«Europas schmutziges Geheimnis»

Die grossen Medien der Welt haben einen neuen todkranken Patienten ausgemacht. Ist Europa wegen überalterter Bevölkerung und überschuldeten Banken auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Mike Keefe/Denver Post/Cagle

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Ein eingeknickter Eiffelturm vor trostlosem Hintergrund. Man muss nicht Sigmund Freud heissen, um die Botschaft sofort zu entschlüsseln: Europa ist impotent geworden. Das teilt uns der «Economist» in seiner neusten Ausgabe auf der Titelseite unmissverständlich mit. Das renommierte Wirtschaftsmagazin ist dabei in bester Gesellschaft: Alle bedeutenden Publikationen haben in den letzten Tagen Analysen und Leitartikel dem Thema Europa gewidmet, und alle sind mehr oder weniger zum gleichen Schluss gekommen wie das britische Intelligenzblatt: «Die Zeit von Europa ist abgelaufen», heisst es. «Seine älter werdenden, mit sich selbst beschäftigten Bürger haben nicht mehr länger die Kraft, gegen äusseren Widerstand anzukämpfen.»

Das Thema ist nicht ganz neu. Schon zu Beginn der Siebzigerjahre wurde dem alten Kontinent «Eurosklerose» diagnostiziert und über die «amerikanische Herausforderung» diskutiert. Der französische Intellektuelle Jean-Jacques Servan-Schreiber hatte in einem gleichnamigen Buch den Niedergang Europas beschrieben und damit einen unerwarteten Bestseller gelandet. Doch während damals das Thema eher kulturell-kritisch beleuchtet wurde, steht diesmal ein sehr konkretes Problem im Vordergrund: der Zustande der europäischen Banken.

Kein Kredit mehr

In den Augen des «Wall Street Journal» ist die Situation sehr kritisch geworden. «In Dollar notierte Anleihen mit einer Laufzeit von länger als drei Monaten sind den europäischen Banken seit dem April nicht mehr zugänglich», schreibt das Blatt. «Das widerspiegelt die Weigerung der amerikanischen Investoren, Europa Geld zu leihen. US-Banken weigern sich ebenfalls, den europäischen Geldhäusern Kredit auf dem Interbanken-Markt zur Verfügung zu stellen.»

«Newsweek» geht noch einen Schritt weiter: «Europas schmutziges Geheimnis lautet, dass seine Banken maroder sind als Wallstreet», stellt das Nachrichtenmagazin fest und nennt dabei konkrete Zahlen: «Europas Banken haben 2,5 Billionen Dollar in die fünf schwächsten Volkswirtschaften fliessen lassen: Griechenland, Irland, Belgien, Portugal und Spanien.» Bisher ist jedoch nicht klar, welche Banken wie viel Geld wohin verliehen haben. Deshalb brodelt die Gerüchteküche.

Unterkapitalisiert und zu stark verbunden

Im Mittelpunkt stehen dabei deutsche Geldinstitute. Nochmals «Newsweek»: «Die deutschen Banken gehörten zu den grössten Spielern mit ‹Giftmüll›, doch sie operieren nach wie vor hinter einem Schleier. Einige der Landesbanken – öffentliche Banken, die von Politikern überwacht werde – verhielten sich wie Hedge Funds mit einer Bürgschaft des Steuerzahlers.»

Die Kritik an Europa wird nicht nur von Amerikanern und Briten geäussert. Auch Daniel Gros, Direktor des Center for European Policy Studies in Brüssel, stellt fest, dass die europäischen Finanzmärkte unter Stress stehen, weil «Europas Banken unterkapitalisiert und über-verbunden» sind. «Das bedeutet, dass ein Zusammenbruch einer einzigen grossen Institution das gesamte System in Mitleidenschaft ziehen würde», schreibt Gros im «Wall Street Journal».

Wie Japan seinerzeit

Der deutsche Ökonom und Kolumnist der «Financial Times», Wolfgang Münchenau, ist ebenfalls sehr pessimistisch. «Ich befürchte, dass die Eurozone länger in einer Stagnation verharren wird, ähnlich wie Japan in den Neunzigerjahren», lautet seine düstere Diagnose.

Erstellt: 12.07.2010, 19:45 Uhr

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