G-20-Minister streiten über die Wechselkurse

Die Schwächung des Yen dürfte am bevorstehenden Treffen in Moskau im Zentrum der Kritik von Schwellen- an Industrieländern stehen. Die G-7-Staaten stehen hinter Japan.

Besorgniserregender Sinkflug: Eine Anzeige des Yen-Kurses in Tokyo. (6. Februar 2013)

Besorgniserregender Sinkflug: Eine Anzeige des Yen-Kurses in Tokyo. (6. Februar 2013) Bild: AFP

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Wenn sich die Finanzminister und Notenbankchefs der G-20-Länder, der wichtigsten Industrie- und Schwellenstaaten, am Freitag in Moskau einfinden, dürften die Wechselkurse und die vielerorts heraufbeschworene Gefahr eines internationalen Abwertungswettlaufs das vorherrschende Thema sein. Insbesondere Japan wird sich dabei einige Kritik anhören müssen. Der Vorwurf: Die neue Regierung unter Shinzo Abe habe Japans Notenbank zu einer radikalen Öffnung ihrer Geldschleusen gedrängt, mit dem Ziel, den Yen zu schwächen und damit den eigenen Exporteuren einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Wortführer der Anklage werden wohl kaum die übrigen in Moskau vertretenen führenden Industriestaaten sein. Ihr Club, die G-7, hat am Dienstag vielmehr seine Reihen geschlossen – mit der Veröffentlichung einer Erklärung, in der die Mitgliedsländer ihr Bekenntnis zu marktbestimmten Wechselkursen bekräftigen und eine enge gegenseitige Abstimmung bei Aktionen an den Devisenmärkten geloben. Zugleich beteuern die USA, Japan, Kanada, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Italien, ihre fiskal- und geldpolitischen Massnahmen seien auf die Erreichung der jeweiligen inländischen Ziele ausgerichtet gewesen, und das werde so bleiben; die Beeinflussung der Wechselkurse sei damit nicht beabsichtigt.

Verständnis für Japan

Letztere Passage kommt einer Entlastung Japans vom Vorwurf des Wechselkurs-Dumpings gleich. Was der japanische Finanzminister Taro Aso nach Verbreitung des G-7-Communiqués sogleich gebührend herausstrich: «Die G-7 haben voll anerkannt, dass die von uns unternommenen Schritte zur Bekämpfung der Deflation nicht darauf ausgerichtet sind, die Devisenmärkte zu beeinflussen.»

Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangte Thomas Jordan, der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Japan antworte mit seinen Massnahmen auf die Probleme im eigenen Land, sagte Jordan am Dienstag auf einer Veranstaltung in Genf. Die japanische Notenbank versuche, so Jordan, gegen Deflationsrisiken vorzugehen und das Wachstum zu stimulieren.

Schwellenländer als Verlierer

Auf so viel Wohlwollen können die japanischen Abgesandten in Moskau bei den Schwellenländern nicht zählen. Kritische Fragen werden zum einen Länder wie Südkorea aufwerfen, die als direkte Exportkonkurrenten nach dem jüngsten Kursrückgang des Yen die eigene Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt sehen. Der koreanische Won hat gegenüber der japanischen Valuta seit Anfang 2012 um ungefähr ein Viertel zugelegt.

Gegen die japanische Geldpolitik wie auch gegen die von der US-Notenbank betriebene Liquiditätsschwemme wird in der russischen Hauptstadt ferner Brasiliens Finanzminister Guido Mantega wettern – also jener Mann, der 2010 den heute so viel zitierten Begriff Währungskrieg ins Leben rief. Brasilien sowie andere Schwellenländer bekommen vor allem die Kehrseite der enormen Marktliquidität zu spüren – in Form spekulativer Kapitalzuflüsse, die ihre Währungen und somit ihre Exporte verteuern.

Damit nicht genug: Die Schwellenländer halten auch den grössten Teil ihrer Devisenreserven in Währungen der G-7-Staaten, und sie sind bedeutende Gläubiger eben dieser – hoch verschuldeten – Industriestaaten. Eine Abwertung der G-7-Valuten, ob beabsichtigt oder nicht, und eine damit verbundene Inflationierung in den betreffenden Staaten würde die aufstrebenden Länder, die zig Millionen Menschen aus der Armut in Lohn und Brot führen müssen, mithin doppelt oder dreifach treffen. Ihre Ängste vor einem Abwertungswettlauf in der industrialisierten Welt erscheinen vor diesem Hintergrund nachvollziehbar.

Hildebrands Sicht der Dinge

Eine andere Sicht der Dinge legt der frühere SNB-Präsident Philipp Hildebrand dar. In einem Beitrag für die Dienstagausgabe der «Financial Times» führte er aus, die Notenbanken in den industrialisierten Staaten würden einfach das tun, was von ihnen zu erwarten sei und was sie schon immer getan hätten. Nämlich Geldpolitik in Einklang mit ihren jeweiligen Mandaten zu betreiben. Das Einzige, was sich seit der Finanzkrise geändert habe, sei der Rückgriff der Währungshüter auf unkonventionelle Massnahmen (wie die massiven Anleihenaufkäufe der Notenbanken in den USA und Grossbritannien).

Mit Blick auf Japan, wo die durchschnittliche Teuerungsrate seit mehr als einem Jahrzehnt negativ ist, meinte der frühere Nationalbankpräsident, ein derartiges Umfeld würde kein Industrieland tolerieren. Dass die monetären Massnahmen der Notenbanken, wie die Geldpolitik allgemein die nominalen Wechselkurse beeinflusse sollte laut Hildebrand niemanden überraschen. Solange damit begründete Vorgaben angestrebt würden, seien diese Währungsverschiebungen als Teil eines natürlichen Anpassungsprozesses zu akzeptieren.

Erstellt: 13.02.2013, 08:04 Uhr

Philipp Hildebrand (l.) und Thomas Jordan. (Bild: Keystone )

Guido Mantega (l.) und Shinzo Abe. (Bild: Reuters )

(Bild: TA-Grafik)

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