«Griechenland hat noch 690'000 Beamte»

Der beste Beamte der Welt kommt aus Griechenland. In einem Interview erklärt er, warum die internationale Unterstützung bei den Reformen seinem Land nichts nützt. Und was er vom aufgeblähten Staat hält.

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Der Grieche Panos Karkatsoulis wurde im Mai von der angesehenen Organisation American Society for Public Administration für seine herausragenden Leistungen im Staatsapparat ausgezeichnet. Er ist somit der beste Beamte der Welt.

Der Abteilungsleiter für strategische Planung im Athener Ministerium für Verwaltungsreform und E-Government erklärte der «Aargauer Zeitung» in einem Interview (Artikel online nicht verfügbar), wie er die Situation seines Heimatlandes sieht und wie er die Aktionen der Taskforce Griechenland beurteilt.

690'000 Staatsangestellte

Vor zwei Jahren hat der griechische Staat zum ersten Mal eine Zählung seiner Beamtenschar vorgenommen. Dabei wurden 768'009 Beamte gezählt – bei einer Einwohnerzahl von 11 Millionen. Karkatsoulis sieht darin kein Problem: «Seit Beginn der Sparpolitik im Jahr 2010 ist die Zahl der Staatsangestellten durch natürliche Fluktuation erheblich gesunken.» Derzeit verfüge der griechische Staat deshalb noch über 690'000 Beamte.

Diese seien für das Funktionieren des Staates von grosser Bedeutung. Das Problem für Griechenland bilde eher die Grauzone zwischen Staatssektor und Privatwirtschaft, in der unnützes Personal auf Staatskosten beschäftigt werde. «In dieser staatlich subventionierten, parasitären Grauzone werden keine Kernaufgaben des Staates erledigt», sagt Karkatsoulis. Diese Grauzone sauge Staatsgelder ab, dort müssten unbedingt Anpassungen vorgenommen werden.

«Entlassungen sind keine Reform»

Von Entlassungen hält der griechische Spitzenbeamte aber wenig: «Man mag damit kurzfristig einen fiskalischen Nutzen haben, langfristig ist das aber eine Katastrophe.» Der Staat verliere durch natürliche Fluktuation in erster Linie erfahrene und deshalb auch wertvolle Beamte. Würde das Verhältnis von Neueinstellungen zu Pensionierungen wie geplant auf eins zu zehn erhöht und gleichzeitig Stellen gestrichen, sehe er schwarz für Griechenland: «Entlassungen sind keine Reform.»

Auch bei den Löhnen sei bereits genug gemacht worden. Gemessen an der griechischen Wirtschaftsleistung würden die Personalkosten für Staatsdiener nur gerade zehn Prozent der Staatsausgaben ausmachen. Zudem seien die Gehälter der meisten Beamten bereits massiv zusammengestrichen worden: «Das Brutto-Monatsgehalt eines Finanzbeamten betrug einst 5000 Euro, heute sind es noch 1700 – bei 25 Dienstjahren.» Dieser Lohnkahlschlag öffne Tür und Tor für die Korruption. In keinem Land der Welt, wo derart extreme horizontale Gehaltskürzungen vorgenommen würden, würde die Korruption nicht sprunghaft ansteigen.

Keine positiven Erfahrungen mit der Finanzhilfe

Immerhin haben die griechischen Beamten eine Jobgarantie, auch wenn sie weniger verdienen als früher. Doch auch hier ist ein neues Gesetz beschlossen worden. So kann sich ein Beamter neuerdings für fünf Jahre ohne Vergütung freistellen lassen. Damit will man den griechischen Staatshaushalt entlasten. Auch diese Aktion ist für Karkatsoulis untragbar: «Das ist blinde Personalpolitik», sagt er. Noch nie habe er Headhunter in den Gängen griechischer Behörden gesehen, das beunruhige ihn.

Karkatsoulis kritisiert deshalb auch die Begleitung der Reformen von aussen. Die EU-Task-Force Griechenland unter der Leitung des Deutschen Horst Reichenbach habe bisher keine substanzielle Hilfe geleistet. «Die Taskforce spricht hier ganz oben mit den Ministern, erstellt Berichte – das wars.» Helfen könne die Taskforce nur, wenn sie auch Basisarbeit leisten würde. Und das sei nicht der Fall.

Europäer verlieren die Geduld

Die Helfer Griechenlands verlieren derweil immer mehr die Geduld mit den griechischen Behörden. Die Sparanstrengungen gehen ihnen zu wenig weit, die Reformmassnahmen werden ihrer Meinung nach zu zögerlich umgesetzt. Karkatsoulis versteht diese Ungeduld nicht. Änderungen bräuchten Zeit und eine Vision: «Das geht nicht mit einer Politik der Ohrfeigen und Fusstritte.» Es sei etwas völlig anderes, wenn man jemanden bestrafen wolle, damit er lerne – oder ob man ihm unter die Arme greife, um das Problem zu lösen.

So oder so sei die Lage in seinem Heimatland äusserst kritisch, so der Spitzenbeamte gegenüber der «Aargauer Zeitung». Das, was er in Griechenland erlebe, sei seit zwei Jahren «ein Krieg – nur ohne Leichen». Die Griechen müssten nun hart darum kämpfen, das Land aufrechtzuerhalten und den Staat wieder aufzubauen. (ses)

Erstellt: 03.08.2012, 11:09 Uhr

Verlangt mehr Weitsicht bei den Reformen in Griechenland: Der griechische Spitzenbeamte Panos Karkatsoulis. (Archivbild)

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