«Es geht um intelligentes Marktdesign»

Wie viel sollen andere Telecomfirmen der Swisscom für den Netzzugang bezahlen? Ist es sinnvoll, dass Denner zu Migros gehört? Ökonom Armin Schmutzler von der Universität Zürich sagt, welche Bedeutung der Wirtschaftsnobelpreisträger Jean Tirole für die Schweiz hat.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Schmutzler, Jean Tirole ist öffentlich wenig bekannt. Was ist sein Verdienst?
Tirole ist unbestritten einer der bedeutendsten Mikroökonomen der letzten fünfzig Jahre. Er war schon mehrmals als Nobelpreisträger im Gespräch und hat eine enorme Reputation. Der Preis ist aus wissenschaftlicher Sicht also mehr als verdient.

Tirole ist ein Wettbewerbsökonom und befasst sich mit der Regulierung von Märkten. Ist die Auszeichnung eine Kritik an der Marktwirtschaft?
In der Vergangenheit wurden in der Öffentlichkeit, anders als in der Wissenschaft, vor allem solche Ökonomen zur Kenntnis genommen, die beinahe blind an den Markt geglaubt haben. Dass der Nobelpreis nun an einen der zahlreichen Forscher mit einer differenzierten Betrachtungsweise geht, ist ein positives Zeichen. Wissenschaftlich gesehen steht der Name Tirole für die fundierte, das heisst theoretisch und mathematisch angeleitete Analyse von Märkten mit unvollkommener Konkurrenz. Diese Märkte zu verstehen, ist nicht leicht: Man muss verstehen, wie die Firmen miteinander interagieren, welche Strategien sie verfolgen.

Wo hat sich diese Forschung konkret ausgewirkt?
Ein Beispiel ist die Liberalisierung des Telecommarktes, die in den meisten Ländern vollzogen wurde. Wie stark soll der Staat in den Markt eingreifen? Eine wichtige Aussage aus der Forschung ist, dass die Marktzugangsbedingungen eine entscheidende Rolle spielen. Zu welchen Preisen soll eine Telecomfirma Zugang zum Netz einer anderen Firma erhalten? Die Antwort beeinflusst das Wettbewerbsergebnis stark. Ein weiteres Anwendungsbeispiel ist der Elektrizitätsmarkt. Der Staat muss bei der Liberalisierung dieses Marktes darauf achten, dass genügend Investitionsanreize vorhanden bleiben. Es geht um intelligentes Marktdesign.

Ist es ein Zufall, dass ein Franzose an der Spitze dieser Forschungsrichtung steht?
Das kommt sicher nicht von ungefähr. Die Industrial Organisation hat aber über Frankreich hinaus Bedeutung erlangt. Ihre Ergebnisse sind auch für die Schweizerische Wettbewerbskommission wichtig. Seit fünf bis zehn Jahren wird auf der Ebene des Sekretariats, aber auch in der Kommission selbst stärker auf der Basis der theoretischen Forschung argumentiert. Die Schriften von Leuten wie Massimo Motta, dem heutigen Chefökonomen der EU-Wettbewerbskommission, der aufbauend auf Jean Tirole gearbeitet hat, sind gewissermassen Pflichtlektüre in der Weko.

Praktisch braucht es aber trotzdem oft handfeste Beweise, um Marktmissbrauch zu sanktionieren.
Das ist so. Um in einen Markt einzugreifen, reicht der ökonomisch begründete Verdacht, dass dieser Markt nicht gut funktioniert, nicht aus. Theoretische Erkenntnisse wie die von Tirole genügen also nicht, um eine Firma zu sanktionieren, wenn keine Verstösse gegen das Kartellrecht vorliegen. Dass es in der Marktregulierung keine Patentrezepte gibt, ist übrigens auch eine wichtige Erkenntnis dieser Forschung.

Hierzulande ist der Detailhandel durch wenige Anbieter geprägt. Die Preise sind viel höher als im Ausland. Besteht regulatorischer Nachholbedarf?
Das Schweizer Kartellgesetz entspricht in den wichtigsten Zügen dem internationalen Standard. Eine Ausnahme ist das Fusionsgesetz: Die Übernahme von Denner durch Migros wäre wohl in den wenigsten modernen Ländern akzeptiert worden. Die historisch gewachsene Marktmacht im Detailhandel bleibt aus kartellrechtlicher Sicht aber ein «unlösbares» Problem. Es gibt wenig Möglichkeiten, hier korrigierend einzugreifen.

Erstellt: 13.10.2014, 17:12 Uhr

Armin Schmutzler ist Professor für Mikroökonomie, Industrial Organisation und Umweltökonomie an der Universität Zürich. Zudem ist er Mitglied der Schweizerischen Wettbewerbskommission. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Diese Ökonomen sind preiswürdig

Wer soll den Wirtschaftsnobelpreis erhalten? Ein Glücksforscher? Ein Makroökonom? Oder gar ein Notenbanker? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat bei hiesigen Ökonomen nachgefragt, wem sie die Ehre am Montag verleihen würden. Mehr...

Nobelpreis für Wirtschaft geht nach Frankreich

Jean Tirole erhält den Wirtschaftsnobelpreis 2014. Der Franzose hat aufgezeigt, wie mächtige Unternehmen gezähmt werden können. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Warum Hafer (fast) so wirksam ist wie Medizin

Geldblog Der Crash wird über kurz oder lang kommen

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...