Gewerkschaften bei Lohnverhandlungen im Vorteil

Die politische Ausgangslage spielt den Arbeitnehmerverbänden momentan in die Hände. Längerfristig versperrt die Ungewissheit rund um die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative den Blick nach vorn.

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Die diesjährigen Lohnverhandlungen finden unter besonderen Bedingungen statt. Beim Urnengang am 18. Mai hat das Stimmvolk die Mindestlohninitiative verworfen. Zudem wirkt die Zuwanderungsinitiative. Bereits vor dem Abstimmungstermin wurde über mögliche Folgen auf Arbeitsmarkt, Wohlstand und Löhne dieser Vorlage diskutiert. Seit sie am 9. Februar angenommen wurde, ist die Debatte richtig in Gang gekommen.

Laut Thomas Geiser von der Universität St. Gallen haben die Arbeitnehmer deshalb nun die Trümpfe in der Hand: «Das politische Umfeld stärkt die Positionen der Gewerkschaften.» Im Abstimmungskampf um die Mindestlohninitiative hätten die Arbeitgeber zugesichert, die Niedriglöhne freiwillig zu erhöhen. «Dieses Versprechen können die Arbeitnehmerverbände nun einfordern», so der Professor für Arbeitsrecht.

Die angenommene SVP-Initiative habe die Verhandlungsposition der Gewerkschaften ebenfalls verbessert, sagt Geiser: «Sie wird das gesamte Lohn­gefüge in der Schweiz hochtreiben.» Zumindest kurz- und mittelfristig. Konkret rechnet Geiser damit, dass die Mindestlöhne in den Gesamtarbeitsverträgen in den nächsten drei Jahren steigen werden. Aus folgendem Grund: In der Abstimmung war es stets ein Argument der Befürworter, dass mit der Masseneinwanderungsinitiative ausländische Arbeitskräfte mit tiefen Löhnen abgewehrt würden. Solange die Initiative nicht umgesetzt ist, können sich die Gewerkschaften darauf berufen und auf Lohnerhöhungen pochen.

«150 Franken mehr!»

Führt die Zuwanderungsinitiative der SVP am Ende dazu, dass die Arbeitnehmervertreter in den Lohnverhandlungen mehr Druck aufsetzen können? Die Gewerkschafter der Unia bezweifeln dies – wenn auch aus einem anderen Grund: Eine Kontingentierung habe historisch betrachtet nie zur Verknappung der Arbeitskraft geführt – im Gegenteil, wie Sprecher Pepo Hofstetter ausführt: «Unter dem Kontingentssystem war die Zuwanderung teilweise höher als heute. Zudem ist es noch völlig offen, wie und ob die Initiative umgesetzt werden wird.»

Mit welchen Forderungen die Unia in die diesjährigen Lohnverhandlungen steigt, will die Gewerkschaft erst im September detailliert offenlegen. Für den Bau ist die Messlatte jedoch bereits gesetzt: 150 Franken mehr haben die Arbeitnehmer an ihrer Bau-Landsgemeinde Ende Juni in Bern gefordert. Für die Branchen Chemie und Pharma ist eine Lohnforderung in ähnlichem Umfang zu erwarten.

Die Lohnforderungen bereits vorgelegt hat gestern Travailsuisse. Der Gewerkschaftsdachverband fordert Lohnerhöhungen «in der Grössenordnung von 2 Prozent» auf nächstes Jahr. Die Wirtschaftskrise sei überstanden, und die Aussichten seien gut. «In den meisten Branchen gibt es Luft für Lohnerhöhungen», so die Begründung von Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik.

Inflation praktisch bei null

Die Gegenseite am Verhandlungstisch meldete sich postwendend. Die wirtschaftlichen Aussichten seien noch zu ungewiss, um über verbindliche Lohnforderungen zu sprechen, hiess es beim Arbeitgeberverband. Wichtiger als starre Forderungen sei eine flexible Lohnfindung in den Branchen und Betrieben. Zudem seien wegen anhaltend tiefer Teuerung die Reallöhne nicht unter Druck.

Tatsächlich liegt die Inflationsrate praktisch bei null. Dafür ist die Schweizer Wirtschaft wiederum effizienter, was die Produktion anbelangt. Gemäss Berechnungen der Konjunkturforscher Bak Basel Economics wird die Produktivität pro Kopf dieses Jahr um 0,8 Prozent, nächstes Jahr um 1,8 Prozent steigen. Die Konjunktur bleibe für die gesamte Schweizer Wirtschaft robust, was zu einer anhaltend stabilen Beschäftigungslage führe. Für George Sheldon, Arbeitsmarktprofessor der Universität Basel, ist die Position der Gewerkschaften gerechtfertigt: «Die Forderung von 2 Prozent mehr Lohn ist nicht überrissen, auch wenn ein Teuerungsausgleich dieses Jahr nicht nötig ist.»

Kurzfristig ist die Ausgangslage für die Forderungen der Gewerkschaften also gut. Ob dies anhält, hängt vor allem von der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ab. «Wenn das Abstimmungsresultat nicht rückgängig gemacht werden kann, wird das Lohngefüge sinken», sagt Thomas Geiser. Durch die Abschottung werde der Wohlstand in der Schweiz abnehmen und der Lohndruck zunehmen.

Erstellt: 05.08.2014, 07:22 Uhr

Die Löhne im Maschinenbau legten letztes Jahr am meisten zu: Reparatur von Turbinen bei Alstom in Birr AG. Foto: Keystone

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