffentliche Nah- und Fernverkehr nahezu lahmgelegt.

Börse reagiert

Auf die Herabstufung der Kreditwürdigkeit der beiden Euro-Länder reagierten auch andere Aktienmärkte. Der deutsche Leitindex Dax etwa sank um 2,73 Prozent. In Paris und London gaben die Indizes ebenfalls nach. Auch die wichtigsten US-Indizes präsentierten sich zum europäischen Börsenschluss im Minus.

(jak/sda)

Erstellt: 27.04.2010, 21:27 Uhr

Befürchtungen unbegründet

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, hält Befürchtungen vor einem Zahlungsausfall Griechenlands oder anderer hochverschuldeter Euro-Länder für unbegründet. «Für mich ist es ausgeschlossen», dass Griechenland oder ein anderes Euro-Land ihre Schulden nicht mehr bedienen, sagte Trichet am Dienstag bei einer Podiumsveranstaltung in Chicago. Er äusserte sich auf die Frage eines Teilnehmers nach den Auswirkungen einer griechischen Staatspleite auf die europäische Gemeinschaftswährung. Zum Stand der Vorbereitungen für ein Hilfspaket der Euro-Länder für Athen wollte sich Trichet nicht äußen.

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