Hintergrund

Englands Rezessionsmysterium

Grossbritannien zerbricht sich den Kopf: Mehr und mehr Menschen finden nach der Krise den Weg zur Arbeit wieder. Trotzdem kommt die Insel wirtschaftlich nicht vom Fleck.

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Grossbritannien dreht auf Sparflamme. Nach dem Aufflackern der Konjunktur im Sommer 2012 – verantwortlich dafür waren auch die Olympischen Spiele – machte die Wirtschaft in den letzten drei Monaten des Jahres wieder eine Schrumpfung mit. Um 0,3 Prozent verringerte sich die Wirtschaftsleistung, wie die nationale Statistikbehörde am Freitag mitteilte. «Enttäuschend» sei das, schrieben Analysten.

Zeitungen begannen bereits, vom «Triple Dip» zu schreiben – also vom erneuten Rückfall in die Rezession nach der Befreiung vom Rückfall des letzten Jahres. Dass Grossbritannien ein Problem hat, ist offensichtlich: Erst die Hälfte der Wirtschaftsleistung, die seit der Finanzkrise von 2008 verloren ging, wurde bis jetzt gutgemacht. Während sich die USA oder Deutschland wieder über dem Vorkrisenniveau befinden, fehlen den Briten dazu noch über 3 Prozent. Von den grössten Wirtschaftsnationen steht nur Italien schlechter da.

Geschäftiges Arbeiten

Die anhaltende Rezession gibt den Briten Rätsel auf. Auf den ersten Blick scheint England ein klarer Fall: 140 Prozent Staatsverschuldung, ein Budgetdefizit von über 6 Prozent, ein serbelnder Immobiliensektor und eine krisengeschüttelte Finanzwirtschaft machen der Insel zu schaffen. Sparen ist angesagt, seit David Cameron das Zepter übernommen hat. Hätte England keine eigene Währung, so würde das Land wohl längst im selben Atemzug wie Spanien, Italien oder Nachbar Irland genannt.

Ein Faktor liegt allerdings quer in der Landschaft: Es ist das Jobwunder, das sich hinter den Kulissen abspielt. Entgegen der ökonomischen Grosswetterlage entwickelt sich Grossbritanniens Arbeitsmarkt prächtig: Eine halbe Million Jobs wurde 2012 netto geschaffen, seit 2010 entstanden im Privatsektor über 1,3 Millionen Arbeitsstellen. Um rund 9 Prozent nahm die Beschäftigung zuletzt zu. Das Vorkrisenlevel von 29,6 Millionen Stellen wurde schon im Verlauf des Jahres 2012 überschritten, wie Daten des Statistikamtes zeigen.

«Was läuft falsch?»

Was all dies zu bedeuten hat, weiss auf der Insel niemand so recht. Horten die Firmen etwa plötzlich Arbeitskräfte? Historisch wäre dies etwas ziemlich Neues. Diskutierte die Welt in den letzten dreissig Jahren stets über BIP-Aufschwünge ohne entsprechenden Rückgang der Arbeitslosigkeit, so ist nun der umgekehrte Fall da: Der Arbeitsmarkt zieht an, ohne dass sich dies in entsprechendem Wirtschaftswachstum niederschlägt. Als «jobreiche Depression» betitelt der «Economist» das neue Phänomen – eine «aufschwunglose Jobbifikation» macht der FT-Ökonomieblog Alphaville daraus.

So weit, so gut, liesse sich sagen: Immerhin finden wieder mehr Menschen in Manchester, Bristol und London einen Job. Doch die Sache hat einen Haken. Arbeiten mehr Menschen und erbringen dabei die gleiche Leistung, so ist dies gleichbedeutend mit einem Rückgang der Produktivität. Auch dies erscheint aus historischer Sicht mysteriös. «Die Briten arbeiten härter und produzieren dabei weniger», stellt der «Economist» etwas ungläubig fest. Und stellt sogleich die Frage: «Was läuft hier eigentlich?»

Billiges Geld für Kleinunternehmen

Die Antwort darauf sehen viele Ökonomen im britischen Wirtschaftsumbruch begründet. So auch Björn Eberhardt von der Credit Suisse. «Die britische Wirtschaft steckt in einem Transformationsprozess», sagt er, «sie orientiert sich weg vom Bau- und Finanzsektor hin zu anderen Wirtschaftszweigen mit grösseren Wachstumsaussichten.» Seiner Einschätzung nach bleibt es für Grossbritannien schwierig: «Aussicht auf wenig Wachstum und erhöhte Inflation – diese Ausgangslage kann sich kein Ökonom wünschen.»

Wohl auch nicht Mark Carney. Der kanadische Notenbankgouverneur wird im Juli für Mervyn King das Zepter bei der Bank of England übernehmen. Zunehmend wirkungslos verpuffen die Milliarden von Pfund, welche die britische Notenbank über Quantitative-Easing-Programme in die Wirtschaft pumpt. Etwas effektiver ist laut Eberhardt das sogenannte Funding-for-Lending-Schema, das die Bank of England letztes Jahr lancierte. Dabei stellt die Zentralbank den Geschäftsbanken langfristige Gelder zur Verfügung, falls diese in den Hypothekenmarkt sowie in Unternehmenskredite weitergeleitet werden.

Hohe Inflation, kaum Lohnsteigerungen

Dass diese Kredite beim Umbau der Wirtschaft helfen, darauf hofft auch UBS-Volkswirtschaftler Mark Bulsing. Grosse Zuversicht hegt er dabei nicht. «Diese Rezession ist wirklich anders», sagt der in London arbeitende Ökonom. Praktisch in allen Konjunkturflauten des letzten Jahrhunderts sei ein Anstieg der Reallöhne zu beobachten gewesen. Arbeitsplätze seien abgebaut worden, sagt er: «Doch bei den verbleibenden Stellen blieb die Produktivität erhalten.» In der seit 2008 andauernden Rezession beobachtet Bulsing einen entgegengesetzten Trend.

Angesichts der Schwere wäre eigentlich eine höhere Arbeitslosigkeit zu erwarten gewesen, so der UBS-Ökonom. «Doch diesmal wird weitaus mehr Last auf die Reallöhne überwälzt.» Zum sinkenden Reallohnniveau tragen laut Bulsing nicht nur Lohnkürzungen bei, sondern auch reduzierte Arbeitsstunden, vermehrtes Teilzeitarbeiten und der Gang in die Selbständigkeit. Während der Erholung habe diese Entwicklung den Konsum stark reduziert, so Bulsing. «Sollte der Lohndruck über den Erwartungen anhalten, so schwinden die Chancen auf einen baldigen Aufschwung.»

England ist kein Deutschland

Auf eine schnelle Erholung hatte England bei Krisenanbruch im Jahr 2009 noch gehofft. Tiefere Löhne in Kombination mit einem schwächeren Pfund und einem Sparprogramm – dessen effektive Auswirkungen eher in der Zukunft als in der Gegenwart liegen – sollten es für die britische Wirtschaft richten. Inzwischen hat sich die Perspektive verschoben. «Grossbritannien wird nicht von einem Tag auf den anderen zum Exportweltmeister», sagt Bulsing mit Blick auf den EU-Handelspartner Deutschland, dessen Industrie auf deutlich robusterer Basis steht. «Der Umbau der Wirtschaft wird einige Jahre in Anspruch nehmen.»

Womit wieder die Jobs im Fokus stehen, die künftig das Wachstum antreiben sollen. In der Vorstellung David Camerons sollen sie dort entstehen, wo Grossbritannien jetzt schon Vorteile besitzt: in der wissensbasierten und kreativen Industrie, die von Pharma und Life Sciences über die Medien- bis in die Designbranche reicht. Laut Mark Bulsing ist diese Strategie der effektivste Weg, um Grossbritanniens Wirtschaft wieder in Balance zu bringen. Auch dem «Economist» kann ihre Verwirklichung nicht genug schnell gehen. «Kapital bleibt in ineffizienten Firmen stecken», klagt das Wirtschaftsblatt. «Leute arbeiten für Unternehmen, die gar nicht existieren sollten.»

Erstellt: 29.01.2013, 17:03 Uhr

Cameron und die EU-Debatte

Kürzlich gab der britische Premierminister David Cameron seine Absicht bekannt, 2017 ein Referendum über den Verbleib Grossbritanniens in der EU durchzuführen. Ökonomen zufolge dürfte diese Ankündigung alleine keine grösseren Auswirkungen haben.

Bei der Bank of America Merrill Lynch schätzt man den jährlichen Wachstumsbeitrag des Freihandels mit der EU für Grossbritannien auf 0,1 bis 0,2 Prozent ein. Unter Umständen könnte die Austrittsdrohung eine schädigende Wirkung auf das Investitionsklima haben, schreibt die Bank in einem Report.

Von Tagesanzeiger.ch/Newsnet befragte Ökonomen sehen zwar einen Schock voraus, sollte Grossbritannien die Europäische Union verlassen. Darüber hinaus könne das Königreich aber auch ohne EU wirtschaftlich gut leben.

Das Pfund auf Talfahrt

Wegen düsterer Konjunkturaussichten verlor das britische Pfund in den vergangenen Wochen an Wert. War ein Pfund zu Jahresbeginn noch 1.23 Euro Wert, so notiert die Währung des Königreichs aktuell bei 1.17 Euro.

Verantwortlich für das schwächere Pfund ist auch der künftige Chef der Bank of England, Mark Carney. In Kommentaren wies er darauf hin, dass eine lockerere Geldpolitik der Weltwirtschaft helfen könne, ihr Tal zu überwinden.

Gemessen am handelsgewichteten Kurs hält CS-Ökonom Björn Eberhardt das Pfund aktuell für etwa fair, bestenfalls leicht unterbewertet gehandelt. Eine mögliche Abschwächung hätte laut Eberhardt positive Effekte auf die britische Wirtschaft. Mit einer dramatischen Abschwächung sei aber nicht zu rechnen.

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