Fentanyl: Eine Droge breitet sich aus wie eine Epidemie

Prince kostete das hochpotente Schmerzmittel das Leben. Wie der Fentanyl-Handel abläuft, und wer damit ein Riesengeschäft macht.

Der Musiker Prince starb im April an einer Überdosis Fentanyl. Foto: Reuters

Der Musiker Prince starb im April an einer Überdosis Fentanyl. Foto: Reuters

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Die Droge, die Prince das Leben kostete, breitet sich in den USA wie eine Epidemie aus. Fentanyl ist so stark, dass nur schon der Kontakt über die Haut abhängig machen kann. Hunderte von Amerikanern sind in den letzten drei Jahren daran verstorben. Für die mexikanischen Drogenkartelle ist das opiathaltige Schmerzmittel äusserst profitabel.

Noch ist nicht geklärt, unter welchen Umständen Prince im April gestorben ist. Die Autopsie ergab, dass er eine Überdosis Fentanyl in seinem Körper hatte und sein Tod als «Unfall» zu beurteilen ist. Der 57-Jährige litt an chronischen Schmerzen und liess sich vor zehn Jahren an der Hüfte operieren. Seitdem nahm er handelsübliche opiathaltige Schmerzmittel zu sich, soll aber nicht davon abhängig gewesen sein.

Von wem er das nur für Schwerstleidende vorgesehene Fentanyl erhalten hat und ob die Dosis von Ärzten überwacht wurde, ist unklar. Sicher ist aber, dass Fentanyl bis zu 40-mal stärker wirkt als Heroin. Diese Potenz habe das Schmerzmittel in den letzten drei bis vier Jahren zur Droge der Schwerstsüchtigen gemacht, heisst es im Jahresbericht der Drug Enforcement Administration (DEA) – und auch zur Droge erster Wahl der Dealer. Die Zahl der beschlagnahmten illegalen Fentanyl-Sendungen aus Mexiko ist zwischen 2010 und 2015 um das 20-Fache gestiegen und stellt heute «eine nie da gewesene Bedrohung für die öffentliche Gesundheit» dar.

Führend im Fentanyl-Schmuggel ist das Sinaloa-Kartell, dessen Boss Joaquin «El Chapo» Guzman in Mexiko auf die Auslieferung an die USA wartet. Doch auch die anderen sechs grossen Drogenbanden sind am Fentanyl-Handel be­teiligt und haben nach Darstellung der US-Ermittlungsbehörden inzwischen den US-Markt «total unter Kontrolle gebracht».

«Fentanyl tötet»

Gegenüber Heroin hat das Schmerzmittel einen doppelten Vorteil: Die Pillen sind einfach und billig herzustellen, und sie werfen einen ungleich höheren Profit ab. Die Zusatzstoffe werden überwiegend aus China importiert, teilweise auch aus Russland, der Ukraine, Schweden und Dänemark. Verteilt wird das Mittel über die gleichen Kanäle wie Heroin entlang der nationalen Nord-Süd-Highways, was auch erklärt, weshalb sich die Fentanyl-Epidemie rasch auch in nördliche Bundesstaaten wie New Hampshire, Massachusetts und Minnesota – dem Wohnort von Prince – ausbreitete. «Fentanyl bringt unsere Mitbürger um», sagte dieses Frühjahr Nick Willard, der Polizeikommandant von Manchester (New Hampshire), vor dem US-Kongress.

Die Lage ist dramatisch: 2013 musste die Polizei in Manchester 14 Drogen­abhängige tot bergen, davon einen mit einer Fentanyl-Vergiftung. Letztes Jahr kamen in Manchester 69 Abhängige ums Leben; mehr als zwei Drittel davon starben an einer Überdosis Fentanyl.

80'000 Dollar pro Kilo

Die mexikanischen Drogenkartelle können ein Kilo Fentanyl-Zutaten in China für weniger als 5000 Dollar kaufen und dank seiner hohen Wirksamkeit mithilfe von Talkpulver auf 10 bis 24 Kilo strecken. In den USA können sie dafür 80'000 Dollar pro Kilo verlangen. Eine Investition von 5000 Dollar ergibt somit einen Bruttogewinn von rund 1,6 Millionen Dollar. Das ist 20-mal mehr, als man mit Heroin verdienen kann. Die Kartelle hätten ein Gespür für den US-Markt entwickelt, meint der stellvertretender DEA-Direktor Jack Riley. Die Drogenbosse hätten schnell begriffen, dass die US-Behörden dem Missbrauch eines anderen opiathaltigen Schmerzmittels, Oxycodin, einen Riegel vorschieben wollten, und seien deshalb auf die stärkere und schwieriger zu entdeckende Alternative ausgewichen.

Fentanyl wird seit den 60er-Jahren als Schmerzmittel für Schwerstkranke verschrieben. Es wird legal als Pille, als Pflaster und in Form einer Lutschtablette verkauft. Illegal kommt es vorwiegend als Pulver in den Handel, wird aber oft mit Heroin verschnitten, um die Wirkung zu erhöhen. Der Schmerzmittel-Missbrauch in den USA ist eine nationale Tragödie, vor allem in den ländlichen und wirtschaftlichen schwachen Regionen. Ärzte müssen dafür eine besondere Verantwortung übernehmen, werden doch 75 Prozent der weltweit produzierten opiathaltigen Präparate in den USA verschrieben. Ob Prince seine Dosis von einem Arzt bekam oder von einem Dealer erwarb, ist noch nicht geklärt.

Erstellt: 11.07.2016, 22:17 Uhr

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