Franken-Knick: Jetzt drehen die Kapitalströme

Ist die Schweizer Währung nun ­dauerhaft geschwächt, oder ist dies nur ein Strohfeuer? Die Einschätzungen von Experten.

Funktionswechsel: Der Schweizer Franken wird zurzeit nicht mehr als sicherer Hafen genutzt.

Funktionswechsel: Der Schweizer Franken wird zurzeit nicht mehr als sicherer Hafen genutzt. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Der rasche und starke Anstieg des Euro-Franken-Kurses in den letzten Wochen ist das Wirtschaftsereignis dieses Sommers. Gestern Morgen kostete der Euro zum ersten Mal seit der Aufhebung der Kursuntergrenze von 1.20 Franken pro Euro im Januar 2015 wieder 1.15 Franken. Noch Mitte Juli lag der Kurs der ­Gemeinschaftswährung bei rund 1.085 Franken. Die Analysten von Bank of America Merrill Lynch vergleichen diesen Kursanstieg bzw. die Wertabschwächung des Frankens mit der Bedeutung, die im Vorjahr die Folgen des Brexit auf das Pfund hatten, oder mit der Abwertung des chinesischen Renminbi vor zwei Jahren. Alle diese Ereignisse hätten gleichermassen im Sommer die Kapital- und Währungsmärkte bewegt. Den Kurssprung des Frankens bezeichnen sie nicht nur als Überraschung, weil er in der jüngsten Geschichte des Frankens einmalig sei, sondern auch, weil ein unmittelbarer Auslöser fehle.

Weiterhin überbewertet

Gemessen an seiner Kaufkraft ist der Franken nach Ansicht der meisten Analysten und der Schweizerischen Nationalbank (SNB) auch beim neuen Kurs noch überbewertet. Dass er es zuvor noch viel mehr war, hätte jederzeit einen Anstieg des Euro-Franken-Kurses gerechtfertigt. Doch die Bewertung spielt keine Rolle, wenn eine Währung gekauft wird, weil sie den Ruf als «sicherer ­Hafen» hat, wie das beim Franken ganz besonders in der Zeit der verschärften Eurokrise der Fall war. Um der Euroaufwertung etwas entgegenzusetzen, musste die Schweizerische Nationalbank deshalb immer wieder mit gigantischen Summen Devisen kaufen. Vom Sommer 2011 bis zum Januar 2015 hat sie einen Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro eingeführt, den sie auch relativ gut verteidigen konnte. Danach fiel der Kurs erneut und schwankte meist um Werte zwischen 1.08 und 1.09 Euro.

Der jüngste Kursanstieg ist nicht mehr die Folge von SNB-Interventionen. Die Analysten sind sich einig darin, dass der Franken momentan seine Funktion als sicherer Hafen aufgegeben hat. In Europa herrscht aktuell viel Optimismus, der auch durch bessere Wachstumszahlen und ein nach der Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten zumindest im Moment stabileres politisches Umfeld getragen wird.

Infografik: Der Euro wieder bei 1.15Grafik vergrössern

Eine Folge davon ist, dass sich die ­Kapitalströme umzudrehen beginnen, wie das Analysehaus Oxford Economics schreibt. In der Zeit der ausgeprägten Frankenstärke haben die Schweizer das Geld, das ihnen aus den Nettoexportüberschüssen zufloss, nicht wie in gewöhnlichen Zeiten wieder im Ausland investiert, sondern wegen der Sorge um die dortige Entwicklung in der Schweiz belassen. Die Frankenaufwertung war dann die zwingende Folge – deshalb musste die Notenbank in die Bresche springen und ihrerseits Franken exportieren, indem sie in grossem Stil Devisen kaufte.

Wie Oxford Economics schreibt, investieren jetzt die Schweizer deutlich mehr im Ausland als noch zuvor. Ein Grund dafür ist neben einer grösseren Risikobereitschaft aber auch die wachsende Zinsdifferenz zwischen der Schweiz und dem europäischen Ausland. Vor allem die Rendite der als sicher geltenden deutschen Staatsanleihen ist deutlich stärker gestiegen als jene der Staatsanleihen in der Schweiz. Zehnjährige Anleihen der Eidgenossenschaft rentieren aktuell mit 0 Prozent, die entsprechenden deutschen Anleihen mit knapp 0,5 Prozent.

Die Analysten von Morgan Stanley führen noch eine weitere Entwicklung auf den Kapitalmärkten ins Feld, die vor allem die rasche Abwertung des Frankens (bzw. dessen Kursanstieg) erklärt. Der Franken wird wie schon zu früheren Zeiten wieder für sogenannte Carry Trades verwendet: Angesichts der tiefen und negativen Zinsen in der Schweiz lohnt es sich für internationale Devisenhändler, Kredite in Schweizer Franken aufzunehmen, diese dann gegen Währungen von Ländern mit höheren Zinsen zu verkaufen und die Mittel dort ­anzulegen. Die Frankenverkäufe zu diesem Zweck schwächen die Schweizer Währung ab.

Zu früh für eine Entwarnung

Trotz diesen Entwicklungen sind die meisten Ökonomen aber vorsichtig, bereits das Ende des Frankenhochs auszurufen. Dabei verweisen sie auf die anhaltenden Strukturprobleme in der Eurozone, aber auch auf die politischen Unsicherheiten, die etwa im Zusammenhang mit den Wahlen in Italien wieder aufflammen können. Wie genau es mit dem Franken weitergeht, darüber herrscht unter den Marktbeobachtern keine Einigkeit. Während zum Beispiel Oxford Economics und auch die UBS noch einen weiteren Anstieg des Euro-Franken-Kurses erwarten, rechnet man bei der Zürcher Kantonalbank wieder mit einem Erstarken, konkret mit einem Kurs von 1.12 Franken pro Euro in drei Monaten.

Einig sind sich praktisch alle Marktbeobachter, dass die Schweizerische Nationalbank trotz der abgeschwächten Währung ihre Politik noch für längere Zeit nicht ändern wird. Laut Daniel Kalt, dem Schweizer Chefökonomen der UBS, könnte die SNB frühestens Mitte nächstes Jahr die Zinsen ein erstes Mal anheben. Die Frage sei aber: «ob sie das machen kann, bevor die Europäische Zentralbank ihre Leitzinsen von derzeit 0 Prozent anhebt». Das wird jene gemäss ihren bisherigen Verlautbarungen eher später als vor Mitte 2018 tun.

Jetzt erst mal durchatmen. So lässt sich die Stimmung in jenen Wirtschaftszweigen umreissen, die vom Aussenwert des Frankens in besonderem Masse abhängig sind. Die Vertreter von Hotellerie, Industrie sowie Detailhandel mögen denn auch so lange nicht von einer durchgreifenden Entspannung der Lage sprechen, bis sich die Abschwächung des Frankens als nachhaltig erweist.

«Zuallererst muss der sinkende Kursverlauf beim Franken fortbestehen, und dieser muss in den Köpfen ankommen», sagte Lorenzo Schmiedke, Sprecher von Hotelleriesuisse. «Dies würde sich dann gewiss positiv auf die Buchungen deutscher, niederländischer oder belgischer Touristen im Winter, allenfalls schon im Herbst auswirken.» In ähnlicher Weise äusserte sich Ivo Zimmermann, Sprecher von Swissmem, dem Branchenverband von Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie: «Falls sich der Franken gegenüber dem Euro nicht wieder aufwertet, wird sich dies bei konstanter Auftragslage positiv auf die Geschäftszahlen und die diesjährigen Jahresabschlüsse der MEM-Firmen auswirken.» Gleichzeitig will Zimmermann die Wirkung der jüngsten Kursverschiebungen – der Franken hat sich in den vergangenen zehn Tagen zum Euro um mehr als 4 Prozent verbilligt – aber nicht kleinreden. «Die schwierige Margensituation in sehr vielen Unternehmen entspannt sich dadurch.»

Anhaltender Einkaufstourismus

Wie Schmiedke herausstrich, ist die mit der Frankenabwertung einhergehende verbesserte Wettbewerbsfähigkeit von Hotelbetrieben nur eine Seite der Medaille. «Nicht minder wichtig ist die treibende Kraft hinter der Entwicklung auf den Devisenmärkten: dass es dem Euroraum wirtschaftlich wieder besser geht», so der Hotelleriesuisse-Sprecher. Dies wirke sich günstig auf die Ausgabefreudigkeit und die Reiselust der Leute aus – wobei immer auch das Wetter und die Sicherheitslage wesentlichen Einfluss auf die Wahl der Destination hätten.

Vom leichten Optimismus im Beherbergungsgewerbe, auch dank der zuletzt gestiegenen Zahl der Logiernächte und der günstigeren Branchenprognosen, ist im Detailhandel nichts zu spüren. «Die jüngste Abwertung des Frankens führt nach unseren Erfahrungen kurz- bis mittelfristig kaum zu einer Abnahme des Einkaufstourismus», resümierte Patrick Marty, Sprecher der Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz, in der die grösseren Akteure wie Coop und Migros vereint sind. «Dafür müsste der Franken schon deutlicher nachgeben.»

Ähnlich die Optik von Dagmar Jenni, Geschäftsführerin der mittelständisch ausgerichteten Swiss Detail Federation: Nachdem sich der Einkaufstourismus im letzten Jahr auf hohem Niveau eingependelt habe, hoffe man, dass der schwächere Franken die Stagnation verstärke oder sogar zu einem Rückgang führe. «Kurzfristig rechnen wir aber nicht mit einer bedeutenden Entschärfung», relativierte Jenni. Beim Einkauf im Ausland gehe es neben den Preisen auch um das Sortiment und die Öffnungszeiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2017, 23:06 Uhr

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