«Es kommt definitiv Bewegung in die Schweizer Elektromobilität»

Mehr Ladestationen für Elektroautos: Der Bundesrat muss prüfen, wie dies realisiert werden kann. Kommt nun der grosse Durchbruch der Elektromobilität? Experten sagen, was es dazu braucht.

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Die Angst, mit leerer Batterie mitten im Nirgendwo zu stranden: Die bescheidene Anzahl Ladestationen für Elektroautos hielt manch einen Schweizer Automobilisten davon ab, sich ein strombetriebenes Fahrzeug zu kaufen. Doch mehr Ladestationen waren auch kaum ein Thema, weil viele potenzielle Betreiber sie erst bei einer grösseren Anzahl Elektroautos einrichten wollten. Eine verfahrene Situation.

Zwar stieg die Anzahl nicht benzinbetriebener Autos in den letzten Jahren enorm an, jedoch auf sehr tiefem Niveau: Heute sind rund 3000 Elektroautos auf Schweizer Strassen unterwegs bei insgesamt fast 4,4 Millionen Personenwagen. Das sind weniger als 0,07 Prozent.

Doch nun gibt es Hoffnung. Im Fokus steht ein dichteres Netz an Schnellladestationen, die ein Elektroauto in rund 20 Minuten aufladen. Der Bundesrat muss die Voraussetzungen für ein Schnellladenetz entlang der Nationalstrassen prüfen – insbesondere, mit welchen Rahmenbedingungen private Investoren solche Stationen realisieren können. Dazu hat der Nationalrat am Donnerstag ein Postulat seiner Transportkommission überwiesen. Im Fokus stehen – wegen der strategisch wichtigen Lage – Raststätten und Rastplätze, auch wenn auf letzteren kein Treibstoff erhältlich ist.

Schweiz im Rückstand

Für den Verband Swiss eMobility ist das Postulat aus dem Nationalrat «ein notwendiger erster Schritt in die richtige Richtung», wie der stellvertretende Geschäftsführer Krispin Romang auf Anfrage sagt. Für die beschleunigte Marktdurchdringung benötige die Elektromobilität hingegen mehr. «Damit sich diese durchsetzt, sind vier Voraussetzungen nötig: erstens gute Produkte – und davon kommen in den nächsten Jahren weitere auf den Markt. Zweitens marktfreundliche Rahmenbedingungen, die nun vom Bund überprüft werden. Drittens die nötige Infrastruktur mit genügend Schnellladestationen. Und viertens das Verständnis für die Elektromobilität.»

Obwohl sich in diesen vier Punkten einiges tue, so Romang, sei die Schweiz im europäischen Vergleich im Rückstand. «Staaten wie etwa die Niederlande oder Deutschland sind uns voraus.» In den Niederlanden beispielsweis konnten für alle 245 Raststätten Konzessionäre gefunden werden, die sich verpflichteten, Schnellladeinfrastrukturen zu bauen. Damit wird ein flächendeckendes Schnellladenetz rascher aufgebaut. Dies beeinflusst stark, dass mehr Elektroautos in Betrieb gesetzt werden.

In der Schweiz sind die Voraussetzungen schwieriger, damit auf allen 60 Raststätten in naher Zukunft Schnellladestationen zur Verfügung stehen. «Weil die Rahmenbedingungen je nach Kanton anders sind, ist jede Raststätte ein eigenes Projekt», erklärt Romang. Dass die Schweiz wegen der Elektromobilität in einen Engpass bei der Stromversorgung gerät, bezweifelt der stellvertretende Geschäftsführer von Swiss eMobility: «Nach Berechnungen von Experten müssten Elektroautos 15 Prozent der Schweizer Fahrzeugflotte ausmachen, damit der gesamte Strombedarf der Schweiz um 1,8 bis 2,3 Prozent steigt. Diese Zahl ist vernachlässigbar.»

Es braucht auch Sportwagen-Groove

Auch Conrad Wagner, Mobilitätsexperte und Mobility-Mitgründer, rechnet mit einer Zunahme an Elektroautos, wenn das Netz für Ladestationen ausgebaut wird. «Es kommt definitiv Bewegung in die Schweizer Elektromobilität. Viele Fahrer möchten die Sicherheit eines dichten Netzes an Ladestationen, obwohl heutige Modelle wie der Tesla Model S mit einer Batterieladung rund 400 Kilometer weit fahren können.»

Dennoch erwartet der Mobilitätsfachmann nicht den grossen Durchbruch der benzinlosen Autos: «Schon in den 70er- und 90er-Jahren redete man davon, doch die Elektroautos haben sich nicht durchgesetzt.» Die Anzahl strombetriebener Autos wird Wagner zufolge auf tiefem Niveau steigen. Erschwerend komme hinzu, dass fossile Brennstoffe momentan so günstig seien und weniger Anreiz für einen Wechsel bieten würden.

Um Elektroautos an den Mann respektive an die Frau zu bringen, braucht es laut Conrad Wagner nicht nur eine gute Ladeinfrastruktur, sondern die Autos selber müssten publikumstauglicher werden. «Je nach Benutzer braucht es ein Fahrzeug mit Sportwagen-Groove, ein Leichtbau-Modell für den sogenannt vernünftigen Gebrauch oder gar ein automatisches Gefährt, etwa für Senioren, die laut Arzt nicht mehr selber fahren dürfen.» Wenn die Elektromobilität diesen Spannungsbogen abdecken kann, stehen die Chancen gut, dass die Modelle Verbreitung finden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.03.2015, 17:06 Uhr

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