Eine Schmach für die stolzen Katalanen

Ausgerechnet die reichste Region Spaniens muss in Madrid um Geld betteln. Das schürt den Streit zwischen Barcelona und Madrid um Ausgleichszahlungen und Mitsprache.

In Barcelona will man von Vorgaben der Zentralregierung in Madrid nichts wissen: Katalanische Jugendliche schwenken die Flaggen ihrer Region.

In Barcelona will man von Vorgaben der Zentralregierung in Madrid nichts wissen: Katalanische Jugendliche schwenken die Flaggen ihrer Region. Bild: Reuters

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Die prekäre Finanzlage verschärft in Spanien den Tonfall zwischen Barcelona und Madrid. Die Regionalregierung in Barcelona braucht von der Zentralregierung fünf Milliarden Euro. Andernfalls ist sie pleite. Für die stolzen Katalanen eine Schmach, die sie mit markigen Worten übertönen. «Wir werden keine politischen Bedingungen akzeptieren, sondern wollen nur das Geld, das katalanische Steuerzahler an Spanien gezahlt haben», tönt es aus Barcelona. Madrid hört solche Töne nicht gern. Die finanzielle Not ihrer Regionen könnte die Regierung bald selbst zu einem Bittgang bei den Rettungsinstitutionen der EU zwingen.

Für Hilfen an die überschuldeten Regionen hat die Regierung zwar einen Fonds mit 18 Milliarden Euro vorgesehen. Die Regionen Valencia und Murcia haben bereits Hilfe beantragt, doch nur sechs Milliarden Euro sind tatsächlich vorhanden beziehungsweise sollen aus Lottoeinnahmen finanziert werden. «Die Regionen sind für Spanien das grösste Risiko», sagt der Anleihen-Analyst Alessandro Giansanti von der ING.

Hilfe für die reichste Region

Dass ausgerechnet die reichste Region des Landes jetzt Hilfe aus Madrid braucht, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. «Katalonien hat zwar von allen spanischen Regionen am meisten Einnahmen, gibt allerdings auch am meisten aus», sagt der Spanien-Experte Prof. Walther Bernecker von der deutschen Universität Erlangen. «Katalonien hat eine enorme Infrastruktur gebaut – allerdings auf Pump», so Bernecker. Jetzt in der Krise seien auch die Ausgaben, zum Beispiel für Arbeitslose, in der dicht bevölkerten Region sehr viel höher als in der dünn besiedelten Extremadura.

Der Grossteil der spanischen Industrieunternehmen befindet sich in der nordspanischen Region Katalonien. 51 Prozent der Schweizer Importe aus Spanien kommen aus der Region, die jetzt auch die Krise besonders hart zu spüren bekommt. «Das Platzen der Immobilienblase hat die ganze Zulieferindustrie in den Abgrund gerissen», so Bernecker. «Nur der Export hält die Wirtschaft noch am Laufen.» Doch die Güter, die Katalonien dem Ausland zu bieten hat, beschränken sich auf wenige Branchen: Autos und Autozubehör, Elektronik, Maschinen und Plastikteile, ein bisschen Mode von Unternehmen wie Mango und Sekt von Freixenet.

Zorn auf Madrid

Jetzt, wo die Industrie darbt und die Arbeitslosigkeit bei über zwanzig Prozent liegt, stösst es den Katalanen besonders sauer auf, dass sie über eine Art Finanzausgleich die ärmeren Regionen in Spanien mitfinanzieren. «Die Andalusier streichen unser hart erarbeitetes Geld ein und sitzen den ganzen Tag in der Bar», ereiferte sich unlängst der Parlamentarier Josep Antoni Duran i Lleida. 20 Milliarden Euro überwiesen die 7,5 Millionen Katalanen jährlich für andere Regionen, rechnen katalanische Nationalisten vor.

Der Ärger auf die Zentralregierung in Madrid hat sich durch die Krise laut Bernecker deutlich verschärft. Forderungen nach mehr Steuerautonomie und eine Abstimmung über die Loslösung von Spanien machen die Runde. Jetzt von der Regierung in Madrid Unterstützung zu fordern, steht für die Katalanen laut Bernecker dazu nicht im Widerspruch. Schliesslich bekomme man ohnehin immer zu wenig. Wenn die Region Katalonien selbst Geld auf dem Markt aufnehmen wollte, müsste sie laut Giansanti 15 Prozent Zinsen bezahlen. Doch solche Zinsen liegen jenseits der Finanzierbarkeit.

Das Gläubigerkarussell

Die Zentralregierung müsste selbst neue Anleihen herausgeben, um den Not leidenden Regionen Geld zu leihen. Dabei werde Madrid aber nicht ohne die Unterstützung von EFSF und EZB auskommen, schätzt Giansanti. 100 Milliarden Euro sind Spanien für die Rettung der Banken bereits zugesagt. Die Regionen sind mit 140 Milliarden Euro verschuldet. Allein Katalonien braucht im kommenden Jahr weitere sieben Milliarden Euro.

EZB-Chef Mario Draghi ist bereit, Anleihen Italiens und Spaniens zu kaufen, um deren Zinsen auf einem erträglichen Niveau zu halten. Allerdings nur, wenn die Regierungen offiziell um Hilfe ersuchen. Draghis Ansage hatte die Märkte über die Sommerferien etwas beruhigt. Doch wenn das Geschacher um neue Rettungsgelder und Notkredite wieder losgeht, wird es auch an den Börsen wieder rumpeln.

Erstellt: 29.08.2012, 14:59 Uhr

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