«Ihr Geld ist mit Vollgeld sicherer, weil ...»

Der frühere Chefökonom der Deutschen Bank befürwortet das Vollgeldsystem. Hier erklärt Thomas Mayer, wieso.

«Die einzige berechtigte Befürchtung ist, dass der Franken dank Vollgeld so attraktiv wird, dass er sich deutlich aufwertet»: Thomas Mayer. Foto: ZVG

«Die einzige berechtigte Befürchtung ist, dass der Franken dank Vollgeld so attraktiv wird, dass er sich deutlich aufwertet»: Thomas Mayer. Foto: ZVG

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Notenbanken haben das Geldmonopol. Sie verfügen als Einzige über das Recht, Geld zu schöpfen. Richtig? Falsch! Tatsächlich wird die Masse unseres Geldes von den Geschäftsbanken hergestellt. Indem sie Kredite vergeben, produzieren sie Giralgeld. Das funktioniert folgendermassen: Angenommen, Sie gehen zur Bank und möchten einen Kredit. Die Bank betrachtet Sie als kreditwürdigen Schuldner und legt Ihnen einen Kreditvertrag vor, den Sie unterschreiben. Der Kreditvertrag wandert zur Einlagenabteilung. Dort schreibt man Ihnen die Kreditsumme gut: Giralgeld.

Dank der Banklizenz darf das Institut Ihnen zusichern, dass dieses geschöpfte Giralgeld im Verhältnis eins zu eins in von der Nationalbank selbst geschaffenes Bargeld umgetauscht werden kann. Aus privat geschaffenen Schuldverschreibungen der Bank an den Kunden werden also neue Franken, ohne dass die Notenbank darüber die Kontrolle hat.

Video: Die Vollgeldinitiative in 240 Sekunden erklärt

Am 10. Juni stimmen die Schweizerinnen und Schweizer über eine Initiative ab, die den Banken diese Giralgeldschöpfung via Kreditverkäufe verbieten will. Geld soll nur noch von der Schweizerischen Nationalbank geschaffen werden und sonst von niemandem: Vollgeld eben. Der deutsche Ökonom Thomas Mayer zeigt sich im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» überzeugt, dass ein solches Vollgeldsystem besser wäre als die heutige Praxis.

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Herr Mayer, was ist falsch am Geldsystem?
Die private Giralgeldschöpfung erzeugt Kreditzyklen. Die Zentralbank versucht zwar, die Geldproduktion zu steuern, indem sie den Kreditzins beeinflusst. Niedrige Zinsen vergrössern die Kreditnachfrage, das heisst, es wird viel Geld gedruckt. Hohe Kreditzinsen drosseln die Geldproduktion. In der Vergangenheit führte das dazu, dass mal zu viel, mal zu wenig Giralgeld hergestellt wurde, denn die Notenbank kennt den idealen Zins nicht. Er sollte sich am Markt bilden. Die Initiative will Banken die Geldschöpfung verbieten.

«Idealerweise sollten Zentralbanken die Geldmenge entlang eines langfristigen Trends wachsen lassen.»

Welche Vorteile brächte das der Schweiz?
Die Hoffnung ist – man muss Hoffnung sagen, denn man weiss natürlich nie, wie ein solches neues System wirken würde –, dass sich dadurch die langfristige Wirtschaftsentwicklung stabilisiert. Die Zentralbank ist dann allein verantwortlich und kann die Geldproduktion verstetigen. Geld wird unabhängig von der Kreditgewährung der Geschäftsbanken geschaffen. Der Zins bildet sich frei am Markt. Geldschaffung und Zinsbildung sind getrennt.

Wir würden also zu einer Geldmengensteuerung zurückkehren?
Ja, es wäre eine Geldmengensteuerung. Idealerweise sollte die Zentralbank die Geldmenge entlang eines langfristigen Trends wachsen lassen.

Gibt es historische Beispiele für Vollgeld?
Nein. Die Geldmengensteuerung erinnert an den Goldstandard. Bei ihm sollte die an das vorhandene Gold gebundene Geldmenge im Prinzip an die Ausweitung der Förderung des Goldes gebunden werden. Nimmt die Geldmenge stetig zu, dann sinken in einer Wirtschaftsflaute die Marktzinsen. Sobald die Konjunktur heiss läuft, nimmt die Nachfrage zu, die Zinsen steigen. Es gäbe also einen automatischen Stabilisierungsmechanismus, ohne dass die Zentralbank steuert. Allerdings liess man im Goldstandard Teilreservehaltung der Banken zu, sodass sie auch dort selbst Giralgeld schöpfen konnten. Deshalb kam es auch dort zu Kreditzyklen.

Warum ist mein Geld dann sicherer?
Es ist sicherer, weil dann ausschliesslich Geld zur Verfügung steht, das von der Zentralbank ausgegeben wird. Es hat einen Wert an sich, der vom Vertrauen der Geldnutzer in die Kaufkraft des Geldes bestimmt wird. Das Geld ist keine Schuldverschreibung mehr, die Geschäftsbanken auf Zentralbankgeld ausgeben. Die Bank sagt heute zwar, dass sie dieses Geld jederzeit in Zentralbankgeld eintauschen kann. Aber falls die Bank pleitegeht, muss sie dann vom Staat oder von der Zentralbank herausgehauen werden, sonst ist das Geld weg. In der Finanzkrise haben wir das erlebt. Von der Zentralbank ausgegebenes Geld bleibt davon unberührt.

Habe ich dann ein Konto bei der SNB oder immer noch bei einer Schweizer Bank?
Das kann man so oder so ausgestalten. Entweder die Zentralbank richtet Geldkonten ein, oder die Banken tun dies und decken diese Geldkonten zu 100% mit Reserven, die sie bei der Zentralbank halten.

Müssten Banknoten eingezogen und neu emittiert werden?
Nein. Im Gegenteil: Das Giralgeld wird den Banknoten gleichgestellt. Es ist praktisch eine elektronische Banknote.

Kann man Banken so einfach verbieten, Geld zu schöpfen?
Das ist kein Problem. Theoretisch reicht es, zu verlangen, dass Banken auf Giralgeld einen Reservesatz von 100% halten.

«Für Vollgeld wäre der Euro der ideale Kandidat.»

Wie lässt sich verhindern, dass Geldschöpfung in eine andere Branche abwandert?
Dazu braucht es einzig ein Gesetz, das festlegt: Alles, was den Leuten als Geld verkauft wird, aber nicht Geld ist, ist Betrug. Wenn Ihnen jedoch jemand einen heissen Kredit andreht, der verlockend erscheint, dann ist das Ihr eigenes Risiko. Sie können ihn aufnehmen und Ihr Vollgeld dem Kreditanbieter zu saftigen Zinsen geben. Ob Sie es zurückerhalten, ist eine andere Frage.

Ist die Schweiz nicht der falsche Adressat für Vollgeld? Hier gibt es keine Inflation, und das Finanzsystem ist solide.
Für Vollgeld wäre in der Tat der Euro der ideale Kandidat. Er ist eine wacklige Währung, weil sich die Staaten zum Teil extrem in Euro verschuldet haben und nicht sicher ist, ob sie diese Schulden jederzeit bedienen können. Auch stehen im Euroraum die Banken zum Teil auf schwachen Füssen. Dort wäre es sinnvoll, das Geld vom Bankwesen und von den Staaten zu trennen. Aber anders als in der Schweiz hat man dort als Bürger keine Möglichkeit, solch eine Idee voranzutreiben.

Bilder: Wer hinter der Vollgeldinitiative steckt

Die SNB wehrt sich gegen die Vollgeldinitiative mit dem Argument, sie müsse dann künftig Kreditentscheide treffen. Das sei nicht ihre Aufgabe und würde sie überfordern. Ist diese Sorge berechtigt?
Wer das sagt, hat das Vollgeldsystem nicht verstanden. Die Zentralbank trifft in dem System überhaupt keine Kreditentscheidungen. Sie weitet die Geldmenge einem stetigen Pfad folgend aus. Die Kreditentscheidungen werden von den Banken getroffen. Banken sammeln Spargelder ein und verleihen sie weiter.

Steigen die Kredit- und die Hypothekarzinsen, wenn Vollgeld eingeführt wird?
Es kann sein, dass es dann zu höheren Zinsen kommt. Aber das wäre gesund für die Wirtschaft. Denn die Zentralbanken drücken bisher die Zinsen nach unten. Das lässt sich seit zwei Jahrzehnten beobachten und erzeugt wiederkehrende Finanzkrisen. Es erinnert an Doping im Sport: Kurzfristig wirkt es, aber langfristig ruiniert es die Gesundheit des Sportlers.

«Fakt ist: Zentralbanken können die Inflation überhaupt nicht steuern.»

Zentralbanken haben doch erfolgreich die Inflation bekämpft.
Von wegen: Seit sie Anfang der Neunzigerjahre begannen, ihre Politik an Inflationszielen auszurichten, folgte eine Finanzkrise auf die nächste. 1994 hatten wir einen Crash am Bondmarkt, verursacht durch die Niedrigzinspolitik des Federal Reserve in den Jahren 1990/91, als es die texanische Sparkassenkrise bekämpfte. Und so ging es alle paar Jahre weiter. Stets waren scharfe Zinssenkungen Auslöser für Übertreibungen und Spekulationsblasen, die früher oder später platzten. Sie wurden dann mit noch tieferen Zinsen überwunden. So geht das bis heute.

Aber die Zentralbanken beglückwünschen sich doch gegenseitig, dass sie die Inflation in Schach gehalten haben. Mit einer Geldmengensteuerung hätten sie die Entwicklung nicht kontrollieren können.
Fakt ist: Zentralbanken können die Inflation überhaupt nicht steuern. Sie beglückwünschen sich zu etwas, das ihnen vor der Finanzkrise passiert ist, ohne dass sie es selbst herbeigeführt haben. Seit der Finanzkrise verfehlen sie ihre Inflationsziele. Zu behaupten, die Zentralbanken hätten mit ihrem «Inflation Targeting» die Teuerung steuern können, halte ich für Selbstbetrug.

Um systemische Risiken in den Griff zu bekommen, seien makroprudenzielle Instrumente wie der antizyklische Kapitalpuffer wirksamer als Vollgeld, sagen Kritiker.
Das kommt mir vor wie ein Autofahrer, der mit dem rechten Fuss Vollgas gibt und mit dem linken bremst und hofft, dass er damit die Kontrolle über das Auto behält. Jeder Autofahrer würde sagen: Der landet bestimmt im Graben, wenn er so fährt.

Die SNB sagt, sie könne in einem Vollgeldsystem keine Deviseninterventionen mehr durchführen. Stimmt das?
Ja, das ist richtig. Sie muss sich einfach darum kümmern, das Volumen der Frankengeldmenge stetig zu vergrössern. Die SNB hat nichts am Devisenmarkt verloren. Das sollte der Markt selbst machen.

«Zentralbanken verlieren im Vollgeldsystem an Macht. Deshalb sträuben sie sich auch so dagegen.»

In der Vergangenheit war die Schweiz mit dramatischen Aufwertungen konfrontiert. Soll da niemand schützend einspringen?
Das stimmt schon. Aber daran zeigt sich auch das Problem: Heutzutage manipulieren Zentralbanken weite Bereiche des Finanzmarktes. Die Zentralbanken manipulieren die Zinsen, aber nicht mehr nur die Geldmarktsätze, sondern bis hin zu den Zinsen langlaufender Staatsanleihen. Sie manipulieren die Wechselkurse. Japans Notenbank kauft sogar Aktien-ETF und manipuliert so die Aktienpreise. Wir sind mit diesem Geldsystem Schritt für Schritt in eine zentral geplante Geldwirtschaft gerutscht. Das tut nicht gut. Deshalb wäre es richtig, sich zurückzuziehen und dem Markt mehr Spielraum einzuräumen. Das kann bei Vollgeld geschehen, indem die Zentralbank die Geldmenge stetig wachsen und Zins wie Wechselkurs sich normal einpendeln lässt.

Bekommen Notenbanken im Vollgeldsystem mehr Macht, wenn Banken kein Giralgeld mehr schöpfen dürfen?
Nein, im Gegenteil: weniger Macht. Deshalb sträuben sie sich auch so dagegen. Zentralbanken werden im Vollgeldsystem auf einfache Geldausgabeinstitutionen reduziert. Sie können sich überlegen, wie der Trend des Geldmengenwachstums verläuft, zum Beispiel ob sich das Potenzialwachstum verändert hat. Darüber beraten sie vielleicht einmal im Jahr. Der Aktivismus würde aus dem System genommen. Das stört die Zentralbanken, denn sie fühlen sich als Zentralplaner wohl. Sie sind die Schattenregierungen der Welt.

Die SNB fürchtet, dass sie unter stärkeren politischen Druck geriete.
Das Vollgeldsystem müsste man so ausgestalten, dass die Zentralbank autonom die Geldmenge langfristig ausweitet. Das muss ihre einzige Aufgabe sein.

Die Initianten werben mit der Ausschüttung von Geldschöpfungsgewinnen, die dank Vollgeld entstehen. Weckt das nicht politische Begehrlichkeiten?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man kann das, was man als gerechtfertigte Ausweitung der Geldmenge erachtet, den Bürgern als Gelddividende pro Kopf gutschreiben. Das ist nicht zu verwechseln mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Da hat die Regierung gar nichts mitzureden. Jeder Inländer erhielte den gleichen Betrag.

«Die einzige berechtigte Befürchtung ist, dass der Franken dank Vollgeld so attraktiv wird, dass er sich deutlich aufwertet.»

Die Schweiz wäre ein Versuchskaninchen. Sie kann Vollgeld nicht allein einführen, schon gar nicht als Finanzplatz, sondern nur gemeinsam mit anderen Ländern. Sonst droht sie eine ihrer wichtigsten Branchen auszuhöhlen.
Wieso sollte der Finanzplatz leiden, wenn sich die Schweizer ein solides Finanzsystem geben? Das bisherige Geldsystem hat mit dazu beigetragen, dass eine grosse Schweizer Bank wie die UBS ins Straucheln geraten ist. Wenn ich ein System habe, das von den Banken verlangt, dass sie solide wirtschaften, ist das doch eher vorteilhaft.

Gibt es denn gar keine Risiken?
Die einzige berechtigte Befürchtung ist, dass durch die Vollgeldordnung der Franken so attraktiv wird, dass ihn jeder haben will und er sich deutlich aufwertet. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Es müssen Kapitalverkehrskontrollen für Zuflüsse verhängt werden. Devisenmarktinterventionen sind nicht mehr möglich.

Auch Negativzinsen könnte die SNB nicht mehr verhängen?
Nein. Im Vollgeldsystem sind Notenbanken völlig raus aus dem Zinsgeschäft.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 25.05.2018, 15:00 Uhr

Zur Person

Spätestens mit seinem Ruf nach einem europäischen Währungsfonds wurde Thomas Mayer einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Der Vorschlag wurde Monate vor dem Ausbruch der Griechenlandkrise 2010 gemacht. Er nahm damit vorweg, was später auf Umwegen in abgewandelter Form tatsächlich notwendig wurde: der Euro-Rettungsschirm ESM. Mayer, 1954 im süddeutschen Backnang geboren, promovierte 1982 an der Universität Kiel und war danach bis 1990 beim Internationalen Währungsfonds tätig.

Als Makroanalyst arbeitete er u. a. zehn Jahre bei Goldman Sachs und ab 2002 bei der Deutschen Bank, zuletzt bis Mitte 2012 als ihr Chefökonom. Heute leitet er das 2014 in Köln gegründete Flossbach von Storch Research Institute, die Denkfabrik des gleichnamigen Vermögensverwalters. Mayer ist Honorarprofessor der Universität Witten-Herdecke.

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