Franken-Kurs schafft neuen Spielraum für Nationalbank

Auf keinen Fall werde die SNB die Zinsen vor der EZB anheben – das war bisher Konsens. Aber der bröckelt nun.

Hält den gegenwärtig schwächeren Franken nicht für unantastbar: Fritz Zurbrügg, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB).

Hält den gegenwärtig schwächeren Franken nicht für unantastbar: Fritz Zurbrügg, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Solange die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Zinsen nicht anhebt, wird das auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) nicht können. Deshalb wird es noch sehr lange dauern, bis in der Schweiz die vor allem bei den Banken äusserst unbeliebten Negativzinsen wieder verschwinden. Das zumindest war bisher eine weitverbreitete Erwartung unter Ökonomen. Der Grund ist einfach: Eine Zinserhöhung durch die SNB ohne vorgängiges Handeln der EZB würde den Abstand des Schweizer Zinsniveaus zu jenem in der Eurozone verringern und damit Anlagen in Frankenanleihen relativ attraktiver machen. Zu befürchten wäre dann eine erneute Aufwertung des Frankens. Und das will die Nationalbank auf jeden Fall verhindern. Ihre ganze Politik der letzten Jahre hatte kein anderes Ziel.

Und doch könnte es anders kommen. So erwartet man zum Beispiel bei der UBS, dass die Nationalbank schon Ende nächsten Jahres erstmals die Zinsen wieder anhebt. Von der Europäischen Zentralbank wird das erst Mitte 2019 erwartet. Die EZB will erst ihr Anleihenkaufsprogramm (zum grössten Teil Staatsanleihen) auslaufen lassen. Gemäss ihrer letzten Verlautbarung dazu will sie noch mindestens bis zum September 2018 monatlich netto Anleihen im Umfang von 30 Milliarden Euro kaufen – nach monatlich 60 Milliarden bis Ende 2017. Mit einer Zinserhöhung ist gemäss EZB erst deutlich nach dem Auslaufen dieser Käufe zu rechnen. Ein Zeitpunkt im nächsten Jahr ist damit so gut wie ausgeschlossen und die Annahme der UBS, dass dies erst Mitte 2019 der Fall sein wird, ist plausibel.

Laut Analysten ist die Überbewertung Vergangenheit

Für die Erwartung einer schon früheren Zinserhöhung durch die Nationalbank spricht vor allem die Entwicklung und der Stand des Euro-Franken-Kurses. Aktuell notiert ein Euro auf den Devisenmärkten bei einem Preis von knapp unter 1.17 Franken. Noch im Frühsommer kostete die Gemeinschaftswährung bloss etwas mehr als 1.08 Franken. Der Franken hat sich damit gegenüber dem Euro in rund einem halben Jahr um rund 8 Prozent abgewertet.

Seit dem Schock vom Januar 2015 hat sich der Euro-Franken-Kurs wieder erholt.

Der deutlich abgeschwächte Franken gibt der Nationalbank deutlich mehr Spielraum. Auf Devisenkäufe kann sie schon seit mehreren Monaten verzichten. Sie waren auch nicht der Grund für die jüngste Abschwächung des Frankens. Gemäss heute von der SNB publizierten Zahlen sind ihre Devisenreserven sogar von 742 Milliarden Franken Ende Oktober bis Ende November auf 738 Milliarden Franken leicht gesunken.

Dazu kommt, dass die meisten Marktbeobachter nicht mit einer erneuten Frankenaufwertung rechnen. Gemäss einer Umfrage der Credit Suisse und dem CFA-Analystenverband sehen die meisten Analysten den fairen, also kaufkraftbereinigten Wert des Eurokurses bei zwischen 1.10 und 1.20 Franken. Das würde bedeuten, dass die Schweizer Währung nicht mehr überbewertet ist.

Alessandro Bee, Ökonom der UBS, sieht neben dem Frankenkurs auch weitere Entwicklungen, die für einen Zinsanstieg der SNB vor der EZB sprechen. «Die positiven jüngsten Daten aus der Schweizer Wirtschaft zeigen, dass der Frankenschock bald überwunden ist», ist eines seiner Argumente. Ausserdem habe eine geringere Differenz zwischen den Leitzinsen in der Schweiz und jenen in der Eurozone künftig eine kleinere Bedeutung, weil auch dort mit wieder höheren Zinsen gerechnet würde. Das kann dazu führen, dass die Kapitalmarktzinsen schon vor einer Reaktion der EZB bei den Leitzinsen ansteigen. «Wir gehen von leicht steigenden Zinsen im Euroraum aus», sagt Alessandro Bee. Damit würde kein erneuter Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken entstehen.

Die SNB betont weiter die Risiken

Mit der Normalisierung des Frankenkurses und der wirtschaftlichen Lage in Europa kann die Schweizerische Nationalbank laut dem UBS-Ökonomen sich auch wieder anderen Zielen als der Verhinderung der Währungsaufwertung zuwenden: etwa der Entlastung des Finanzsystems mit steigenden Zinsen. «Auf den Märkten ist man immer weniger auf die Negativzinsen fokussiert, man sieht nicht mehr nur die Risiken», sagt Alessandro Bee.

Zumindest in ihren offiziellen Verlautbarungen ist man mit einem solchen Optimismus bei der SNB noch vorsichtig und betont weiterhin die Risiken. Erst Anfang November hat SNB-Vizepräsident Fritz Zurbrügg am Rande einer Veranstaltung erklärt, der Franken habe seine Funktion als sicherer Hafen beibehalten. Er sei nach wie vor hoch bewertet. Zudem könne irgendwas passieren, das eine erneute Aufwertung bewirken könne. Man könne deshalb nicht davon ausgehen, dass das gegenwärtige Niveau «unantastbar» sei.

Eine andere Argumentation bleibt der Nationalbank allerdings auch nicht übrig, solange sie an ihrer gegenwärtigen Politik mit einem Leitzins von minus 0,75 Prozent und Gebühren von 0,75 Prozent auf einem Teil der Bankeinlagen auf den SNB-Konten festhält. Die Erfahrung mit dem von der SNB festgelegten Mindestwährungskurs, den die SNB noch bis kurz vor seiner Aufgabe argumentativ verteidigt hatte, zeigt allerdings, dass aus Äusserungen, wie den jüngsten von SNB-Vize Zurbrügg, keine Prognosen für die künftige Geldpolitik abgeleitet werden können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.12.2017, 11:09 Uhr

Artikel zum Thema

Thomas Jordan erteilt Donald Trump eine Lektion

Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank hat auf die Kritik aus den USA an seiner Geldpolitik reagiert. Mehr...

Starker Euro lässt SNB-Gewinn explodieren

Die Schweizerische Nationalbank fährt im dritten Quartal einen Gewinn von über 30 Milliarden Franken ein. Nach neun Monaten zeichnet sich ein Rekordergebnis fürs Gesamtjahr ab. Mehr...

Noch lange keine Normalisierung

Kommentar Trotz Geldschwemme erreicht die Europäische Zentralbank die Zielinflation noch nicht. Der Schweizer Nationalbank sind deshalb vorerst die Hände gebunden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog «Beide Elternteile sollten 80 Prozent arbeiten»

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...