«Es geht ohne Atomkraft»

Hans Joachim Schellnhuber, Physik-Professor und Berater von Angela Merkel und José Manuel Barroso, zu den Herausforderungen in der Klimapolitik und den Chancen erneuerbarer Energien.

«Die Kinder meines Sohnes werden es schlechter haben als ich heute»: Hans Joachim Schellnhuber.

«Die Kinder meines Sohnes werden es schlechter haben als ich heute»: Hans Joachim Schellnhuber. Bild: Keystone

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In knapp fünf Wochen beginnt der Klimagipfel im mexikanischen Cancún. Bestehen überhaupt Chancen, dass das in Kopenhagen gescheiterte Kyoto-Nachfolgeabkommen abgeschlossen werden kann?
Das halte ich für weitgehend ausgeschlossen. Wenn überhaupt, wird es frühestens in einem Jahr so weit sein oder vielleicht erst 2012 an «Rio+20» in Rio de Janeiro – der Nachfolgekonferenz zum Erdgipfel 1992. Im Augenblick steht die Frage im Vordergrund, zu welchen Massnahmen einzelne Länder oder Ländergruppen bereit sind.

Die grossen Bremser sind China und die USA.
China gehört keineswegs zu den Bremsern. Das nächste Fünfjahresprogramm sieht massive Investitionen in erneuerbare Energien vor. Aber die Chinesen sagen: Wir lassen uns nicht von der Internationalen Gemeinschaft vorschreiben, was wir zu tun haben. Wir handeln kraftvoll, innovativ, aber aus eigener Einsicht. Wenn die USA dasselbe täten, wäre das wunderbar. Die Chinesen bewegen sich immerhin, aber bei den USA sieht man nur Rückschritte.

Könnten regionale Vereinbarungen helfen?
Ich sehe im Augenblick keine andere Möglichkeit. Ich könnte mir vorstellen, dass man unter Zurücklassung der USA eine Allianz der Willigen schmiedet – dazu gehören die EU, China und Brasilien. Wenn diese Länder vorangehen, werden sie die Melodien komponieren, nach denen die Weltwirtschaft tanzt. Trotzdem muss natürlich auch im Rahmen der Vereinten Nationen weitergearbeitet werden. Aber es wäre falsch, nur an dem Supervertrag zur Rettung der Menschheit und des Planeten Erde zu arbeiten mit dem Risiko, dass man nichts hat, wenn er scheitert.

Bis jetzt herrschte Übereinstimmung, dass die Klimaveränderung ein Problem ist, das nur global gelöst werden kann. Weshalb rücken Sie von diesem Prinzip ab?
Diese Übereinstimmung herrscht weiterhin. Wenn man auf mittleren und lokalen Ebenen demonstrieren kann, dass die Kosten für die nachhaltige Entwicklung gar nicht hoch sind, wird es leichter sein, die Regierungschefs zu überzeugen, dass ein solcher Vertrag für sie kein grosses Risiko bedeutet. Im Augenblick haben alle extreme Angst, dass sie mit ihrer Unterschrift unter ein Abkommen ihre Volkswirtschaften schädigen.

Erneuerbare Energien sind teurer als Erdöl und Kohle. Sind die Befürchtungen der Politiker wirklich aus der Luft gegriffen?
Der Übergang muss ohnehin passieren. Wir werden vielleicht noch 20 Jahre billiges Erdöl haben. Bis dann muss unser Transportwesen umgestellt sein. Erdgas wird noch rund 40 Jahre zur Verfügung stehen. Kohle hätten wir noch länger, aber es wird immer teurer und gefährlicher, sie aus der Erde zu holen.

Sie haben die Leute am Climate Forum in Thun gefragt, ob sie denken, dass ihre Enkel es besser oder schlechter haben werden als sie heute. Die meisten meinten, es werde schlechter. Was denken Sie?
Wenn ich beobachte, wie sich die Dinge entwickeln, dann befürchte ich: Die Kinder meines Sohnes werden es schlechter haben als ich heute. Es sei denn, wir stellen die Weichen anders.

Ist das möglich?
Wir müssen doch die Meere nicht erst komplett leer fischen, bevor wir anfangen, über andere Nutzungsstrategien nachzudenken. Wenn wir den Hering oder den Thunfisch vernichtet haben, wird es möglicherweise Jahrhunderte dauern, bis sich das entsprechende Ökosystem wieder erholt hat. Das Quälendste ist aber: Wir Wissenschafter sehen ja, dass es Alternativen gibt. Sie kosten uns nicht die Welt und machen uns vielleicht sogar etwas gesünder. Aber die Leute versuchen, bis zum letzten Moment zu warten. Sie gehen lieber die alten Wege, an welche sie sich gewöhnt haben.

Gemäss dem Budgetansatz, den Sie mitentwickelt haben, darf die Menschheit bis 2050 noch 750 Milliarden Tonnen CO2 ausstossen. Würde man das gleichmässig auf alle Menschen verteilen, hätten die USA ihr Budget bereits 2020 verbraucht. Ist das eine realistische Forderung?
Nein, es ist natürlich nicht realistisch, von den USA einen derart radikalen Ausstieg aus dem Verbrauch von Erdöl und Kohle zu fordern. Aber es ist auch nicht realistisch, sich an der Physik vorbeizuschwindeln. Der Handel mit Emissionsrechten kann in der globalisierten Wirtschaft den Ausgleich schaffen. Die USA kaufen Emissionsrechte, und der Erlös wird in Umwelttechnologien beispielsweise in Indien investiert. Die dafür erforderlichen Finanzflüsse von Norden nach Süden lägen wohl in der Grössenordnung von 100 Milliarden pro Jahr. Solche Aufwendungen wären für die Industrieländer durchaus tragbar. In Deutschland beispielsweise würde dieser Emissionshandel jeden Haushalt jährlich lediglich mit etwa 20 Euro belasten.

Deutschland wird als eines der wenigen Länder die CO2-Reduktionsziele gemäss Kyoto-Protokoll erreichen. Das Verdienst von Bundeskanzlerin Angela Merkel oder von Hans Joachim Schellnhuber?
Mein Verdienst ist es ganz und gar nicht. Frau Merkel hat sicher stark mitgewirkt, aber es ist auch ein Ergebnis der deutschen Wiedervereinigung: Die extrem leistungsschwache und ressourcenverschwenderische Volkswirtschaft der ehemaligen DDR wurde umgebaut. Heute sind auch die Industriebetriebe im Osten Deutschlands sehr wettbewerbsfähig und effizient.

Wie lange könnte Deutschland gemäss Budgetansatz noch CO2 ausstossen?
Bis 2040. Die Ziele der Bundesregierung und der Budgetansatz liegen gar nicht so weit auseinander: Deutschland will bis 2050 ohnehin 95 Prozent der CO2-Emissionen vermeiden. Weil wir gesehen haben, dass sich Energieeffizienz rechnet, sind wir einen Schritt weitergegangen als andere Länder. Das zahlt sich aus: Bei der Umwelttechnologie ist Deutschland mit Abstand der Weltmarktführer.

Deutschland will bis 2050 fast vollständig auf erneuerbare Energien umsteigen. Ist das möglich?
Physikalisch absolut. Die Frage ist, ob die politischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Geld ist genügend vorhanden, es muss nur noch in die richtigen Technologien investiert werden. Wenn die Bevölkerung die Innovationen will, kriegen wir sie hin. Wenn Deutschland energietechnisch unabhängig werden will, muss es in erneuerbare Energien investieren, vor allem in Wind und Biomasse.

Die Bundesregierung hat die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke verlängert. Geht es nicht ohne Atomkraft?
Es geht ohne Atomkraft. Aber es handelt sich nicht um eine entscheidende Frage. Wir haben an unserem Institut eine völlig unideologische Beziehung dazu: Es geht darum, Risiken zu vermeiden. Das Entsorgungsproblem ist ungelöst, deshalb empfehlen wir den Bau neuer Atomkraftwerke nicht. Aber ich habe öffentlich empfohlen, die Laufzeit der bestehenden Atomkraftwerke um zehn Jahre zu verlängern und den Löwenanteil der zusätzlichen Gewinne in einen Fonds für erneuerbare Energien anzulegen. Die Zukunft der Menschheit wird nicht auf Kernspaltung aufgebaut. Es könnte die Kernfusion sein, aber deren Zukunft steht in den Sternen. Nein, die Zukunft liegt bei den Erneuerbaren.

Sie gelten als einer der Väter der 2-Grad-Regel, wonach sich die Erde um maximal 2 Grad erwärmen darf.
Bei einer Erwärmung, die über 3 Grad hinausgeht, vielleicht gar 4 oder 5 Grad oder noch mehr bis ins Jahr 2200, würden ganze Ökosysteme verschwinden. Der Meeresspiegel würde massiv ansteigen, die Versauerung der Ozeane voranschreiten. Es käme wahrscheinlich zum Abschmelzen der grossen Eisschilde in der Westantarktis und in Grönland. Wir würden möglicherweise sogar in Europa Monsunregen erhalten. Es käme zu Rückschlägen in der Nahrungsmittelproduktion in den ärmsten Regionen. Das wäre langfristig die gravierendste Klimafolge. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2010, 11:28 Uhr

Hans Joachim Schellnhuber

Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Professor für Theoretische Physik an der Uni Potsdam. Er leitet den «Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen». Als Mitglied der Sachverständigengruppe «Energie und Klimawandel» ist er auch Berater von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

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