Hochpolitischer Streit um die Arbeit des Rockstars der Ökonomen

Thomas Pikettys Schlussfolgerungen werden von seinen eigenen Daten nicht gestützt, schreibt ein Journalist der «Financial Times». Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt.

Erklärungsbedarf: Ökonom Thomas Piketty muss seine Arbeit verteidigen. Foto: Ed Alcock (Eyevine, Dukas)

Erklärungsbedarf: Ökonom Thomas Piketty muss seine Arbeit verteidigen. Foto: Ed Alcock (Eyevine, Dukas)

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Eben noch wurde der französische Ökonom Thomas ­Piketty mit seinem Werk «Capital in the 21th Century» (Kapital im 21. Jahrhundert) auf allen Kanälen gefeiert und gelobt. Jetzt sieht er sich einem heftigen Vorwurf ausgesetzt: Er habe bei den Daten geschummelt. Das schreibt Chris Giles, ein Redaktor der britischen «Financial Times». Sein Urteil über das Werk von Piketty fällt gnadenlos aus: Die Schlussfolgerungen darin «scheinen durch Pikettys eigene Quellen nicht gestützt zu sein».

Seit Giles seinen Artikel am Freitag veröffentlich hat, beherrscht das Thema die Debatten der Ökonomen im Internet, aber zunehmend auch in den Wirtschaftsmedien. Kein Wunder: Spätestens seit dem ­Erscheinen des fast 700 Seiten umfassendem Wälzers in englischer Sprache ist Piketty von angelsächsischen Medien zum «Rockstar» der Ökonomie ernannt worden. Vor allem in den USA dominiert das Buch wie kein anderes die Debatten in Fachkreisen und in den Medien. Kein Buch wurde bei Amazon in den USA zeitweise so oft verkauft wie jenes von Piketty – die Belletristik eingeschlossen. Die deutsche Fassung soll im Herbst ­erscheinen, die französische ist schon Ende 2013 erschienen.

Pikettys Thema ist die Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung. Der Hauptgrund für den Erfolg seines Buches liegt in seiner Warnung vor einer wiederkehrenden Vermögens­konzentration bei den Reichsten wie sie Europa im 19. Jahrhundert gekannt hat. Die reichsten 10 Prozent besassen damals rund 90 Prozent aller Vermögen, das reichste Prozent mehr als 60 Prozent. Selbst mit hoch bezahlter Arbeit war es so unmöglich, vergleichbare Einkünfte zu generieren, wie sie aus den ­damaligen Spitzenvermögen geflossen sind. Das macht Chancengleichheit unmöglich. Piketty warnt in seinem Buch, es gebe im Kapitalismus keinen Automatismus, der eine erneute solche Kapitalkonzentration verunmögliche.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Vermögensungleichheit ­aber überall drastisch geschrumpft. Piketty erklärt das mit den Kriegen, den ökonomischen Wirren und staatlichen Massnahmen wie unter anderem sehr hohen Spitzensteuersätzen in der ­Zwischenzeit. Doch diese Angleichung der Vermögensverteilung endete in den 70er-Jahren, und Pikettys Daten zeigen seither wieder eine leichte Zunahme der Vermögensungleichheit. Hier vor allem setzt der wichtigste Teil der Kritik von Chris Giles ein.

Hauptbeispiel Grossbritannien

Der Journalist der «Financial Times» bestreitet diese von Piketty gezeigte jüngste Entwicklung der Vermögenskonzentration. Auch die vom französischen Ökonomen verwendeten Daten würden nicht zu diesem Ergebnis führen. Die grösste Abweichung zu Piketty ergibt sich bei ihm in Bezug auf Grossbritannien. Die Vermögenskonzentration sei dort geringer als sie Piketty zeige, und ein klarer Aufwärtstrend der Ungleichheit sei ebenfalls nicht zu erkennen.

Weiter moniert Giles, Piketty habe in seinen Excel-Berechnungen Zahlen aus unpassenden Jahren verwendet, und bei der Berechnung eines Durchschnitts aus mehreren Länderdaten sei die unterschiedliche Bevölkerungszahl nicht mitberücksichtigt worden. Ausserdem seien einige Zahlen ohne Erklärung umgerechnet worden, für fehlende Jahresdaten habe sich Piketty schlicht auf ­Annahmen gestützt, und er habe Daten willkürlich ausgelesen, um seine Thesen zu stützen.

Piketty selbst weist die Kritik in einem Artikel in der «Financial Times» zurück. Dort verweist er auf neuere Forschungsergebnisse, die – gestützt auf andere Daten und eine andere Methode – auf eine noch stärkere Zunahme der Vermögenskonzentration in den letzten Jahren hinweisen würden. Gegenüber dem TA erklärt er auf Anfrage bloss, die Kritik von Giles sei «wirklich sehr schwach». Dessen Berechnungen hält er für inkorrekt. Doch selbst dessen Zahlen würden das von ihm gezeichnete Gesamtbild nicht infrage stellen.

Der französische Ökonom wird nicht darum herumkommen, die von Giles aufgeworfenen Punkte im Detail zu klären, sonst wird der Zweifel an seiner Arbeit wohl bestehen bleiben. Nüchtern betrachtet liefern die Kritikpunkte von ­Giles aber keinen Grund, Pikettys gesamtes Werk infrage zu stellen. Selbst im Fall von Grossbritannien zeigt der Journalist mit seinen Zahlen kein fundamental anderes Bild der Entwicklung als Piketty, im Fall der anderen von Giles ebenfalls untersuchten Länder sind Differenzen zu Piketty noch geringer.

Gänzlich unberücksichtigt in dieser Auseinandersetzung bleibt schliesslich die bei Piketty ebenfalls thematisierte Entwicklung der Einkommen. Dass hier die Ungleichheit – vor allem in den USA – drastisch zugenommen hat, ist praktisch unbestritten. Es ist schwer vorstellbar, wie die Vermögensverteilung davon unbeeinflusst bleiben soll.

Parallelen zu Reinhard-Rogoff

Die ganze Auseinandersetzung weist ­Parallelen zu jener um die Arbeiten der beiden Ökonomen Carmen Reinhard und Kenneth Rogoff auf. Wie Piketty zum Thema Verteilung haben diese beiden zum Thema Verschuldung von Privaten und Staaten einen einmaligen Schatz an Daten aus Jahrhunderten zusammengetragen, diese dann in einem Bestseller («Diesmal ist alles anders») und in einer Vielzahl von Fachartikeln ausgewertet.

In einem dieser Artikel vom Mai 2010 konnten Kritiker ihnen ebenfalls einen Fehler nachweisen. Ihre Aussage, dass ab einer Staatsverschuldung von 90 Prozent das Wachstum einbreche, hat sich als falsch erwiesen. Wie es jetzt bei ­Piketty droht, litt in der Folge das gesamte umfassende Werk der beiden Ökonomen. Auch das war völlig ungerechtfertigt. Die Grundaussage aus ihrer Forschung, dass eine übermässige Verschuldung für die ökonomische Entwicklung gefährlich ist, wurde schliesslich nicht widerlegt – genauso wenig wie die von Thomas Piketty aufgezeigten Zusammenhänge. Doch die Auseinandersetzung zu ­Themen wie jenem von Piketty oder dem von Reinhard-Rogoff ist keine rein akademische. Sie ist hoch politisch und führt zu konkreten Handlungen. Das letztlich falsche Ergebnis mit der 90-Prozent-Schuldenschwelle von Reinhard-Rogoff wurde in der Eurokrise zur Rechtfertigung von harten Sparmassnahmen trotz Krise angeführt. Pikettys Forschung ruft nach Vermögenssteuern für die Reichsten, die der Ökonom selbst anregt. Das Interesse, solche Forschungen zu diskreditieren, ist daher stets gegeben.

In den Details wird ohnehin immer ­jemand Anlass zur Kritik finden. Denn ökonomische und generell sozialwissenschaftliche Daten sind naturgemäss ­lückenhaft und interpretationsbedürftig. Entscheidend ist, dass die Daten überprüfbar sind. Dafür hat Thomas ­Piketty gesorgt. Auf seiner Website findet sich jede Quelle, jede Zahl und jede Berechnung. Diese Daten sind es, auf die sich Kritiker Giles stützt. Wer etwas absichtlich manipulieren will, geht anders vor.

Erstellt: 27.05.2014, 06:45 Uhr

Chris Giles.

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