Interview

«Es brauchte nur noch wenig, um diese Mini-Panik auszulösen»

Nach dem Absturz vom Freitag befindet sich der Goldpreis heute im freien Fall. ZKB-Ökonom Jörn Spillmann über die Gründe, Auswirkungen auf die SNB und die nächste Unterstützungslinie.

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Herr Spillmann, nach dem Absturz vom letzten Freitag findet der Goldpreis auch heute keine Boden. Was ist los?
Die Spekulationen von letzter Woche, die zypriotische Nationalbank könnte zur Linderung der Staatsschuldenkrise Gold aus ihren Beständen verkaufen, wirken sich negativ auf den Markt aus.

Kann dieses kleine Land mit dem wenigen Gold wirklich den Markt bewegen?
Wir sprechen von Goldbeständen im Wert von rund 400 Millionen Dollar. Natürlich bewegt das den Markt nur marginal. Entscheidend ist die Signalwirkung: Wenn die Zyprioten das machen, käme es auch für Spanien und Italien infrage. Da sprechen wir dann sofort von grösseren Beständen, welche den Markt sehr wohl bewegen können (siehe Box link, Anm. der Redaktion).

Über mögliche Goldverkäufe von Eurokrisenstaaten gibt es bis jetzt aber keine politische Debatte.
Das ist so. In Markt- und Händlerkreisen wird diese Option aber dennoch diskutiert. Und offenbar hat das einen Einfluss auf die Preisentwicklung.

Und das muss dann grad zu dieser Mini-Panik führen?
Natürlich spielen andere Faktoren eine Rolle. Etwa die schwindende Inflationsangst. In den letzten Jahren wurde viel Gold zum Schutz vor Inflation gekauft. Nun sehen wir aber seit Monaten anhand von Indikatoren, dass die Ängste vor Inflation – zumindest kurz- und mittelfristig – unbegründet sind. Selbst China weist tiefere Inflationsraten auf als erwartet. Auf diesem Hintergrund hat sich der Goldpreis in den letzten Monaten volatil seitwärts bewegt, mit leichter Abwärtstendenz. Bei einer solchen Konstellation braucht es dann nur noch wenig, um diese Mini-Panik auszulösen.

Man würde erwarten, dass die Psychologie im Goldmarkt weniger von Panik getrieben ist, weil die Investoren langfristiger orientiert sind.
Das stimmt nur teilweise. Im Goldmarkt sind in den letzten Jahren viele neue Teilnehmer dazugekommen. Gold ist zu einer Anlage für ein breiteres Publikum geworden mit der Folge, dass die Marktpsychologie wohl ähnlich spielt wie etwa im Aktienmarkt.

Warum sind heute mehr Teilnehmer im Goldmarkt als früher?
Weil es heute auch für Kleinanleger und private Investoren einfacher geworden ist, in Gold zu investieren. Mit den sogenannten ETFs, den Exchange-Traded Funds, kann jeder relativ günstig zum Goldkäufer werden.

Per Mausklick zum Goldinvestoren, das tönt nach Hausfrauen-Hausse am Aktienmarkt. Sehen Sie Parallelen?
Nein, so weit würde ich nicht gehen. Sicher kommen durch die ETFs vermehrt Käufe von Anlegern, die bisher nicht in Gold investierten. Aber der grösste Teil sind immer noch die professionellen Anleger.

Wer sind die Verlierer der jetzigen Talfahrt?
Diejenigen, die spät eingestiegen sind, also in den letzten zwei bis drei Jahren.

Und das sind wiederum die, welche über die ETFs zum Gold gekommen sind.
Weil diese ETFs noch eine junge Geschichte sind, dürfte es vermehrt auch solche Anleger getroffen haben.

Wer sind die Gewinner des sinkenden Goldpreises?
Firmen, welche Gold industriell verarbeiten. Zum Beispiel Elektronikkonzerne, die das Edelmetall etwa für Handys, Fernseher oder andere Geräte verwenden. Der Anteil der industriellen Verwendung des jährlich geförderten und verkauften Goldes macht rund 20 Prozent aus.

Der Goldpreisabsturz dürfte auch der Schweizerischen Nationalbank nicht gefallen.
Die Nationalbanken arbeiten ja nicht gewinnorientiert und sind langfristig ausgerichtet. So gesehen dürften sie das verschmerzen. Wenn es zu Verlusten kommt, sind das Buchverluste und nicht realisierte Verluste.

Aber die wirken sich auf die Ausschüttungen an den Staat aus.
Damit ist zu rechnen.

Wie sieht es historisch aus, gab es schon einmal so heftige Kursverluste?
Der Absturz vom Freitag dürfte einer der heftigsten Tagesverluste gewesen sein. Wir hatten auch in den 80er-Jahren einen starken Rückgang des Goldpreises, allerdings über einen längeren Zeitraum (siehe Box link, Anm. der Redaktion). In den 70er-Jahren herrschte hohe Inflation, welche man in den 80ern anschickte zu bekämpfen. Es war der damalige Fed-Chef Paul Volcker, der sich diese Aufgabe auf die Fahne schrieb. Der Effekt auf den Goldpreis blieb nicht aus, er gab deutlich nach, weil die Mission Inflationsbekämpfung Erfolge zeigte.

Sitzt man nun mit der schwindenden Inflationsangst nicht einer Täuschung auf?
Zumindest kurz- und mittelfristig – hier sprechen wir von einem Zeitrahmen von rund zwei Jahren – dürfte die Inflation nicht zum Problem werden. Das zeigen die Indikatoren. Aber sicher werden die ökonomischen Gesetze nicht neu geschrieben. Wenn die Geldmengen innert kurzer Zeit stark ausgeweitet werden, ist das potenziell inflationstreibend. Die Zentralbanken müssen also erst noch beweisen, dass sie dieses Risiko im Griff haben. Will heissen, sie müssen im richtigen Moment die überschüssige Geldmenge wieder abschöpfen.

Wie sieht die weitere Zukunft der Goldpreisentwicklung aus?
Auf längere Sicht sehen wir Faktoren, die für eine Aufwärtsbewegung sprechen. Neben der Inflation ist das vor allem die anhaltende Nachfrage der Schwellenländer. Diese Nachfrage kommt sowohl von den Zentralbanken, die ihre Währungsreserven differenzieren wollen, als auch von den Privaten, die Gold als Schmuck und Wertaufbewahrung nutzen.

Erstellt: 15.04.2013, 11:28 Uhr

Auf schwarzen Freitag folgt schwarzer Montag

Am letzten Freitag verlor der Goldpreis über fünf Prozent. Gestartet war er bei rund 1560 Dollar. Am Schluss notierte das gelbe Metall bei knapp 1479 Dollar. Ein Absturz, wie ihn der Goldmarkt nur selten sieht. Am Montag geht nun der Rückgang unvermindert weiter. Gegen Mittag verliert die Feinunze zeitweise über sieben Prozent und erreichte ein neues Tief von noch gut 1380 Dollar. (cpm)

Jörn Spillmann ist Leiter Volkswirtschaft International bei der ZKB.

Fakten zum Gold

Die Gold-Baisse in den 80ern
Der Goldpreis erreichte am 21. Januar 1980 einen Höchststand von 850 Dollar. Dann ging es steil bergab. Ein erstes Tief erreichte die Unze Feingold am 21. Juni 1982 mit 296.75 Dollar. Das absolute 80er-Jahre-Tief notierte am 25. Februar 1985 bei 284.25 Dollar.

Die Goldbestände von Italien und Spanien
Nach den letzten verfügbaren Daten des IWF (Februar 2013) besitzt Italien 2452 Tonnen Gold, bei Spanien sind es 282 Tonnen. Zum Vergleich, bei Zypern sind es 13,9 Tonnen.

Die Charttechnik
Die ZKB-Analysten sahen die letzte Unterstützungsmarke bei 1540 Dollar, wie Jörn Spillmann erklärt. Diese wurde am Freitag nach unten durchbrochen, was weitere Verkäufe nach sich gezogen haben dürfte. Die nächste Unterstützungslinie sehen die Analysten der ZKB bei 1300 Dollar.

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