«Griechenland geht im Mai pleite»

Steen Jakobsen glaubt nicht, dass ein Schuldenschnitt den Konkurs von Griechenland verhindern kann. Der Chefökonom der Saxo-Bank ist auch davon überzeugt, dass die SNB ihre Euro-Untergrenze bald erhöht.

«...und dann dauert es noch drei Monate»: Chefvolkswirt der Saxo-Bank Steen Jakobsen.
Video: Keystone

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Der Chefökonom der Saxo-Bank, Steen Jakobsen, sagt die Griechenland-Pleite für Ende Mai voraus. Nach dem Schuldenschnitt dauere es wohl noch drei bis vier Monate, bis es zum «Endgame» komme. «Griechenland geht im Mai oder Juni pleite», ist sich Jakobsen sicher (siehe Video).

Insgesamt sei ein Zahlungsausfall zwar nie die Lösung, aber manchmal sei es einfach «das Rationalste». Griechenland brauche einen Schuldenschnitt von 100 Prozent. Mit nur 50 Prozent sei das Land schlicht und einfach nicht wettbewerbsfähig.

Es sei nun aber falsch, die Situation in Griechenland als hoffnungslos zu bezeichnen. Die Geschichte zeige, dass Ländern nach einem Konkurs das Comeback glückte. So etwa Spanien, Russland oder Brasilien, die alle schon mehrmals in Konkurs gingen und stets wieder zurückkamen.

«Die Nationalbank wird sich durchsetzen»

Auch die Erhöhung der Euro-Untergrenze durch die Schweizer Nationalbank (SNB) erwartet Jakobsen schon bald – vermutlich schon bis Ende des Quartals. Die SNB habe die politische Rückendeckung und es herrsche eine inflationäre Wirtschaft. «Die Nationalbank wird sich letztlich durchsetzen», sagt Jakobsen.

Im Hinblick auf das Öl-Embargo gegen den Iran zeichnet der Ökonom ein düsteres Bild, zumal 20 Prozent der weltweiten Ölproduktion durch die Strasse von Hormuz gehen. Würde der Iran seine Drohung wahr machen und den Handelsweg blockieren, hätte dies eine Verteuerung und eine Knappheit des Rohstoffes zur Folge.

Europa verliert die Geduld mit Griechenland

Europa verliert in der griechischen Schuldenkrise derweil zunehmend das Vertrauen in die Regierung in Athen. «Die Zeit läuft ab», sagte der niederländische Finanzminister Jan Kees de Jager heute am frühen Morgen in Brüssel nach Beratungen über das hochverschuldete Land. Bevor die Eurozone das nächste Notprogramm für Griechenland beschliesst, muss die Regierung in Athen weitere Spar- und Reformmassnahmen einleiten. «Es ist deutlich, dass das griechische Programm aus der Spur geraten ist», sagte Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker. «Man hat zwar Beschlüsse gefasst in Griechenland, aber die Ausgaben sind nicht wirklich gesunken», kritisierte Österreichs Finanzministerin Maria Fekter.

Die Österreicherin misstraut offenbar dem Sparwillen der griechischen Parteien und fordert erneut eine schriftliche Zusage, dass sie das ein neues Hilfsprogramm unterstützen: «Nur wenn diese schriftliche Vereinbarung vorliegt, dann kann es eine weitere Hilfe geben. Es muss die politische Ebene in Griechenland wissen, dass wir erwarten, dass sie mehr tut.»

Eine gefährliche Erschütterung

Griechenland hat zwar mit Euroländern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) harte Sparmassnahmen und weitreichende Reformvorhaben vereinbart, kommt im Kampf gegen seinen Schuldenberg von rund 350 Milliarden Euro aber nicht voran. Die sich immer weiter verschlechternde Wirtschaftslage, uneingehaltene Sparzusagen und die stockenden Verhandlungen über einen Schuldenschnitt mit seinen privaten Gläubigern bringen das Land immer weiter an den Abgrund einer Staatspleite.

«Griechenland und die Banken müssen mehr tun, um einen nachhaltigen Schuldenstand zu erreichen», forderte de Jager. Dies sei «die absolute Vorbedingung für weitere Hilfen». Banken, Versicherer und Hedgefonds sollen freiwillig auf rund 100 Milliarden Euro verzichten, um Griechenlands Schuldenlast zu verringern. Erst dann wollen auch IWF und Euro-Länder ein zweites Hilfsprogramm über 130 Milliarden Euro auflegen. Ohne weitere Hilfen droht Griechenland im März der ungeordnete Bankrott – und der Eurozone somit eine gefährliche Erschütterung.

«Sie müssen viel, viel effektiver werden»

Die Gespräche Athens mit den Banken stocken, weil sich beide Seiten nicht einigen können, welchen Zinssatz die Gläubiger für ihre neuen Anleihen erhalten sollen. Juncker stellte klar, dass Griechenland einen Zinsatz klar unter vier Prozent für die neuen Anleihen aushandeln soll - deutlich weniger als von den Banken erhofft. Je geringer der Zinsatz, desto grösser die Erleichterung für Griechenland.

Griechenlands Finanzminister Evangelos Venizelos äusserte sich am Dienstag nicht zu dem steigenden Druck der Euro-Länder und sagte lediglich: «Wir haben grünes Licht von der Eurogruppe, das Abkommen mit dem Privatsektor in den nächsten Tagen abzuschliessen.» Der luxemburgische Finanzminister Luc Frieden sagte zur Lage in Griechenland: «Ich bin kein bisschen optimistisch.» Er hoffe jedoch, dass «Griechenland die Botschaft verstanden hat» und die Forderungen der Euro-Länder erfülle.

Der schwedische Finanzminister Anders Borg, dessen Land nicht zur Eurozone gehört, stellte den Griechen ein verheerendes Zeugnis bei der Einhaltung der Programmzusagen aus: «Es ist offensichtlich, dass die Umsetzung in Griechenland gescheitert ist.» Mit Blick auf Regierung und Behörden sagte Borg: «Sie müssen viel, viel effektiver werden bei der Umsetzung ihrer Politik.» (mrs)

Erstellt: 24.01.2012, 18:45 Uhr

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