Hat Mutti doch recht?

Kanzlerin Angela Merkels strenge Sparpolitik wird seit Jahren von vielen angelsächsischen Ökonomen kritisiert. Umso überraschender kommt nun das Votum des «Economist»: «Stick with Mutti.»

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Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat in der «Financial Times» Entwarnung gegeben: «Die Welt sollte die positiven wirtschaftlichen Signale bejubeln, die uns die Eurozone derzeit beinahe täglich sendet», triumphierte Schäuble und zählte gleich auf, was seine Regierung alles richtig macht: Deutschland investierte noch nie so viel in Forschung und Infrastruktur wie in den letzten Jahren. Deutschland hat gesunde Staatsfinanzen, eine sinkende Zahl von Arbeitslosen und eine boomende Binnennachfrage.

Und was die Austeritätpolitik betriff, die sein Land angeblich den Defizitländern aufbürdet – alles Unsinn. O-Ton Schäuble: «In nur drei Jahren hat sich das gesamte Defizit der öffentlichen Hand in Europa halbiert, die Lohnstückkosten und die Wettbewerbsfähigkeit passen sich an, die Bilanzen der Banken verbessern sich und die Defizite der Leistungsbilanzen verschwinden. Im zweiten Quartal ist die Rezession in der Eurozone zu Ende gegangen.» Halleluja und Amen, ist man geneigt zu rufen.

Die britische Charme-Offensive

Hat also Mutti wirklich recht, wie der «Economist» in seinem Leitartikel behauptet und Angela Merkel zur Wiederwahl empfiehlt? Als Begründung für seine plötzliche Begeisterung für den «Merkelvellianismus» führt das renommierte Wirtschaftsblatt an: Die Sozialdemokraten würden nun ihre eigene Agenda 2010 verraten und seien auf einen gefährlichen Linkskurs geraten. Die Kanzlerin, die zwar zugegebenermassen in den letzten Jahren vieles, ja genau genommen fast alles falsch gemacht hätte, könne sich trotzdem zur grossen Führungspersönlichkeit entwickeln, die Deutschland und Europa so dringend nötig hätten. Daher die Empfehlung der Briten an die Krauts: «Stick with Mutti», («Halte Dich an Mutti»).

Die Charme-Offensive der Briten kommt überraschend. Zwischen angelsächsischen und deutschen Ökonomen herrscht nämlich meist ein verbaler Krieg. Die Austeritätspolitik von Merkel und Schäuble ist von den führenden Tenören der «Financial Times» immer wieder scharf kritisiert worden. Selbst der konservativere «Economist» konnte sich bisher kaum je dafür erwärmen. Typisch für die Haltung der Angelsachsen ist ein Kommentar von Adam Posen, dem Präsidenten der Denkfabrik Peterson Institute for International Economics, auf den Schäuble indirekt geantwortet hat, ohne ihn zu erwähnen. Posen widerspricht Schäuble diametral: Die Exporterfolge der Deutschen hätten bloss einen einzigen Grund: tiefere Lohnkosten. «Und die Exporte sind der einzige Grund für das Wachstum der letzten Jahre. Aber tiefe Löhne sind nicht die Basis, auf der eine reichen Nation den Wettbewerb bestreiten sollte.»

Posens Abrechnung mit der Lohndrückerei

Posen rechnet gnadenlose mit dem vermeintlichen deutschen Wirtschaftswunder der letzten Jahre ab: Deutschland hat die grösste Anzahl von Billigarbeitern in Europa, und die tiefen Löhne hätten dazu geführt, dass die Produktivität der deutschen Wirtschaft deutlich langsamer gewachsen ist als der OECD-Durchschnitt. Die Exportbesessenheit der Deutschen hätte dazu geführt, dass die Banken unterkapitalisiert und der Dienstleistungssektor überreguliert seien. «Die Abhängigkeit von der Nachfrage aus dem Ausland hat die deutschen Arbeitnehmer um die Früchte ihrer Arbeit gebracht», lautet Posens gnadenloses Fazit. «Lohndrückerei ist keine erfolgreiche Wachstumsstrategie, weder für Deutschland noch für Europa.»

Erstellt: 18.09.2013, 14:21 Uhr

Klare Stellungnahme für die Kanzlerin: Titelseite des aktuellen «Economist».

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