«Im nächsten Jahr geht es wieder aufwärts»

Swisscom, Lonza, UBS, Electrolux: Die Nachrichten über Personalkürzungen häufen sich. Der stellvertretende Chefökonom der BAK Basel sagt, ob der Schweiz eine Entlassungswelle bevorsteht.

Die Schweizer Uhrenindustrie konnte trotz Eurokrise neue Mitarbeiter einstellen. Arbeiterin beim Montieren einer Rolex im Werk in Biel.

Die Schweizer Uhrenindustrie konnte trotz Eurokrise neue Mitarbeiter einstellen. Arbeiterin beim Montieren einer Rolex im Werk in Biel. Bild: Keystone

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In den letzten Tagen haben gleich mehrere Unternehmen grössere Entlassungen angekündigt. Ist die Eurokrise jetzt in der Schweiz angekommen?
Der Arbeitsmarkt reagiert auf Konjunkturabschwächungen immer mit Verspätung. Seit der zweiten Hälfte des letzten Jahres läuft die Wirtschaft in der Schweiz nicht mehr so gut – im zweiten Quartal des laufenden Jahres stagniert die Wirtschaft, und auch für das dritte Quartal 2012 rechnen wir mit einem Nullwachstum. Dies wirkt sich jetzt mit Verzögerung auf den Arbeitsmarkt aus.

Müssen wir uns also auf weitere Meldungen über Entlassungen im grösseren Stil einstellen?
Es kann sein, dass einzelne Unternehmen noch Leute entlassen werden. Wir rechnen jedoch nicht mit einer grossen Welle. Ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit ist nicht zu befürchten. Bis Ende Jahr dürfte die Arbeitslosigkeit allenfalls leicht auf saisonbereinigte 3,4 Prozent zunehmen. Anfang bis Mitte 2013 sollte die Konjunktur dann wieder anziehen.

Woraus schöpfen Sie diesen Optimismus?
Die Eurokrise ist zwar noch nicht überwunden, aber sie wird an Virulenz verlieren. Wir gehen davon aus, dass die Wirtschaft im Euroraum sich damit langsam wieder erholt. Auch aus den USA erreichen uns positive Signale. Allerdings hängt die wirtschaftliche Erholung in den USA noch vom Ausgang der Wahlen ab und davon, ob die sogenannte Fiscal Cliff, die automatische Umsetzung von Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen, umschifft werden kann. In China hat die Industrieproduktion im Oktober wieder angezogen. Auch davon erwarten wir uns positive Impulse für Schweizer Unternehmen.

Ist es nicht vielmehr verwunderlich, dass Schweizer Unternehmen sich so gut behaupten, obwohl Länder wie Italien und Spanien tief in der Rezession stecken?
Der Schweiz kommt zugute, dass die Realeinkommen weiterhin steigen und die Binnenwirtschaft sehr gut läuft. Auch der wichtigste Handelspartner Deutschland hat sich bisher gut durch die Krise gerettet. Ausserdem richtet sich die Schweizer Exportwirtschaft stärker nach Asien aus. Das Beispiel der sehr gut laufenden Uhrenindustrie zeigt dies eindrucksvoll.

Welche Rolle spielen die Einwanderer für die Konjunktur?
Die anhaltende Einwanderung hat massgeblich zu den positiven Wachstumsraten beigetragen, wobei dies nicht vorrangig ein konjunkturelles Phänomen ist. Die Bauwirtschaft boomt, weil mehr Menschen mehr Wohnungen brauchen. Auch der Konsum wird durch die wachsende Bevölkerung gestützt.

Wird die Einwanderung in die Schweiz anhalten?
Kurzfristig sehen wir noch keine Zeichen der Abschwächung. Vielleicht wird die Schweiz als Einwanderungsland etwas weniger attraktiv. Aber solange die Wirtschaftslage in den umliegenden Ländern schwierig ist, werden Arbeitskräfte weiter ihr Glück in der Schweiz suchen. Es könnte sein, dass weniger Zuwanderer aus Deutschland kommen, dafür aber mehr Menschen aus Südeuropa.

Wie viel Wachstum braucht es eigentlich, um die Arbeitsplatzverluste durch die steigende Produktivität aufzufangen?
Um den Bedarf an Arbeitskräften konstant zu halten, braucht es ein Wachstum von knapp über einem Prozent. Das sollte im nächsten, spätestens übernächsten Jahr wieder zu erreichen sein.

Erstellt: 01.11.2012, 16:44 Uhr

Martin Eichler ist stellvertretender Chefökonom des Wirtschaftsforschungsinstituts BAKBasel (Bild: zvg).

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