Analyse

Hände weg vom Gold

Der Preis des gelben Metalls ist um fast ein Drittel eingebrochen. Warum? Und wie sind die Prognosen für das kommende Jahr? Ein Aus- und Rückblick.


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Goldanleger werden an diesem Silvester kaum mit Jahrgang-Champagner anstossen. Zu heftig sind die Verluste, die sie verkraften müssen. Um 28 Prozent ist der Preis des gelben Metalls eingebrochen. Mit 1100 Dollar pro Unze liegt er knapp über dem Produktionspreis. Der Goldcrash ist nicht ohne Folgen geblieben. 37,3 Milliarden Dollar hätten die Investoren allein aus Gold-ETFs abgezogen, meldet der Branchen-Newsletter «10x10» und dämpft gleichzeitig allfällige Hoffnungen, dass das kommende Jahr Besserung bringen könnte. Alle befragten Analysten kommen nämlich zum Schluss, dass der Goldpreis im besten Fall stagnieren, wahrscheinlich aber noch weiter sinken wird. Gold gehöre daher an die Hände oder den Hals, «aber nicht ins Depot oder in den Safe», erklärt Maurice Pedergnana von der Zugerberg Finanz.

Wie ist es überhaupt zum Goldboom gekommen? Um eine Deflation zu verhindern, haben im Herbst 2008 die Zentralbanken ihre Geldmengen massiv ausgeweitet. Ebenso versuchen sie, hohe Arbeitslosigkeit mit billigem Geld zu bekämpfen. Die lockere Geldpolitik hat die Angst vor einer Hyperinflation geschürt. Als Warenwährung ist Gold immun gegen Abwertung. Daher sind viele Anleger ins gelbe Metall geflüchtet. Gleichzeitig haben Spekulanten und Hedgefonds diesen Goldrun noch verstärkt.

Die Wirtschaft springt wieder an

Inzwischen hat sich jedoch auf den Finanzmärkten die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Annahmen für den Goldrun falsch waren. Es gibt keine Anzeichen von Inflation, im Gegenteil, teilweise herrscht sogar Deflation. Ebenso unbegründet war die Angst, dass der Euro demnächst auseinanderbricht und für Chaos auf den Währungsmärkten sorgen könnte. Schliesslich zeigt sich, dass die Politik des billigen Geldes ihren Zweck erfüllt hat, vor allem in den USA. Die Wirtschaft springt wieder an, die US-Notenbank wird daher ihr Tapering starten, den Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes in kleinen Schritten. All dies hat dazu geführt, dass der Glanz des Goldes verblasst, zumal Goldanlangen weder Zinsen noch Dividenden auszahlen.

Gold ist nicht nur eine Währung, es ist auch eine Weltanschauung. Die sogenannten Goldkäfer (gold bugs) sind Anhänger der sogenannten Österreichischen Schule der Volkswirtschaft, deren bekannteste Vertreter Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek sind. Sie sind die Propheten eines Ultraliberalismus, einer Marktwirtschaft, die möglichst ohne Einfluss des Staates funktioniert. Weil Gold nicht gefälscht werden kann, ist es gemäss dieser Theorie der ideale Anker eines freien Währungssystems. Staaten, die zu hohe Schulden haben, werden sofort bestraft. Sie müssen ihre Goldbestände hergeben und mit drastischen Sparmassnahmen dafür sorgen, dass der Staatshaushalt wieder ins Lot kommt. Staaten, die sorgfältig haushalten oder gar Überschüsse erzielen, werden mit steigenden Goldbeständen belohnt. Dank der Warenwährung Gold funktioniert dieser Mechanismus automatisch und kann nicht manipuliert werden.

Gefährlicher als Mafia und Kommunismus

In den Augen der Goldkäfer ist daher die Zentralbank des Teufels, besonders wenn das Geldsystem nicht mehr auf einem Goldanker, sondern auf Papiergeld (fiat money) beruht. Indem sie Geld drucken, greifen Zentralbanken in das freie Spiel der Marktkräfte ein und erzeugen damit einen verhängnisvollen Kreislauf von Vermögensblasen und Inflation, der zu einem Vertrauensverlust in die Währung und zum Zerfall einer Gesellschaft führt. Die Zentralbanken sind gemäss dieser Theorie gefährlicher als Mafia und Kommunismus und gehören wieder abgeschafft.

Gerne verweisen die Goldbugs darauf, dass im 19. Jahrhundert der Goldstand dafür gesorgt hat, dass Inflation ein Fremdwort war. Das stimmt, nur war der Preis dafür hoch. Rezessionen kamen in regelmässigen Abständen. Sie waren begleitet von Bankruns, sozialen Unruhen und grosser Armut. Soziale Unruhen konnten nur vermieden werden, weil die sozialistische Bewegung noch schwach war. Zudem konnten Arbeitslose in grossem Stil in die damals noch «leeren» Kontinente Amerika und Australien abgeschoben werden. Die amerikanische Stadt New Glarus zeugt noch heute davon, dass der erste Industriekanton der Schweiz seine überzähligen Arbeitskräfte jeweils nach Übersee verfrachtete.

Bitcoins sind eine Art digitales Gold

Wie der Kommunismus ist ein Ultraliberalismus à la von Mises eine Illusion. Dafür gibt es erstens zu wenig Gold, und zweitens würde sich auch das System anders verhalten. Ohne Zentralbanken würden bald mächtige Privatbanken die Macht über die Währungen erlangen und dies zu ihren Gunsten ausnutzen. Anstatt einer Zentralbank hätten wir dann ein Monopol von wenigen Privatbanken, keine attraktive Option.

Trotzdem lebt der Glaube an den Goldstandard weiter. Die derzeit angesagten Bitcoins sind eine Art digitales Gold. Wie das gelbe Metall kann es nicht gefälscht werden und ist in der Menge begrenzt verfügbar. Ultraliberale IT-Freaks sehen daher in den Bitcoins eine neue Variante, Staat und verhasste Zentralbank auszuhebeln. Bitcoins haben in den letzten Monaten einen gewaltigen Boom erlebt. Wie der Goldboom beruht er jedoch auf fragwürdigen Spekulationen und schlechter ökonomischer Theorie. Lassen Sie auch davon die Hände.

Erstellt: 23.12.2013, 12:08 Uhr

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