«Es darf auch mal sein, dass wir verlieren»

Knatsch im Dachverband und heisser Abstimmungssonntag: Economiesuisse-Boss Pascal Gentinetta reagiert auf die Kritik von «Uhrenkönig» Nick Hayek und sagt, warum er eine Niederlage am Sonntag nicht fürchtet.

«Die Kritik muss ich entschieden von mir weisen. Gerade mit diesem Kompromiss 50/60 haben wir uns für einen sinnvollen Weg im Sinne des Werkplatzes eingesetzt»: Pascal Gentinetta reagiert auf den Vorwurf von Nick Hayek, Economiesuisse hätte sich von den Problemen des Werkplatzes distanziert.

«Die Kritik muss ich entschieden von mir weisen. Gerade mit diesem Kompromiss 50/60 haben wir uns für einen sinnvollen Weg im Sinne des Werkplatzes eingesetzt»: Pascal Gentinetta reagiert auf den Vorwurf von Nick Hayek, Economiesuisse hätte sich von den Problemen des Werkplatzes distanziert. Bild: Keystone

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Herr Gentinetta, so kurz vor der Abzockerabstimmung einen blauen Brief vom Uhrenverband. Sie stehen ziemlich unter Druck.
Diese Austrittsankündigung kommt völlig überraschend. Wir können sie nicht nachvollziehen.

Der Uhrenverband hat als Begründung die fehlende Unterstützung in der Swissness-Vorlage angegeben.
Wir sehen es anders. Wir hatten uns im Vorfeld der Parlamentsdebatte auf die Kompromisslösung 50 Prozent generell und lex specialis für den Uhrensektor geeinigt. Damit hatten wir sichergestellt, dass keinem anderen Industriezweig die legitime Speziallösung für die Uhrenbranche aufgezwungen wird. Und der Vertreter des Uhrenverbandes hat dieses Vorgehen in der entscheidenden Sitzung unseres Vorstandsausschusses unterstützt. Der Uhrenverband hat diesen Kompromiss im letzten Herbst gegenüber dem Parlament sogar explizit mitunterzeichnet.

Sie finden also, man fällt Ihnen in den Rücken.
Ich will das nicht aburteilen. Ich stelle einfach fest, dass man in dieser Sache nachträglich einen Rückzieher gemacht hat. Und dies, obwohl wir in unseren Gremien basisdemokratisch entschieden haben.

Aber mal ehrlich: Ob nun in einem Produkt zehn Prozent mehr oder weniger Schweiz drinsteckt, ist doch nicht so wichtig, dass man sich deswegen gleich überwirft. Steckt mehr dahinter?
Ich will nicht darüber spekulieren. Wie der Uhrenverband verlauten liess, hat die Austrittsankündigung aber weder mit der Minder-Initiative noch mit anderen Aktivitäten von Economiesuisse zu tun. Mir ist einfach aufgefallen, dass man in der Uhrenbranche bezüglich Swissness-Vorlage auch nicht einer Meinung ist.

Das macht die Sache ja nicht besser.
Nein, aber es zeigt, dass die Position beim Uhrenverband nicht so eindeutig ist.

Sie machen sich Hoffnungen, dass der Entscheid noch rückgängig gemacht wird?
Wir werden die Gespräche weiterführen. Uns liegt viel daran, dass die florierende Uhrenbranche uns weiterhin angeschlossen bleibt.

Das tönt wie im Jahr 2006, als Swissmem austreten wollte. Bricht nun wieder der alte Streit zwischen der Grossindustrie und dem Werkplatz auf?
Man kann uns doch nicht im Ernst vorwerfen, wir würden uns nicht für den Werkplatz einsetzen …

… genau das tut aber Nick Hayek. Er sagt, die Distanz von Economiesuisse zu den Problemen des Werkplatzes sei in letzter Zeit immer grösser geworden.
Das weise ich zurück. Gerade mit diesem Kompromiss 50/60 haben wir uns für einen gangbaren Weg im Sinne des Werkplatzes eingesetzt. Die einseitige Lösung der Uhrenindustrie würde hingegen zulasten der Maschinenindustrie und zahlreicher exportorientierter KMU, die bei kantonalen Industrie- und Handelskammern angesiedelt sind, gehen. Und im Energiebereich unterstützen wir den Werkplatz Schweiz, indem wir uns für die Versorgungssicherheit und international kompetitive Preise einsetzen.

Hier geht es Ihnen doch vor allem darum, die Atomtechnologie in der Energiewirtschaft weiter am Ball zu halten?
Nein, wir sind mit keiner Technologie verheiratet. Aber wir brauchen Versorgungssicherheit und dazu ist genügend Bandenergie nötig.

Mit dem Abgang des Uhrenverbands besteht die Gefahr, dass dies Nachahmer in Ihrem Dachverband mit sich zieht.
Mir sind keine bekannt. Im Gegenteil, in den letzten Jahren ist die Zahl unserer Mitglieder gestiegen. Und an einer der nächsten Sitzungen werden wir die Aufnahme von zwei weiteren Mitgliedern beantragen können.

Können Sie Namen nennen?
Nein.

Nun steht am Sonntag mit der Abzockerinitiative eine Abstimmung an, für deren Ablehnung sich Economiesuisse starkgemacht hat wie kaum je für eine Vorlage. Wie angespannt sind Sie?
Dass die Ausgangslage für uns nicht die einfachste war, war uns von Anfang an klar. Die Thematik löst viele Emotionen aus. Das macht eine sachliche Debatte umso schwieriger. Wir hoffen aber bis zum Schluss.

Haben Sie für Sonntag schon eine Krisensitzung geplant?
Es wird wie immer nach Abstimmungen, bei denen wir uns engagieren, eine Manöverkritik geben.

Was, wenn Sie verlieren?
Dann werden wir uns nicht verstecken. Es darf auch mal sein, dass wir verlieren. Wir nehmen das, angesichts einer Quote von etwa 90 Prozent gewonnener Abstimmungen, sehr gelassen.

Und dann werden Sie sich im parlamentarischen Prozess zur Umsetzung der Abzockerinitiative umso stärker für eine Lösung in Ihrem Sinne einsetzen?
Wir werden den Volkswillen selbstverständlich respektieren und uns für eine praxistaugliche Lösung einsetzen.

Erstellt: 01.03.2013, 19:29 Uhr

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