«Europa ist reich genug, um den Euro zu retten»

Raghuram Rajan, berühmter ehemaliger IWF-Chefökonom, hält den geplanten Rettungsschirm für ausreichend. Über die beiden Schweizer Grossbanken sagt er: «Da hat die Schweiz ein echtes Problem.»

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Die Euroländer setzen alles daran, ihre Währung zu retten. Werden sie Erfolg haben?
Grundsätzlich ist Europa reich. Die Gesamtschuld entspricht etwa der Wirtschaftsleistung eines Jahres. Europa hat also eine ganz andere Ausgangslage als beispielsweise hoch verschuldete Entwicklungsländer. Europa kann den Euro retten. Aber es gibt keine Gewissheit, dass dies den Ländern gelingen wird.

Wie meinen Sie das?
Es wird eine lange Phase des Durchwurstelns geben. Es wäre falsch, zu erwarten, dass sich die Schuldenkrise mit einem grossen Wurf wird lösen lassen. Die Regierungen werden Sparmassnahmen beschliessen, dann wird es Proteste dagegen geben. Und die Regierungen werden wieder zurückkrebsen.

Wie könnte denn ein grosser Wurf aussehen?
Dies würde bedeuten, dass vor allem die nördlichen Länder einen grossen Teil der Schulden der südlichen Länder übernehmen würden.

Doch das ist kaum wahrscheinlich, weil sich die Bevölkerung in diesen Ländern dagegen wehren würde.
Ja, aber die Bevölkerung in Deutschland tut gut daran, sich darauf einzustellen, dass sie einen Teil der Schulden wird tragen müssen. Insgesamt wird es darum gehen, die Lasten zwischen den Ländern, die die Folgen von Reformen zu tragen haben, und den übrigen Ländern gleichmässig aufzuteilen.

Welches sind nun die nächsten Schritte, die entscheidend sind?
Im Idealfall machen die Länder mit hohen Schulden wie Italien und Spanien, aber auch Frankreich ihre Hausaufgaben: Denn die Schulden sind eigentlich nicht das Hauptproblem dieser Länder. Viel stärker ins Gewicht fällt deren fehlende Wettbewerbsfähigkeit. Zudem müssen diese Länder verschiedene Versprechen zurücknehmen, die sie der Bevölkerung gegeben haben. Sei es im Bereich der Arbeitsplatzsicherheit oder der Renten. Wichtig ist hier ein guter Mix der eingesetzten Massnahmen. Auf der einen Seite gibt es Kürzungen, auf der anderen Seite trägt das zusätzliche Wachstum zur Problemlösung bei.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?
Wenn ein Land beispielsweise einen Teil der Beamten entlässt, muss es für die Betroffenen eine Kompensation geben. Finden sie ein Umfeld vor, in dem neue Stellen geschaffen werden oder in dem es einfach ist, als Selbstständigerwerbender Fuss zu fassen, dann ist das für alle Beteiligten von Vorteil.

Werden die Euroländer diese Reformen tatsächlich anpacken?
Italien hat in den Abgrund geschaut: Die Italiener haben am Beispiel von Griechenland gesehen, was es heisst, wenn ein Land plötzlich sehr hohe Zinssätze bezahlen muss. Deshalb ist sicherlich ein starker Wille für Reformen vorhanden. Doch es braucht eine völlig neue Denkweise. Und das weiss auch Deutschland. Deshalb wehrt sich Bundeskanzlerin Angela Merkel so stark, im Voraus einen Check zu schreiben.

In den letzten Tagen entbrannte die Diskussion darüber, ob der permanente Rettungsschirm mit einem Kapital von 500 Milliarden Euro gross genug ist. Was finden Sie?
Solange Italien und Spanien ihre auslaufenden Schulden problemlos refinanzieren können, genügt der bisher geplante Rettungsschirm. Doch geraten sie in Schwierigkeiten, reicht auch ein vergrösserter Schirm nicht. Dann geraten Frankreich und letztlich auch Deutschland in Gefahr. Deshalb bereitet der Internationale Währungsfonds weiter gehende Massnahmen vor.

Doch zuerst würde wohl die Europäische Zentralbank (EZB) einspringen und massiv Staatsanleihen kaufen.
Das ist möglich. Aber die EZB muss aufpassen: Auch sie kann nicht unbegrenzt Staatsanleihen kaufen. Denn tut sie dies in einem riesigen Ausmass, wird die Bevölkerung das Vertrauen in die Währung verlieren. Dann kann es zu einer Entwertung des Euro kommen. Und zwar nicht über eine klassische Inflationsspirale, sondern ganz einfach deshalb, weil die Leute nicht mehr daran glauben, dass sie für ihre Euros einen Gegenwert erhalten. Ich will damit nicht sagen, dass wir nahe an diesem Punkt sind. Aber ausgeschlossen ist ein solches Szenario nicht.

Was halten Sie von der Idee, dass die Euroländer gemeinsame Staatsanleihen, sogenannte Eurobonds ausgeben?
Ich glaube, für dieses Instrument fehlt es in Europa an einer wichtigen Voraussetzung – einem Solidaritätsgefühl unter den Einwohnern der Mitgliedsländer. Ein Deutscher hat nicht das Gefühl, dass er einem Griechen besonders nahesteht. Er denkt, er stamme von einem anderen Kontinent.

Derzeit läuft das grosse Rätselraten, ob Griechenland in der Eurozone bleiben wird oder nicht. Was ist Ihre Prognose?
Griechenland hat eine sehr tiefe Wettbewerbsfähigkeit. Das ist noch das grössere Problem als die Schuldenlast. Die Befürworter eines Austritts Griechenlands sagen, dass das Land den Euro wird aufgeben müssen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Da machen sie einen Denkfehler.

Welchen?
Die Befürworter eines Austritts Griechenlands gehen davon aus, dass die Arbeitnehmer nach der Wiedereinführung der Drachme keine Lohnerhöhungen verlangen werden. Doch da habe ich grosse Zweifel. Sie würden eine Halbierung ihrer Kaufkraft nicht einfach hinnehmen, sondern massive Lohnerhöhungen verlangen. Ich fände es die bessere Lösung, wenn der Staat die Beamtenlöhne um zwanzig Prozent senken würde. So kann sich das Land den schmerzhaften Austritt aus der Eurozone ersparen.

Die SVP bezeichnet den Euro als Fehlkonstruktion. Hat sie recht?
Die Eurozone ist sicherlich kein idealer Währungsraum. Aber das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen.

Die Schweizerische Nationalbank hat im September eine Untergrenze für den Euro zum Franken festgelegt. Wie beurteilen Sie das?
Wir leben in einer ausserordentlichen Zeit. Da muss man experimentieren. Steigt der Kurs einer Währung sehr stark an, dann entsteht die Gefahr, dass Industrieunternehmen wegziehen. Ich gehöre nicht zu denen, die Eingriffe in den Devisenmarkt unter allen Umständen ablehnen.

Sie haben sich intensiv mit der Finanzkrise befasst. Haben Wirtschaft und Politik die nötigen Lehren gezogen?
Einige Regulierungen wie höhere Eigenkapitalvorschriften oder die Vorschrift, dass die Banken bereits jetzt festlegen müssen, wie ein Konkurs ablaufen würde, sind sinnvoll. Aber einige Probleme bleiben ungelöst – zum Beispiel die Aufsicht über die Bankenregulatoren.

Wo liegt das Problem?
Die Bankenaufseher sind jetzt in der Krise sehr streng. Doch das ungelöste Problem besteht darin, dass Regulatoren in Boomphasen kaum eingreifen. Sie sehen zwar vielleicht noch das Problem. Aber wenn sie einschreiten würden, würden sich die Gewinner des Booms stark dagegen wehren. Und wenn es einer wagt, ist er seinen Job sehr rasch los.

Vertrauen alle Akteure den Regulatoren zu stark?
Es ist auf jeden Fall falsch, zu denken, die Ursachen der Finanzkrisen lägen allein bei den Banken und indem man den Regulatoren die richtigen Instrumente in die Hand gebe, seien die Probleme gelöst.

Gibt es weitere Problembereiche?
Die riskanten Geschäfte verlagern sich bereits jetzt von den Banken zu anderen Finanzinstituten wie Hedgefonds oder Beteiligungsgesellschaften. Doch hier fehlt jegliche Regulierung.

Die Schweiz hat zwei Grossbanken, deren Bilanzsumme mehrfach so gross ist wie das Bruttoinlandprodukt des Landes. Was empfehlen Sie der Schweiz?
Mit den zwei Grossbanken hat die Schweiz ein echtes Problem. So, wie es wohl nur Island kannte. Doch ich habe keine Wunderlösung. Denn jeder Eingriff verursacht Kosten wie den Verlust von Arbeitsplätzen. Für die Schweiz ist es entscheidend, dass sie eine strengere Bankenregulierung hat als andere Länder.

Wäre eine Aufteilung in mehrere kleinere Banken eine Lösung?
Nicht unbedingt. Es nützt nicht viel, wenn die Banken kleiner, dafür aber schlechter geführt sind.

Und eine gesetzlich verordnete Verkleinerung der Banken?
Grossbritannien geht diesen Weg. Aber ich weiss nicht, ob dies wirklich der beste Weg ist. Aber eines steht für mich fest: Bei der Regulierung muss die Schweiz absolut führend sein.

Erstellt: 28.01.2012, 19:50 Uhr

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