Analyse

Eine Milliarde hungert

Es gebe keine globale Nahrungsmittelkrise, besagt eine Studie. Für die gegenwärtige Hungerkatastrophe identifiziert sie vier Gründe – und eine mögliche Lösung.

Das Essen wird knapp: Bewohner eines Dorfes im indischen Distrikt Nuapara während einer Dürreperiode.

Das Essen wird knapp: Bewohner eines Dorfes im indischen Distrikt Nuapara während einer Dürreperiode. Bild: AFP

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Die Finanzminister und Notenbanker der G20 treffen sich dieses Wochenende in Paris. Eigentlich wollten sie dabei primär darüber diskutieren, wie das internationale Währungssystem stabiler gemacht werden kann. Doch jetzt schiebt sich ein anderes Thema in den Vordergrund: Die sich abzeichnende Hungerkatastrophe.

Die jüngsten Zahlen sind alarmierend: Die Anzahl der von chronischem Hunger betroffenen Menschen nähert sich einer Milliarde. Das letzte Mal wurde diese Grenze bei der Hungerkrise 2007/2008 erreicht. Die Preise für Getreide, vor allem für Mais, Soja und Weizen sind teilweise bereits über dem Niveau dieser Jahre. Damals hatte dies in verschiedenen Entwicklungsländern blutige Hungerrevolten zu Folge. Auch die aktuellen Unruhen im arabischen Raum sind teilweise auf rasch gestiegene Lebensmittelpreise zurückzuführen. «Weltweit steigen die Nahrungsmittelpreise auf ein gefährliches Niveau», warnt daher der Präsident der Weltbank, Robert Zoellick.

Vier Gründe sind Schuld an dieser Entwicklung:

Erstens: In Schwellenländern wie China, aber auch Brasilien, ist die Wirtschaft schneller gewachsen als erwartet. Mehr Menschen wollen besser essen, vor allem mehr Fleisch.

Zweitens: Die Getreideproduktion stagniert. So ist beispielsweise in Asien in den letzten Jahren kaum mehr Reis geerntet worden.

Drittens: Nahrungsmittel werden zunehmend als Treibstoffersatz missbraucht. Die Menge Mais, die in den USA für Ethanol verwendet wird, könnte rund 240 Millionen Menschen ernähren. Europa seinerseits importiert massenhaft Palmöl, der für Biodiesel gebraucht wird.

Viertens: Rekordernten in den 80er und 90er Jahren haben dazu geführt, dass viel zu wenig in die Modernisierung und in die landwirtschaftliche Forschung investiert wurde.

Die Krise ist nicht von der Natur verursacht

Die Nahrungsmittelkrise ist damit weder Gott gegeben, noch von der Natur verursacht. Zu diesem Befund kommt die Ökonomin Linda Karrer in ihrer Masterarbeit an der Universität St. Gallen. Sie hat die wirtschaftlichen und politischen Gründen der Hungerkrise grundlegend analysiert. «Es gibt keine globale Nahrungsmittelkrise», lautet der Befund ihrer Studie. «Es sind vielmehr strukturelle Versagen des globalen Nahrungsmittelsystems, das zu kurzfristigen Preisexplosionen führt.»

Es gibt daher verschiedene Massnahmen, die zu einer Linderung der Krise beitragen können. Kurzfristig wäre ein Mechanismus sinnvoll, der dafür sorgt, dass bei sich anbahnenden Preisexplosionen wertvolles Getreide nicht mehr für Bio-Treibstoff verwendet werden darf. Gleichzeitig muss die Wertschöpfungskette der Landwirtschaft auf allen Stufen verbessert werden. In Afrika, aber auch etwa in der Ukraine, wird pro Hektar Ackerboden immer noch ein Vielfaches weniger geerntet als in den USA oder Westeuropa. Schliesslich wird Wasser immer mehr zur Schicksalsfrage der Menschheit. 70 Prozent des Trinkwassers wird von der Landwirtschaft verzehrt, viel davon unnütz verschwendet. Deshalb hat die Förderung von sparsamen Wassersystemen höchste Priorität.

Kleinbauern müssten gefördert werden

Die Forcierung einer industriellen Landwirtschaft hingegen ist keine gute Idee. Im Gegenteil, diese Form von Landwirtschaft hat dazu geführt, dass heute rund 40 Prozent des fruchtbaren Ackerlandes teilweise schwer beschädigt ist. Die St. Galler Ökonomin Linda Karrer kommt daher zum Schluss, dass nicht Agrokonzerne, sondern Kleinbauern gefördert werden müssen. «Die Regierungen der armen Länder müssen die Bedeutung der Landwirtschaft für ihre Entwicklung erkennen und konsequent die Kleinbauern unterstützen», stellt sie fest.

Erstellt: 19.02.2011, 17:42 Uhr

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