Eine öde Zukunft für Brasiliens WM-Stadien

Brasília, Cuiabá, Manaus, Natal: Als Erbe der Fussball-Weltmeisterschaft haben die brasilianischen Städte riesige neue Stadien. Mehr als 1,2 Milliarden Franken haben sie gekostet – ihre Zukunft bleibt ungewiss.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mehr als 40'000 Zuschauer fasst die Arena Pantanal in der westbrasilianischen Stadt Cuiabá. Dank der chilenischen und kolumbianischen Fans war das neu gebaute Stadion in der Gruppenphase der Fussball-WM ausverkauft. Das wird so schnell nicht mehr vorkommen. Zum nächsten grossen Event am kommenden Wochenende werden gerade mal 4000 Besucher erwartet: Es ist ein Drittligaspiel.

Mindestens vier Stadien in Brasilien droht ein ähnliches Schicksal wie den meisten WM-Spielstätten in Südafrika. Nicht nur die Arena Pantanal, auch die neuen Stadien in Brasília, Manaus und Natal werden vermutlich als Sportruinen enden, weil sie nach der Weltmeisterschaft nicht mehr gebraucht werden. Die Städte haben keine bekannten Teams und damit keine Fans, die die Ränge füllen könnten.

Insgesamt hat der Bau dieser vier Stadien rund 1,6 Milliarden Dollar (1,5 Milliarden Franken) verschlungen. Allein das Estadio Nacional in Brasília mit einem Fassungsvermögen von knapp 70'000 Zuschauern kostete rund 900 Millionen Dollar - nur das Londoner Wembley-Stadion war teurer.

Keine gute Investition

Mit zwölf Austragungsorten hat Brasilien die Vorgabe der Fifa übererfüllt: Dem Weltfussballverband hätten acht WM-Stadien gereicht. «Das einzige, was noch schlimmer ist als einen Haufen Geld für ein Stadion auszugeben, ist, einen Haufen Geld für ein Stadion auszugeben, das keiner nutzt», sagt der US-Sportökonom Victor Matheson. Ohnehin sei es aus betriebswirtschaftlicher Sicht keine gute Investition, Geld in Sportstätten anzulegen.

Das zeigt auch die Erfahrung Südafrikas. Im 600 Millionen Dollar teuren Stadion in Kapstadt, einem der Aushängeschilder der Fussball-WM 2010, fanden in den vergangenen vier Jahren gerade mal sieben Fussballspiele statt. Noch schlimmer sieht es in Polokwane aus, wo es keinen grösseren Verein gibt und damit keine Möglichkeit, Einnahmen zu generieren.

Wenige Bands für die Massen

Die Stadien in Brasília, Manaus, Natal und Cuiabá präsentieren sich selbst als multifunktionale Veranstaltungsorte - nicht nur für Sportereignisse, sondern auch für Messen oder kulturelle Events. Der Präsident des brasilianischen Fussballverbands, José Maria Marin, hat wiederholt erklärt, es hänge «von der Kreativität und der Vorstellungskraft der Eigentümer und Betreiber» ab, was nach der Weltmeisterschaft aus den Stadien werde.

Doch die Einschätzung von Wirtschaftswissenschaftlern wie Matheson lässt nichts Gutes erwarten. Aus ökonomischer Sicht gebe es keinen Anhaltspunkt, dass die Gastgeber grosser Sportereignisse lange davon zehren könnten, sagt er. Natürlich sei es denkbar, dass Stars wie Beyonce oder Mick Jagger in den Stadien auftreten. Aber es gebe nicht viele Bands, die 50'000 Menschen oder mehr anziehen.

Selbst Barcelona kein leuchtendes Beispiel

Robert Baade, Wirtschaftswissenschaftler am Lake Forest College in der Nähe von Chicago, hat mit Regierungsvertretern in Brasilien über die teuren Stadien gesprochen. «Es gibt die Vorstellung, dass diese Stadien irgendwie als Katalysator für die wirtschaftliche Entwicklung dienen», sagt er. «Aber so funktioniert es nun mal nicht.» Ein Fussballstadion sei kein Einkaufszentrum, das zwölf Stunden am Tage geöffnet sei. Es könne nur gelegentlich genutzt werden und stehe die meiste Zeit leer.

Selbst Barcelona, das im Hinblick auf die Stadtentwicklung als erfolgreichster Austragungsort der Olympischen Spiele gilt, ist laut Baade kein leuchtendes Beispiel. Als er kürzlich dort gewesen sei, habe er in der Gegend um das Olympiastadion keine nennenswerten Aktivitäten feststellen können.

Nicht messbarer Nutzen

Für den Bau oder die Renovierung der zwölf WM-Stadien hat Brasilien etwa vier Milliarden Dollar ausgegeben. Insgesamt kostete die Weltmeisterschaft rund 11,5 Milliarden Dollar. Wenn sich die WM in internationalem Goodwill, mehr Touristen und besseren Chancen für die Wiederwahl von Präsidentin Dilma Rousseff niederschlägt, werden die Regierungsverantwortlichen zu dem Schluss kommen, dass sich die Investition gelohnt hat.

Der volkswirtschaftliche Nutzen sportlicher Grossereignisse ist praktisch nicht messbar, wie Wolfgang Maennig, Wirtschaftsprofessor an der Universität Hamburg, sagt. Im Grunde gehe es um etwas anderes, erklärt der Sportökonom. Die Fussball-WM sei ein gutes Mittel, Menschen glücklich zu machen: Man lädt Freunde zu einer grossen Party ein und hofft, dass sie sich gut amüsieren - die Rechnung bezahlt der Gastgeber. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2014, 21:36 Uhr

Artikel zum Thema

Die Fussball-WM im Dschungel

Manaus liegt im brasilianischen Regenwald, ist nur aus der Luft und auf dem Wasser leicht zu erreichen. Der lokale Club spielt in der vierten Liga. Doch für vier WM-Spiele wurde hier ein grosses Stadion errichtet. Mehr...

So kann Brasilien von der WM profitieren

Egal, wo eine Fussball-Weltmeisterschaft stattfindet: Finanziell gewinnt am Ende vor allem die Fifa. Ein Schwellenland wie Brasilien kann jedoch auf andere positive Effekte hoffen. Mehr...

Das Maracanã ist das berühmteste Stadion der Welt

Fussball Das Maracanã in Rio de Janeiro, wo heute der WM-Final zwischen Deutschland und Argentinien stattfindet, ist das berühmteste Stadion der Welt. Für Fussballer und Fans ist es ein Mythos. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Zahlgewohnheiten ändern sich

Für viele Menschen ist Bargeld heute noch das Nonplusultra. Kreditkarten gelten oft als teuer und eher unpraktisch. Doch die Zeiten ändern sich. Und vor allem die Karten selbst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zyklon Idai: Ein Mädchen beobachtet sichtlich geschockt, wie Menschen aus der Stadt Buzi in Mosambik nach ihrer Rettung am Hafen in Beira an Land gehen. (22. März 2019)
(Bild: Andrew Renneisen/Getty Images) Mehr...