Gestörte Kommunikation

Was bringt es, wenn Manager an die Politik appellieren? Fachleute sind skeptisch.

Wirtschaft und Politik: Ex-Banker Joe Ackermann plädierte am «Tages-Anzeiger»-Meeting für ein stärkeres Engagement der Wirtschaft in der Politik. Foto: Reto Oeschger

Wirtschaft und Politik: Ex-Banker Joe Ackermann plädierte am «Tages-Anzeiger»-Meeting für ein stärkeres Engagement der Wirtschaft in der Politik. Foto: Reto Oeschger

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Und plötzlich scheint sich sich die Wirtschaft wieder an die Politik heranzutasten. Ende Januar war es der Ex-Banker Joe Ackermann, der beim «Tages-Anzeiger»-Meeting im Schiffbau in Zürich für ein stärkeres Engagement der Wirtschaft in der Politik plädierte. Zwischen den beiden Polen sei ein offener Dialog nötig; die Bereitschaft zum gegenseitigen Verständnis müssten zunehmen und die Polarisierung abnehmen.

Wenige Tage zuvor hatte der Unternehmer und Milliardär Hansjörg Wyss den Initianten von «Raus aus der Sackgass» seine Unterstützung zugesichert. Sie sammeln Unterschriften, um die Zuwanderungskontingente wieder aus der Verfassung zu streichen.

Und nun appelliert UBS-Chef Sergio Ermotti im «Tages-Anzeiger» an die Politik, die durch den hohen Frankenkurs und die Einwanderungsinitiative belastete Wirtschaft von geplanten regulatorischen Verschärfungen und steuerlichen Mehrbelastungen zu verschonen. Und er fordert ein «geeintes Auftreten von Politik und Wirtschaft».

Nun ist es nicht so, dass sich Wirtschaft und Politik auf völlig getrennten Pfaden bewegen. Über Economiesuisse, Thinktanks und Branchenverbände weiss die Wirtschaft ihre Forderungen ins politische Räderwerk einzubringen. Doch die Abstimmungsflops mit der Minder- und der Masseneinwanderungsinitiative zeigten, wie fatal es ist, wenn die Wirtschaft und ihre Verbände in der öffentlichen Diskussion nur zögerlich mitmachen. Braucht es also mehr laute Stimmen?

Verschwundene Unternehmer

Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann winkt ab. Politische Forderungen in isolierten Aktionen aufzustellen, würde kaum etwas bringen. Für ihn liegt das Problem viel tiefer. Mit dem Eisenbahnbauer Peter Spuhler und Christoph Blocher seien die letzten Unternehmer aus dem Parlament verschwunden. Die Anforderungen an das Führungspersonal liessen keine politischen Betätigungen mehr zu. Den Wirtschaftsverbänden fehlten somit die Verbündeten im Parlament, um ihre Anliegen durchbringen zu können.

Der Berner Publizist und TA-Kolumnist Rudolf Strahm konstatiert ebenfalls, dass sich die Wirtschaft aus der Politik verabschiedet habe. Die international rekrutierten Manager könnten sich nicht mehr in die Schweiz «hineindenken». Thomas Held, Ex-Avenir-Suisse-Vordenker, gab im letzten Jahr in einem Interview mit SRF allerdings einen Tipp, wie man dagegen angehen könnte: In den Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen gebe es durchaus Ausländer, die «eine starke Bindung» zur Schweiz hätten. Die Politiker «müssten sich vermehrt diesen an der Schweiz interessierten Eliten zuwenden», meinte Held.

Sie müssten wohl die Kluft überspringen, die Joe Ackermann am «Tages-Anzeiger»-Meeting thematisiert hatte. Die Entfremdung der Bevölkerung gegenüber den Eliten gehe auch auf deren Versagen zurück. Der Banker zählte dabei auch den Vertrauensverlust auf, den sich der Finanzsektor in den letzten Jahren zuschulden kommen liess.

Topmanager, die – wie jetzt Ermotti – laut und deutlich sagen, was sie denken, risikieren heftige Gegenreaktionen, wie das Beispiel von Lukas Mühlemann zeigt. Vor 15 Jahren erklärte der damalige Chef der Credit Suisse im «Magazin» des TA, «was die Politik von einem Unternehmen lernen muss». Es war eine schonungslose Kritik am Schweizer Politsystem und eine Aufforderung, das Land wie ein Grossunternehmen zu führen. Er löste empörte Reaktionen aus.

Mühlemann ist längst weg von der Bühne. Und die gescholtene Politik? Sie sah sich nach den Boni-Exzessen und dem Finanzkollaps zu einer Flut von Regulierungen veranlasst.

Erstellt: 17.02.2015, 20:51 Uhr

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