Generation Krise

Schulden abbauen und Bargeld horten: In den fünf Jahren seit der Lehman-Pleite haben Konsumenten und Investoren ihr Verhalten stark verändert. Experten sprechen von einem neuen Bewusstsein.

«Mit verringerten Erwartungen gross geworden»: Junge Arbeitslose machen in London auf ihre Situation aufmerksam. (Archiv)

«Mit verringerten Erwartungen gross geworden»: Junge Arbeitslose machen in London auf ihre Situation aufmerksam. (Archiv) Bild: AFP

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Fünf Jahre nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und der davon ausgelösten weltweiten Finanzkrise halten sich die Konsumenten in wichtigen Industrie- und Schwellenländern mit Investitionen noch immer zurück. Sie sind vorsichtig geworden und wollen mit ihrem Geld keine Risiken eingehen.

Eine Analyse der Nachrichtenagentur AP von Haushalten in den zehn grössten Volkswirtschaften zeigt, dass Familien beim Konsum weiterhin zögern und Hunderte Milliarden Dollar aus den Aktienmärkten zurückgezogen haben. Erstmals seit Jahrzehnten nahmen sie weniger Kredite auf und legten ihr Geld in Sparplänen und Rentenpapieren an, deren Zinsertrag häufig sogar unter der Inflationsrate liegt.

Gewandelte Einstellung zum Risiko

«Es braucht nicht viel, um Vertrauen zu zerstören. Aber es braucht sehr viel, um es wieder aufzubauen», sagt Ian Bright, Ökonom bei der ING-Bank in Amsterdam. «Die Einstellung zum Risiko hat sich dauerhaft gewandelt.» Eine Flucht in Sicherheiten in solch globalem Ausmass ist beispiellos seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Folgen sind weitreichend: Schulden zu vermeiden und weniger Geld auszugeben mag gut für die Finanzsituation einer einzelnen Familie sein. Doch wenn Hunderte Millionen Menschen nach dieser Devise leben, kann das die Weltwirtschaft abwürgen.

Die AP analysierte Daten, die zeigen, was Verbraucher mit ihrem Geld in den fünf Jahren vor Beginn der Grossen Rezession im Dezember 2007 und den fünf Folgejahren bis Ende 2012 machten. Der Schwerpunkt lag auf den zehn grössten Volkswirtschaften – den USA, China, Japan, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Brasilien, Russland, Italien und Indien. In ihnen lebt die Hälfte der Weltbevölkerung, und sie verfügen über 65 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Flucht aus Aktien

Die Analyse ergab unter anderem, dass die Menschen auf der Suche nach Sicherheit aus Aktien flüchteten, obwohl die Kurse nach dem Krisentief Anfang 2009 steil nach oben gingen. Investoren in den zehn Ländern zogen in den fünf Jahren nach der Krise 1,1 Billiarden Dollar oder zehn Prozent ihres Bestand von zu Beginn dieses Zeitraums aus Aktienfonds ab, wie aus Zahlen des Anbieters von Fondsinformationen Lipper Inc. hervorgeht. US-Bürger verkauften demnach neun Prozent ihres Bestandes, die Deutschen 13 Prozent, Italiener und Franzosen sogar jeweils mehr als 16 Prozent.

Zugleich scheuten die Menschen vor dem Schuldenmachen zurück. In den fünf Jahren vor der Krise stieg die Haushaltsverschuldung nach Zahlen der Credit Suisse in den zehn Ländern um 34 Prozent. Nach Beginn der Krise traten die Menschen auf die Kreditbremse. Die Verschuldung pro Erwachsenem fiel in diesen Staaten in den viereinhalb Jahren nach 2007 um ein Prozent. Ein derartig gleichmässiger Rückgang ist nach Angaben von Experten seit Ende des Zweiten Weltkriegs beispiellos. Die Menschen wollten sich von Schulden befreien, obwohl die Kreditzinsen auf ein Rekordtief fielen.

«Eine ganze neue Generation»

Zu normalen Zeiten hätte dies einen Kreditboom ausgelöst. «Eine ganze neue Generation von Erwachsenen ist in einer Zeit verringerter Erwartungen gross geworden», sagt Mark Vitner von der viertgrössten US- Bank Wells Fargo. «Sie werden kaum Schulden anhäufen wie ihre Vorgänger.»

Auf der Suche nach Sicherheit steigerten die Haushalte in den sechs grössten Volkswirtschaften ihre Bargeldbestände nach Angaben der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in den fünf Jahren nach der Krise um 3,3 Billiarden Dollar oder 15 Prozent. Dies ist auch deshalb bemerkenswert, weil zu dieser Zeit die Arbeitslosigkeit deutlich stieg, die Löhne und Gehälter nur langsam zulegten und die Menschen gleichzeitig Schulden in Milliardenhöhe zurückzahlten.

Die alten Muster sind passé

Um ihre Verschuldung zu begrenzen und mehr zu sparen, kürzten die Haushalte ihre Ausgaben. Inflationsbereinigt stieg der weltweite Konsum in den fünf Jahren nach der Krise jährlich um 1,6 Prozent, wie die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers ermittelte. Damit war das Wachstum etwa halb so hoch wie vor der Krise und stieg nur wenig mehr als die Bevölkerungszahl in diesen Jahren. Die Verbraucherausgaben sind von entscheidender Bedeutung, da sie mehr als 60 Prozent des BIP ausmachen.

Irgendwann werden Verbraucher ihre Ängste ablegen und wieder Geld ausgeben. Dass sie in alte Konsummuster zurückfallen, erwarten aber nur wenige Experten. Ein Grund dafür ist, dass die Boomjahre vor der Krise nicht von gesunden Lohnsteigerungen, sondern von einer enormen Verschuldung von Familien getrieben wurden.

«Die Antwort ist nein»

Die gute Nachricht ist, dass viele Menschen ihre persönlichen Vermögensverhältnisse inzwischen in Ordnung gebracht haben. Doch manche Fachleute sind der Ansicht, dass die psychologischen Auswirkungen der Finanzkrise so schwerwiegend sind, dass die Haushalte ihre Kreditaufnahme und ihren Konsum für mindestens weitere fünf Jahre nicht auf ein Mass steigern werden, das als normal betrachtet würde.

«Je weiter man sich vom Gemetzel von 2008/09 entfernt, desto schwächer wird die Erinnerung daran», sagt Stephen Roach, früherer Chefökonom bei der Investmentbank Morgan Stanley. «Aber kehren wir zur Fremdkapitalaufnahme und Verbrauchernachfrage zurück, die wir früher hatten und die die Dinge ins Lot brachten? Die Antwort ist nein.»

Erstellt: 07.10.2013, 21:39 Uhr

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